Saisonfinale mit russischer Seele

Zum Saisonende imponierte das Thuner Stadtorchester mit einem Sinfoniekonzert, in dem die Komponisten Schostakowitsch und Mussorgski für hinreissenden Prunk sorgten.

Das Thuner Stadtorchester mit Solist Christoph Croisé am Cello und Dirigent Laurent Gendre.

Das Thuner Stadtorchester mit Solist Christoph Croisé am Cello und Dirigent Laurent Gendre.

(Bild: Markus Hubacher)

Mit Lippenbekenntnissen vor Gericht rettete sich der Komponist Dmitri Schostakowitsch unter der Stalin-Herrschaft, die ihn als volksfremd und dekadent aburteilte. Nach dem Tod des Diktators im Jahr 1953 wagte der Komponist wieder künstlerisch zu atmen. Das Konzert für Violoncello und Orchester Nr. 1 Es-Dur op. 107, das als musikalische Abrechnung mit Stalin gilt, schrieb er dem befreundeten Cellisten Mstislaw Rostropowitsch auf den Leib. Als Solisten für dieses Werk gewann das Stadtorchester Thun den Schweizer Cellisten Christoph Croisé.

Wie eine Faust

Das Hauptthema dieser Stalin-Abrechnung besteht aus den vier Tönen D-Es-C-H, dem Monogramm des Meisters, der mit dem verstorbenen Widersacher hart ins Gericht geht und etwas hämisch das Lieblingslied des Diktators, «Suliko», aufgreift. Im ersten Satz scheint Schostakowitsch zu schimpfen und zu protestieren, gerne wird der Satz als grotesk und etwas übersteigert beschrieben. Mit einem Paukenschlag endet dieser Satz, als ob Schostakowitsch mit der Faust auf den Tisch hauen würde. Der zweite Teil des Werks besticht durch wehmütiges Klagen, das in wuchtige Akkorde der Streicher und grelle Klänge des Orchesters übergeht. Das Solohorn übt sich in Zurückhaltung. Dieser Satz mündet in einer Stimmung, in der ein Mörder auszumachen ist, der hinter seinem Opfer herschleicht. Cellist Christoph Croisé meisterte mit Flageoletttönen und leidenschaftlichem Spiel die Solopassagen mit Bravour. Die rund 500 Gäste im Schadausaal des KKThun applaudierten lang anhaltend, sodass der Solist eine technisch anspruchsvolle Zugabe mit der Caprice Nr. 7 von Alfredo Piatti spendierte.

Der Reichtum der Klangfarben in Modest Mussorgskis «Bilder einer Ausstellung» regte schon früh andere Komponisten an, das Werk auch für Orchester und andere Instrumentalbesetzungen zu bearbeiten. Die bekannteste Bearbeitung ist von Maurice Ravel, die das Thuner Stadtorchester wählte. Das erhabene Thema der Promenade durch die Solotrompete taucht als guter Freund immer wieder auf. Es soll den Komponisten selbst darstellen, der durch die Ausstellung wandert. Die Besetzung ist üppig mit Flöten, Oboen, Klarinetten, Fagotten, Altsaxofon, Hörnern, Trompeten, Posaunen und Tuba. Ebenso vielfältig ist die Perkussion mit Pauken, Triangel, Trommel, Peitsche, Ratsche, Becken, Glockenspiel, Xylofon und Röhrenglocke bestückt. Dazu kommen Celesta, Harfe und Streicher: Ein starkes Stück mit hinreissenden Bläsern und einem Orchester, dem jeder Zuhörende die Leidenschaft für Musik mehr als glaubte, fand ein fulminantes Ende voller Majestizität.

Fragebogen für die Besucher

Christoph Müller, der Präsident des Thuner Stadtorchesters, ergriff nach der Pause die Gelegenheit, seinem treuen Publikum zu danken. Lächelnd lobte er die Thuner Klassikfans im Saal, weil sie darauf verzichten würden, zwischen den Sätzen zu klatschen, um ein Werk nicht zu unterbrechen. Er sei den Musizierenden dankbar für die Disziplin, unermüdlich zu proben. Dass Laurent Gendre als Dirigent schon fast 20 Jahre dem Orchester die Treue halte, sei ein echter Glücksfall. Nach dem Konzert erhielt jeder Besuchende einen frankierten Umschlag mit einem Fragebogen. «Der Vorstand möchte eine Standortbestimmung anstreben», so Müller, «deshalb bitte ich Sie, den Bogen auszufüllen und an mich zurückzusenden.»

Die Saison 2019/2020 des Thuner Stadtorchesters beginnt am 14. und 15. September 2019 mit Werken von François Pantillon, Carl Maria von Weber und Franz Schubert, Solofagottist Thomas Kalcher.

www.thunerstadtorchester.ch

Thuner Tagblatt

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