Zum Hauptinhalt springen

Trotz Duz-Trend: Höflichkeitsform hat noch nicht ausgedient

Du – oder doch besser die Höflichkeitsform? Viele Leute sind heute verunsichert, was die Anredeform betrifft. Dass Firmen und Orga­nisationen diese Frage unterschiedlich handhaben, sorgt für zusätzliche Verwirrung.

WAG am Hännisweg: Situative Duzkultur - je nach Person und Stellung wird das Du angeboten oder eben auch nicht.
WAG am Hännisweg: Situative Duzkultur - je nach Person und Stellung wird das Du angeboten oder eben auch nicht.

«Du bist doch sicher auch ein Tierfreund!?» Die junge Dame sammelt auf der Strasse für eine Tierschutzorganisation und stellt sich dem Autor dieses Artikels in den Weg. «Sicher – aber . . . kennen wir uns?» Das sagt der Angesprochene (*1964) nicht. Aber es wäre die ehrlichste Antwort. Denn er ist über die Phase hinaus, in welcher er das Du als Zeichen seiner noch immer relativ jugendlichen Erscheinung interpretierte und sich entsprechend darüber freute. Im Gegenteil: In diesem Kontext empfindet er das Duzen als reine Anbiederei.

Ist die Höflichkeitsform bald Vergangenheit? Es sieht ganz danach aus. Verkäuferinnen in kleinen Läden, Servicepersonal in Restaurants, junge Leute, die auf der Strasse Spenden und neue Mitglieder für eine wohltätige Organisation sammeln – sie duzen einen immer öfter. Aber auch auf höherer Ebene verliert die Höflichkeitsform zunehmend an Bedeutung.

Der Tamedia-Konzern beispielsweise, der an dieser Zeitung beteiligt ist, setzt auf eine radikale Duzkultur – nicht nur zwischen den Angestellten bis ­hinauf in die Teppichetage, sondern auch gegen aussen: «Suchst du eine Stelle als . . .» steht in den Inseraten, und folgerichtig werden die Bewerberinnen und Bewerber bereits bei den Anstellungsgesprächen geduzt.

Als das Sie die Regel war

Dass sich das Anredeverhalten in den letzten Jahrzehnten geändert hat, stellte auch Hans Rudolf Zaugg, Geschäftsleitungsmitglied der Silea, fest. Als er seine Stelle bei der Stiftung für inte­griertes Leben und Arbeiten am Hännisweg im Gwatt vor fast 34 Jahren antrat, war das Sie die Regel. «Es war uns freigestellt, mit wem man wann Duzis machte. In der Regel war man auf gleicher Hierarchiestufe schon damals beim Du.» Je kleiner die Differenz in der Hierarchiestufe, desto häufiger sprach man sich per Du an, blickt Zaugg zurück. «Menschen mit Beeinträchtigung mussten in der ehrenden Form mit dem Vornamen angesprochen werden, also zum Beispiel ‹Frieda, würden Sie mir bitte . . .›.

Heute sei es so, dass es immer noch jedem Mitarbeitenden unabhängig von der Hierarchiestufe freigestellt sei, ob er das Du annehmen und verwenden wolle. «In der Regel sind wir jedoch in der ganzen Silea über alle Hierarchiestufen beim Du. Aber einen Zwang oder eine bindende Vorgabe gibt es nicht. Auch gegenüber Menschen mit Beeinträchtigung hat sich das Duzismachen mehr und mehr durchgesetzt. Aber auch hier gibt es keine bindende Regel. Menschen mit Beeinträchtigung dürfen wünschen, ob sie per Sie oder per Du angesprochen werden möchten. Das Sie oder das Du gilt dann gegenseitig.»

«Grundsätzlich muss es für die Betroffenen stimmen.»

Barbara Hirschi, WAG

Keine fixen Regeln gebe es auch in der Wohn- und Arbeitsgemeinschaft für Körperbehinderte Gwatt (WAG), sagt Barbara Hirschi, Bereichsleiterin Administration / Zentrale Dienste. «Grundsätzlich muss es für die Betroffenen stimmen. Die Mitarbeitenden unter sich duzen sich bereits während der Schnuppertage. Wir von der ­Geschäftsleitung sind etwas zurückhaltender. Das Du bieten wir den Mitarbeitenden zum Beispiel nach der Probezeit an. Es kommt auch immer etwas auf die Persönlichkeit an . . . Bei den Bewohnerinnen und Bewohnern warte man grundsätzlich ab, bis sie uns Mitarbeitenden das Du anbieten. «Selbstverständlich ist auch hier das Alter noch eine zu beachtende Komponente», betont Barbara Hirschi. «Wir haben nicht nur einen situativen Führungsstil, sondern auch eine situative Duzkultur.» Und wie sieht es in der Wirtschaftswelt aus?

«Bei der Schleuniger AG Thun sind alle Mitarbeitenden per Du, inklusive Management, dies aber erst bei Stellenantritt und nicht bereits bei Vorstellungsgesprächen», erklärte Regula Bechtel, Assistentin der ­Geschäftsleitung. «Bei der Zusammenarbeit mit den inter­nationalen Standorten der Schleuniger-Group wird auf örtliche Gepflogenheiten Rücksicht genommen. Die Tendenz liegt aber auch hier beim per Du nach dem ersten Treffen beziehungsweise Kontakt.» Weitere grosse Firmen, die von dieser Zeitung zum Thema Duzen befragt wurden, gaben keine Auskunft. Das gilt auch für die grössten Gemeindeverwaltungen in der Region.

Übergangslösung am Gymer

Die Frage der richtigen Anredeform stellt sich auch für Lehrpersonen im Umgang mit älteren Schülerinnen und Schülern. «Lehrpersonen duzen sich im Schulhaus und über die Schulhäuser hinaus in aller Regel. Das Gleiche gilt zwischen den Schulleitungen und in aller Regel auch zwischen den Schulleitungen und den Lehrpersonen», sagt Hans-Ueli Ruchti, Rektor des Gymnasiums Thun.

«Zwischen Lehrpersonen und Schülerinnen und Schülern gilt in der Regel das Sie. Die Schülerinnen und Schüler werden mit Sie und ihrem ­Vornamen angesprochen. Dies stellt eine Art Übergangslösung dar, da den Quartaner mit Herr anzusprechen ebenso fremd wirkt wie das Ansprechen einer Maturandin mit dem Du, während sie die vielleicht wenig ältere Lehrperson siezt.»

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch