Thun fröstelt – Honky Tonk heizt ein

Thun

Frische regionale Musikprodukte schmecken soundhungrigen Ohren besonders gut: Am Samstag bewiesen achtzehn lokale Bands in ebenso vielen Kneipen, Bars und Restaurants beim Honky Tonk Festival ihre Livequalitäten.

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Gäste beissen genüsslich in ihre «Mundwichs de luxe» oder nippen an ihrem Bierchen. Alles ­völlig normal in der Kulturbar Mundwerk an diesem Samstagabend. Aber im Keller steppt der Honky-Tonk-Bär. «Buenos días, miner Dame und Herre, e wunderschöne Tag imene Land, wo sech d Lüt fasch über nüt ufrege... ­Ritter und Knappe kämpfe gäge gägnerische Waffe... Lalalalalalala – hey – hey – hey», groovt Vater Morgana im Song «Mönch».

Doch Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste, also schnell die Ohrstöpsel platziert, bevor die Lautstärke das Trommelfell schrottet. Die sechsköpfige Band um Rety del Rey liefert rund vierzig Musikfans eine Art vertonten Poetry-Slam mit hartem Beat. Selbst nennen sie es Rap, wobei kaum eine Stilrichtung vor der Formation sicher ist. «Ihr seid das beste Publikum!», ruft Rety, «wie gäng. Hets alti Lüt hie?», will der Frontmann wissen.

Der Altersdurchschnitt des Publikums liegt bei 30, lassen ein paar graue Schläfen vermuten. Sie spielen jetzt ein Stück über die heutige Jugend, die lieber chille, als etwas zu ändern. Darauf folgt beim Instrumentalstück «Kafi» ein starkes Bass­gitarrensolo von Martin.

Memo an die Schreiberin dieser Zeilen: Ziehe nie wieder einen Alpakamantel mit passendem Schal zum Honky Tonk Festival an! Es fühlt sich ein bisschen wie Weihnachtsshopping an: Draussen klirrt die Kälte, und jede Schicht Bekleidung ist Gold wert, drinnen hat die Temperatur eine Dampfbadqualität erreicht, doch wohin mit der Garderobe?

Von Netzhautpeitsche bis Flower-Power-Verkleidung

Die nächste Station führt an den Berntorkreisel ins Anthra. Ein Vögelchen zwitscherte, dass dort eine namhafte Band unter der ­falschen Flagge Ocean Orchestra segle. Der Laden scheint zu kochen. Der Gitarrist trägt ein güldenes Jackett, die Hose des Sängers, apfelsinenfarben und bis in die Taille reichend, geht prima als Netzhautpeitsche durch. Die Beinkleider eines weiteren Gitarristen zieren orange VW-Busse. Die Flower-Power-Verkleidung kann die Fans aber nicht täuschen. Da oben rocken The Souls den Saal.

Aufmerksame Honky-Tonker sind schon auf der Website stutzig geworden, denn der Link zum sogenannten Ocean Orchestra führt zu www.thebeatles.com. Die durch Mark und Bein gehende Stimme von The-Souls-Sänger Janik Messerli wischt letzte Zweifel fort. «Letztes Jahr am Festival sind sie auch undercover aufgetreten», erklärt eine junge Besucherin. Da wurde die Thuner Band von SRF 3 zum «Best Talent» erkoren.

Von Livemusik und Herzblutmusikern

Rein in den Alpakamantel, raus auf die Strasse Richtung Zunfthaus zu Metzgern: Tom Lee & Band mit Bluegrasssound ziehen über hundert Fans des gepflegten Country in den Saal im ersten Stock. Allein angesichts des beseelten Liedes «Der Wind weht schneller wegen dir» könnte man fast Weihnachtslieder abschaffen.

Zusammen mit seiner Duettpartnerin schafft es Tom Lee, eine festlich-besinnliche Atmosphäre zu zaubern. Die Formation beweist stellvertretend für alle achtzehn Bands, die am Honky Tonk Festival auftreten, dass hervor­ragende Livemusik von Herzblutmusikern gespielt und gesungen durch nichts zu ersetzen ist.

Jessie & the Gents spielen im Alten Theaterkeller Blues und Country. Mit Banjo und Pedal-Steel-Gitarre, die flach auf den Oberschenkeln liegend vom Musiker gezupft wird, entsteht ein unverwechselbarer Sound, der das überwiegend reife Publikum fasziniert. Die Gäste haben es sich auf Bänken gemütlich gemacht und lauschen den melodiösen Weisen und der sanften Stimme von Jessie.

«This Is a Man’s World!» sang er in der Schmiedstube

Aus der Schmiedstube tönt nach bester James-Brown-Manier «This Is a Man’s World!», doch der erwartete Soul wird von Brian Witt & Hunting Bones durch Rap-Passagen ersetzt. Bis zur Geisterstunde grooven die Band des Honky Tonk Festival in der Thuner Innenstadt. Eine Gruppe junger Männer in der Oberen Hauptgasse unterhält sich brüllend, bis einer ruft: «Ey, wir haben vergessen, die Ohrstöpsel rauszunehmen!»

Die Lautstärke des Gesprächs normalisiert sich schlagartig, und das Gelächter nimmt kein Ende.

Thuner Tagblatt

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