Stiftung Pluspunkt in Schieflage – der Gründer muss gehen

Thun

Die Stiftung Pluspunkt hat das Arbeitsverhältnis mit Gründer und Geschäftsführer Jonas Baumann-Fuchs aufgelöst, die Gasthof zum Lamm AG ist pleite. Laut Stiftungsratspräsident Gian Sandro Genna ist das Lamm aber weiter offen, die Betreuungsplätze für 50 Jugendliche sollen erhalten bleiben.

Gasthof Lamm im Gwatt: Die Gasthof zum Lamm AG ist in Konkurs gegangen – der Betrieb bleibt aber offen.

Gasthof Lamm im Gwatt: Die Gasthof zum Lamm AG ist in Konkurs gegangen – der Betrieb bleibt aber offen.

(Bild: Michael Gurtner)

Von einer «einzigartigen Erfolgsgeschichte» für die 2011 gegründete Institution schreibt die Stiftung Pluspunkt in einem Informationsbulletin: 50 Jugendliche und junge Erwachsene würden an den Standorten Thun und Spiez betreut – sie sollen ins wirtschaftliche und soziale Leben integriert werden.

Doch jetzt erleidet die Erfolgsgeschichte einen herben Dämpfer: Wie es mit Pluspunkt weitergeht, ist derzeit unklar. Die finanzielle Situation hat sich im Geschäftsjahr 2016 massiv verschlechtert. Grund: der Geschäftsgang der Tochtergesellschaft Gasthof zum Lamm AG. «Der Gasthof hat 300'000 Franken Defizit gemacht – bei einem Umsatz von rund einer Million», nennt Gian Sandro Genna gegenüber dieser Zeitung Zahlen.

Der Thuner Rechtsanwalt und Pluspunkt-Stiftungsratspräsident führt aus, der Gasthof habe auch deutlich bessere Jahre erlebt und müsse zudem als Aushängeschild keine «Cashcow» sein. «Aber: Wir können nicht nochmals 300'000 Franken reinstecken, sonst droht letztlich auch der Stiftung das Aus.» Deshalb sei dem Verwaltungsrat im Juli nichts anderes übriggeblieben, als die Bilanz zu deponieren und den Konkurs über die Gasthof Lamm AG herbeizuführen.

Trennung vom Gründer

Diese Situation und damit verbundene unterschiedliche Auffassungen über Führungs- und Managementgrundsätze sowie über die Bewältigung der Krise habe den Stiftungsrat veranlasst, das Arbeitsverhältnis mit dem Gründer und Geschäftsführer Jonas Baumann-Fuchs aufzulösen.

Baumann-Fuchs stehe der Stiftung in nächster Zeit noch beratend und für fachlich-therapeutische Fragen zur Verfügung. Seine Funktionen und Kompetenzen als Geschäftsführer von Stiftung und Betrieben habe er jedoch per sofort abgegeben. Genna sagt dazu, der Entscheid sei nicht leichtgefallen. «Mir persönlich tut es wirklich weh. Doch irgendwann muss man sich vom Gründer emanzipieren, das ist in jedem Unternehmen so.»

Der Stiftungsratspräsident spricht von operativen Fehlern, die im Unternehmen gemacht worden seien – etwa bei der Personalauswahl oder Investitionen. Aber hätte nicht der Stiftungsrat selber viel früher reagieren müssen? «Wir haben uns immer intensiv mit dem Gasthof befasst. Er war stets eine Baustelle, während die Wohnangebote rasch sehr gut ausgelastet waren», antwortet Genna.

Man habe mehrfach an den Öffnungszeiten und am Angebot geschraubt. «Die Vorjahre waren noch einigermassen im Rahmen, sodass wir eine Zukunft für den Gasthof sahen.» Im Jahr 2016 sei dann leider vieles schiefgelaufen. «Wir haben bereits in diesem Frühling reagiert und den A-la-carte-Betrieb gestrichen», sagt Genna.

«Wir haben keine Reserven»

Klar ist: Mit dem Konkurs erleiden nicht nur Lieferanten und Partner erhebliche Verluste, sondern auch die Stiftung Pluspunkt selber. Gian Sandro Genna spricht von einem Schaden in hohem sechsstelligem Bereich. Die Angebote der Stiftung würden ­jedoch weitergeführt. «Und der Betrieb im Lamm geht sicher bis Ende Jahr weiter, die gebuchten Anlässe werden durchgeführt», betont Genna.

Doch wie stark ist die Stiftung selber gefährdet? «Nicht unmittelbar. Aber wir fahren sehr, sehr eng», gibt der Stiftungsratspräsident unumwunden zu. Weil Darlehensgeber für den Moment auf Rückforderungen verzichtet hätten, sei die Stiftung 2016 im Gleichgewicht geblieben. Die Wohnangebote seien sehr gut ausgelastet – mit den budgetierten 80 Prozent Auslastung funktioniere es. «Aber einen Einbruch darf es nicht geben. Wir haben keine Reserven.»

Genna selber übernimmt nun die administrative Geschäftsführung ad interim. Dazu sagt Genna: «Es braucht eine Interimslösung – eine extern eingekaufte Lösung wäre viel teurer.» Zudem kenne er die Institution seit der Gründung. «Aber es ist völlig klar: Ich habe einen Zeithorizont bis längstens Ende Jahr.» Bis dann soll die Zukunft definitiv geklärt sein – denn «es ist das Ziel, sowohl die über 60 Arbeits- wie auch die rund 50 Klientenplätze in der Wohn- und Arbeitsintegration zu erhalten. Dafür arbeiten wir.» Kündigungen aus wirtschaftlichen Gründen seien nicht geplant.

Suche nach Partnern

Wie soll der Turnaround geschafft werden? «Ganz einfach: Wir suchen Kooperationen», sagt Genna. «Vielversprechende» Gespräche laufen, Namen von möglichen Fusions- oder Kooperationspartnern nennt der Rechtsanwalt nicht. Er führt aus: «Wir haben in vielen Bereichen die nötige Grösse nicht.» So bräuchte es etwa bei der Glaceherstellung durch den Bereich Glacenheit Investitionen für eine grössere Produktionsstätte.

Auch von Kanton und IV komme Druck in Richtung Fusionen: «Sie möchten mit grösseren Playern zusammenarbeiten, gerade bei der Arbeitsintegration.» Zudem sei es ein grosser Nachteil, dass Pluspunkt keinen Leistungsvertrag mit der IV habe. Die Tendenz gehe deshalb dahin, dass sich die Stiftung allenfalls unter die Fittiche einer grösseren Institution begeben könnte.

Lösung per 1. Januar 2018?

Gian Sandro Genna betont: «Der Stiftungsrat kämpft dafür, dass es weitergeht – das kann auch ohne uns sein. Wir geben unsere Ämter ab, sobald die Institution in guten Händen ist.» Der Zeitplan sei eng: Der Stiftungsratspräsident geht davon aus, dass im Herbst wesentliche Fragen geklärt seien – «damit eine Lösung per 1. Januar 2018 aufgegleist werden kann».

Thuner Tagblatt

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