Theater in leisen Tönen erzählt

Thun

Die Kulturgruppe Markus der Kirchengemeinde Thun-Strättligen präsentierte am Sonntag das musikalische Erzähltheater «Die Ballade vom traurigen Café».

«Die Ballade vom traurigen Café» spielten berührend (v. l.): Joe Fenner, Cornelia Montani, Daniel Schneider und Kristian Trafelet. Hier sind die vier in einer Szene während des Auftritts in der Markuskirche an der Schulstrasse in Thun zu sehen.

«Die Ballade vom traurigen Café» spielten berührend (v. l.): Joe Fenner, Cornelia Montani, Daniel Schneider und Kristian Trafelet. Hier sind die vier in einer Szene während des Auftritts in der Markuskirche an der Schulstrasse in Thun zu sehen.

(Bild: Christina Burghagen)

Klagend hohe Mundharmonikatöne wie ein quietschender Fensterladen im Wind, verträumter Gesang und leise Klarinettenweisen holen das Publikum in eine abgelegene Kleinstadt irgendwo in den Südstaaten. Ein Blinder (Joe Fenner) beginnt die Geschichte von Amelia (Cornelia Montani) zu erzählen.

Sie war eine dunkle, hochgewachsene Frau und hatte Muskeln und Knochen wie ein Mann. «Mit grauen, schielenden Augen, die beide so stechend einwärts gerichtet sind, als tauschten sie untereinander einen langen Blick verschwiegenen Grams aus.»

Ihr Vater hatte ihr das Haus mit einem Drugstore vermacht, in dem sie illegal selbst gebrannten Schnaps ausschenkte.

Schwanz des Eichhörnchens

Obwohl sie reich war, nutzte sie jede Gelegenheit, andere zu übervorteilen. Und ständig strengte sie Gerichtsverfahren gegen andere Bürgerinnen und Bürger an. Kranke behandelte sie allerdings kostenlos mit Heilmitteln, die sie selbst braute.

Zehn Tag sei sie mit Marvin (Kristian Trafelet) verheiratet gewesen, der als einer von sieben ungewollten Kindern als erwachsener Mann in der ­Lage war, Eichhörnchen den Schwanz abzuschneiden. Die Liebe zu Amelia läuterte ihn nur kurzfristig, denn ihre Ablehnung stiess ihn endgültig auf die schiefe Bahn und ins Zuchthaus.

Während dieser Zeit tauchte der bucklige, zwergwüchsige Lymon auf, der behauptete, ihr Vetter zu sein. Mit verliebter Hingabe verwöhnte die Schielende den Gnom, der gerne andere gegeneinander ausspielte und im aufblühenden neuen Café im Haus unterhaltsam Lügengeschichten zum Besten gab.

Nach Jahren wurde Marvin aus dem Zuchthaus entlassen und nahm seine versprochene Rache an Amelia. Bei einem Kampf der beiden hilft der Bucklige Marvin zu siegen und verschwindet mit ihm für immer. Zurück bleibt die vergrämte Frau, die man seither nur ab und zu am Fenster sieht. Das Café gibt es nicht mehr.

Die Mundartfassung packte

Fein gewebtes Erzähltheater mit hauchzartem Bluegrasssound und minimalistischem Bühnenbild packt das Publikum schon mit dem ersten Ton der Mundharmonika. Die Mundartfassung von «Die Ballade vom traurigen Café» von Carson McCullers und Edward Allbee übernahmen Joe Fenner und Cornelia Montani, die auch die Amelia spielt.

Regisseur Klaus Henner Russius schuf eine Inszenierung mit leiser Intensität. Das Schicksal der schräg ins Leben gebauten Menschen kriecht dem Publikum auf den Schoss und setzt Assoziationen frei, wenn etwa der Satz fällt: «Es steht uns nicht zu, über diese Liebe zu richten.» Nicht zuletzt das virtuose Klarinettenspiel von ­Daniel Schneider verleiht dem Stück eine traurig-schöne Atmosphäre.

Die nächsten Anlässe in der Markuskirche, Schulstrasse 45 A, Thun: Am 10.Dezember 2017, 16 Uhr, spielen Wenzel Grund (Klarinette), Anna Barbara Dütschler (Violine, Viola) und Helene Ringgenberg (Hammerflügel) unter dem Titel «Musik vor der Lichterwand» u. a. Werke von Carl Philipp Emanuel Bach und Wolfgang Amadeus ­Mozart. Am 16. Januar 2018, 17 Uhr, gastiert «Looslis Puppentheater» mit dem Marionettenstück «Die Kinderbrücke».

Thuner Tagblatt

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt