Überforderte Halter, arme Hunde?

Immer wieder werden Hunde von überforderten Haltern abgegeben. Ruedi Grütter, Leiter des Tierferienhofes Rotachen, hat in 44 Jahren in seinem Beruf reichlich Erfahrungen gemacht.

Huskys brauchen viel Bewegung.

Huskys brauchen viel Bewegung.

(Bild: Lina Weber)

Meine Eltern und ich hatten elf Jahre lang eine Berner Sennenhündin. Für mich gehörte sie zur Familie, und ich hätte sie für kein Geld der Welt wieder loswerden wollen. Deshalb kamen mir Halter, die ihre Hunde ins Tierheim brachten, lange grausam vor. Überforderte Besitzer handeln aber – so sagt Ruedi Grütter vom Tierferienhof Rotachen in Heimberg – nicht aus Grausamkeit. Oft sei es die schiere Unwissenheit, weil sich die Leute nicht richtig informieren, bevor sie einen Hund anschaffen.

«Sie wollen einfach einen Hund, bis sie ihn haben, und dann bemerken sie, dass er plötzlich sein Geschäft im Wohnzimmer erledigt, weil er ein Welpe ist. Das sollte er nicht», sagt Grütter, der auf mittlerweile 44 Jahre Erfahrung zurückblicken kann. Dabei sei es aber nicht nur der Fehler des Halters, wenn so etwas passiert. Es sei auch in der Verantwortung des Züchters, sicherzugehen, dass sich die zukünftigen Besitzerinnen und Besitzer bewusst seien, worauf sie sich einlassen.

Ruedi Grütter kümmert sich seit 44 Jahren um verlassene Hunde. Bild: Lina Weber

Süsse Welpen

Wie es enden kann, wenn sich die Halter im Vorfeld nicht genügend informieren, erfahre ich auch. Grütter erzählt, dass sie einst einen Welpen erhielten, der nur vierzehn Tage bei der Familie gelebt hatte. Die Besitzer gaben ihn mit der Begründung ab, dass er nicht stubenrein sei.

Glücklicherweise ist die Nachfrage nach Welpen gross, und es konnte schnell ein neuer Platz für ihn gefunden werden. Bei ausgewachsenen Hunden geht das oft nicht so leicht. Es könne schon einmal vorkommen, dass sie bis zu einem Jahr auf dem Tierferienhof bleiben. Bis jetzt haben Ruedi Grütter und sein Team aber noch für jeden Hund früher oder später ein passendes Plätzchen gefunden.

«Man muss sich vor allem bewusst sein, was man für einen Hund hat.»Ruedi Grütter, Tierferienhof Rotachen

Damit garantiert ist, dass der Hund nicht wieder bei ihnen landet, stellt Grütter in langen Gesprächen sicher, dass sich die neuen Halter im Klaren darüber sind, worauf sie sich einlassen. «Man muss sich vor allem bewusst sein, was man für einen Hund hat. Es gibt Hunde, die wurden gezüchtet, um zujagen, es gibt Hunde, die wurden gezüchtet zum Ziehen, zum Beispiel Huskys.» Laut Ruedi Grütter liegt der Überforderung oft die Tatsache zugrunde, dass die Besitzer nicht wissen, was sie für einen Hund kaufen und welche Eigenschaften mit einer Rasse einhergehen.

Befreiung von Lästigem

Es gebe keine Hunderasse, mit der mehr Besitzer überfordert seien als mit anderen, sagt Grütter. Die meisten Hunde, die abgegeben werden, seien Familienhunde. Oftmals sehen die Halter die Abgabe ihres Hundes als Befreiung von etwas Lästigem. Manchmal tun sie sich aber auch schwer, ihren geliebten Vierbeiner abzugeben. In solchen Fällen probiert Grütter, sie zu überzeugen, ihren Hund zu behalten.

Ruedi Grütter war 30 Jahre lang Inhaber einer Hundeschule und hilft überforderten Haltern gerne, zum Beispiel in Form von Trainingstipps. Dazu muss er nicht einmal unbedingt vor Ort sein, ein Anruf kann bereits genügen. «Die, die wirklich wollen, das geht dann auch. Dann kann man ihnen helfen», sagt Grütter. Wenn die Halter aber abgeschlossen haben und sich ihrer Entscheidung sicher sind, sei meist nichts mehr zu machen. Das sei aber dann auch besser für den Hund, wenn sie das Tier abgeben.

Überforderte Halter

Auch was passiert, wenn sich Halter nicht eingestehen, dass sie überfordert sind, erlebt Ruedi Grütter immer wieder. Die meisten Tiere, die der Tierferienhof aufnimmt, sind beschlagnahmte Tiere. Oft wurden sie vernachlässigt, eingesperrt oder einfach schlecht behandelt. Auch solche Dinge seien immer wieder auf die Überforderung der Besitzer zurückzuführen. Da sei es ihm dann doch lieber, wenn der Hund abgegeben wird, bevor es zu spät ist.

«Bevor man sich ein Tier anschafft, muss man sich überlegen, was man denn überhaupt will.»Ruedi Grütter, Tierferienhof Rotachen

Zukünftigen Hundehaltern möchte er deshalb Folgendes mit auf den Weg geben: «Bevor man sich ein Tier anschafft, muss man sich überlegen, was man denn überhaupt will. Will ich denn immer mit ihm arbeiten gehen? Will ich denn jeden Tag mit ihm rausgehen? Diese Dinge muss man sich einfach überlegen.»

Des Weitern müsse man auch bedenken, welcher Hund eigentlich zu einem passt. Grob heisse das: Will ich einen kleinen, mittleren oder grossen Hund? Wenn man sich für eine Grösse entschieden hat, so geht es an die Feinteilung. Welche Rasse passt zu mir, was soll mein Hund können, und was muss ich erfüllen, damit ich auch für den Hund geeignet bin?

Um sicherzugehen, dass man als zukünftiger Halter nicht überfordert sein wird, gibt es also grundsätzlich ein Wundermittel: sich informieren. Und dies zur Genüge, über eine lange Zeit hinweg und auf verschiedenen Wegen. Nur wer seinen Hund kennt, weiss, worauf er sich einlässt, und kann sichergehen, dass er der Aufgabe, die ihm bevorsteht, gewachsen ist. Und sollte selbst all das nicht geklappt haben, so kann man immer noch Hilfe holen, bevor es zu spät ist. Zum Beispiel beim Tierferienhof Rotachen.

Lina Weber (17) wohnt in Goldiwil, besucht das Gymnasium Thun im Seefeld. Sie spielt Gitarre, liest, fotografiert.

Berner Zeitung

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