«Veränderung wird zum Dauerzustand»

Wie bringen Vorgesetzte ihre Mitarbeiter dazu, in der Digitalisierung mehr Chancen als Gefahren zu sehen? Ein Start-up aus Uttigen verspricht Antworten auf diese Frage. Aber kein Allerweltsheilmittel.

Glückliche Start-up-Gründer: Omar und Sue Lüthi aus Uttigen erhielten einen Preis für ihre Firma Dual Academy.

Glückliche Start-up-Gründer: Omar und Sue Lüthi aus Uttigen erhielten einen Preis für ihre Firma Dual Academy. Bild: zvg

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Der Ausblick aus dem Einfamilienhaus in Uttigen in die winterliche Landschaft ist malerisch: Auf der Wiese weiden die Kühe, dahinter erheben sich die Berner Alpen. «Ich leiste etwa die Hälfte meiner Arbeitszeit von hier aus», sagt Omar Lüthi. Der 39-Jährige und seine Frau Sue (38) sind Mitbegründer von Dual Academy, einem Start-up, das sich zum Ziel setzt, Mitarbeiter und Führungskräfte in KMU fit zu machen für die Herausforderungen, welche die Digitalisierung mit sich bringt.

«Den Alltag neu erfinden»

«Unternehmen müssen sich durch den technologischen Wandel in vielen Bereichen der täglichen Zusammenarbeit neu er­finden», stellt er fest – und ist gleichzeitig überzeugt: «Die Digitalisierung eröffnet neue Möglichkeiten und bedeutet gleichzeitig neue Herausforderungen.» Da ist etwa die Rede von kürzeren Lebenszyklen von Produkten und Dienstleistungen, welche den Innovationsdruck für Unternehmen erhöhen. «Veränderung wird zum Dauerzustand», sagt Omar Lüthi, «Mitarbeitende müssen in der Zusammenarbeit, etwa in Projekten, in rasantem Tempo noch beweglicher werden.»

Freilich anerkennt der ­Digitalcoach: «Das führt unweigerlich auch zu Ängsten, Widerstand und Überforderung.» ­Deshalb, so Lüthi, müssten Führungskräfte ihre Teams «aktiv ­befähigen, Arbeitsroutinen zu schaffen, die nicht nur zielorientiert, sondern auch gesund sind.»

Er spricht von sogenannten 21st Century Skills – Fähigkeiten, die im 21. Jahrhundert entscheidend seien, und zwar unabhängig von Branche und Unternehmensgrösse. «Unter diesen Fachbegriff fallen etwa die Kommunikation über digitale Kanäle, Zusammenarbeit über mehrere Standorte und die Integration aller Generationen im Unternehmensalltag», sagt Lüthi. Das Trainieren solcher Fähigkeiten für den digitalisierten Arbeitsplatz erfolge am besten eingebunden in die tägliche Arbeit und abgestimmt mit den Geschäftszielen der Unternehmung.

Hilfsmittel ohne Know-how

«Wir stellen in unserem Alltag fest, dass viele Firmen ihrem Personal digitale Hilfsmittel zur Verfügung stellen, ohne aber das Know-how dazu zu vermitteln», sagt Lüthi und fügt an: «Während Grosskonzerne irgendwann genügend Ressourcen freischaufeln können, um dieses Wissen intern dann doch aufbauen und vermitteln zu können, wird es bei KMU zusehends schwierig.» Deshalb habe man sich entschieden, den Firmenfokus auf eben diesen Wirtschaftszweig zu legen.

Lüthi spricht im Verlauf des Gesprächs immer wieder von einem «grundlegenden Transformationsprozess, in dem wir alle uns befinden». Für ihn ist klar: «Wir haben keine Alternative dazu, uns mit diesem Prozess aus­einanderzusetzen. Die Zeiten, in denen ein Angestellter 20 oder gar 40 Jahre lang den gleichen Job machte, sind vorbei.»

Virtuelle Kaffeepausen

Die Kunst sei nun, die Führungskräfte in den Firmen dahinzubringen, dass sie ihre Mitarbeiter motivieren können, Teil dieses Prozesses zu werden. «Das geht nicht schmerzlos», sagt der Familienvater. «Wo beim Sport mit dem Muskelkater spürbar wird, wo der Trainingserfolg einsetzt, geht es bei solchen Prozessen darum, die Mitarbeiter aus ihrer Komfortzone herauszulocken.»

Ein Beispiel, das Omar Lüthi nennt, ist die virtuelle Kaffeepause. «Ohne gegenseitiges Vertrauen läuft in einem Team nichts», sagt er. «Dieses Vertrauen wird meist im informellen Austausch und Zusammenleben am Rand der Arbeit gewonnen und gepflegt.» Bloss: Wie macht man das, wenn die Entwickler eines Produkts in der Schweiz arbeiten, die Verkäufer in Deutschland und die Produktionsmitarbeiter in China? «Wir haben für die Teilnehmer eines schweizerisch-türkischen Projekts fix eine virtuelle Kaffeepause pro Woche verordnet.» Sprich: Alle loggen sich zur selben Zeit auf Skype oder einer ähnlichen Plattform für Videotelefonie ein und machen zusammen Pause. «Das war am Anfang enorm schräg», erinnert sich Lüthi. «Aber über die Wochen lernten wir einander besser kennen, und die Gespräche fingen an, einen ähnlichen Verlauf zu nehmen, wie sie das in Pausenräumen auf der ganzen Welt tun: Familie, Fussball, Wetter – alles wurde diskutiert.» Selbstverständlich ist auch das Team von Dual Academy nicht nur an einem Ort daheim, sondern unter anderem in der Schweiz, Polen und Australien.

Mehrwöchige Trainings

Es sind solche Themen, welche Dual Academy mit ihren Kunden erörtert und in einem mehr­wöchigen arbeitsplatzbezogenen Training begleitet – grösstenteils natürlich virtuell; sprich: ohne Personal bei der Firma selber. «Diesen Schritt machen wir erst, wenn wir für eine Firma Leute so weit ausbilden sollen, dass sie als Mentor vertieftes Wissen weitergeben sollen.»

Ob die digitale Transformation gelinge, hänge entscheidend von den Führungskräften ab, sagt Lüthi und erzählt von einem Fall, den seine Frau in einer früheren Tätigkeit erlebte: «Eine Mitarbeiterin, die im Rahmen einer Reorganisation den Job zu verlieren drohte, traute sich schlicht nicht zu, für andere Jobs zu genügen», sagt er, «bis meine Frau sie sprichwörtlich an der Hand nahm und zusammen mit ihr loszog, um andere Berufe anzusehen – und ihr so einen Weg in eine neue berufliche Zukunft aufzeigen konnte.»

«Heissestes Start-up»

Dass die Idee der Dual Academy ein Bedürfnis erfüllt, zeigen nicht nur erfolgreich abgeschlossene Projekte. Die Firma wurde dieses Jahr von Digital Switzerland, einem Netzwerk von Firmen, politischen und privaten Organisationen, als eines der «heissesten Start-ups» im Bereich Ed Tech – zu Deutsch Unterrichtstechnologie – ausgezeichnet. Die Verantwortlichen sind der Meinung, dass das Angebot aus Uttigen und Bern eines der besten von rund 160 weltweit ist, die sich um eine Teilnahme im Programm beworben hatten. «Diese Auszeichnung zeigt uns, dass wir auf dem richtigen Weg sind», sagt Omar Lüthi, «wenn es uns gelingt, den Leuten aufzuzeigen, dass das Festhalten an Bewährtem kräfteraubender ist, als sich auf Neues einzulassen.»

www.dual.ac (Thuner Tagblatt)

Erstellt: 28.12.2017, 08:19 Uhr

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