Von der Carte blanche zum Royal Flush

Es sollte das erste Open-Air-Konzert in der Geschichte der Thuner Schlosskonzerte werden. Dann kam der Regen. Ausnahme­pianist Teo Gheorghiu war trotzdem bezaubernd.

In der Turnhalle statt im Park: Teo Gheorghiu zog das Publikum in seinen Bann.

In der Turnhalle statt im Park: Teo Gheorghiu zog das Publikum in seinen Bann.

(Bild: Markus Hubacher)

«Ain’t no sunshine when she’s ­gone, it’s not warm when she’s away.» Die Vorgruppe Rumjess mit Jessica Manga (Gesang), Michele Iannuzzo (Schlagzeug) und Robin Rindlisbacher (Jazzpiano) meinte wohl die Sonne, die am eigentlich geplanten Picknickdeckenkonzert im Park der Villa Séquin im Seefeld durch Abwesenheit glänzte.

Dafür intonierte die Gymnasiastin Jessica Manga mit beeindruckendem Stimmumfang und warm-samtigem Timbre das Soulstück von Bill Withers. Insgesamt fünf Lieder lieferte die junge Band ab und schloss mit dem Song «Ain’t no mountain high enough».

Das perfekte Zusammenspiel der jungen Band mit jazzig gekonnten Soli von Robin Rindlisbacher am Flügel und bodengebendem Schlagzeug von Michele Iannuzzo wurde von den rund 300 Konzertgästen in der Alten Turnhalle mit viel Applaus und anerkennenden Pfiffen gefeiert.

Ausdruck durch Musik

Lorenz Hasler, der künstlerische Leiter der Schlosskonzerte, plauderte als Überleitung zum Höhepunkt des Abends mit Pianist und diesjährigem Artiste-étoile-Künstler Teo Gheorghiu über seine Carte blanche (uneingeschränkte Handlungsfreiheit) für die Programmgestaltung.

Robert Schumann habe er ausgewählt, weil der Komponist eine Widersprüchlichkeit in sich trug, die in seinen Kinderszenen voll zum Tragen käme. Die «Bilder einer Ausstellung» von Modest Mussorgski liebe er und würden ihn schon ein paar Jahre begleiten. «Wenn du so zurückdenkst, ­welche Leute waren auf deinem Lebensweg wichtig für dich?», wollte Hasler wissen.

Der heute ­25-jährige Teo Gheorghiu besuchte ab seinem neunten Lebensjahr die Purcell School in London, einem Internat für musikalisch hochbegabte Kinder. «In den schwierigsten Zeiten in London», so der Pianist, «ist das ein Lehrer gewesen. Er hat mir beigebracht, mich durch Musik auszu­drücken.»

Wie erfolgreich dieser Lehrer dem Ausnahmekünstler den musikalischen Ausdruck vermittelte, davon konnten sich die Konzertgäste selbst überzeugen. Den bekanntesten Satz «Träumerei» aus Schumanns Kinderszenen op. 15 haben viele Klavierschüler gespielt und Klassikfans gehört. Bei Gheorghiu erfährt das Werk eine Veredlung, die fast magisch in eine Traumwelt hinfort trug.

Insgesamt wurde unter den ­Händen des Pianisten die Carte blanche zum musikalischen ­Royal Flush. Sogar ein quengeliges Baby im Zuschauerraum wurde still, wobei sich daskleine Wesen nicht als Fan von Mussorgski zeigte und wieder zu protestieren begann. Schumanns Weisen inspirierte die Vogelwelt vor der Halle, die zum Liedvortrag durch die gekippten Fenster mitsang.

Kein Gemampfe im Konzert

Die Schlosskonzerte hatten die Gäste ermuntert, Grillgut und Picknicksnacks mitzubringen. Vor und nach dem Konzert brutzelte auf dem Grill vor der Turnhalle so mancher Bissen. Doch während des Konzerts kam es niemandem in den Sinn zu vespern. Der Altersdurchschnitt des Publikums war trotz klassischem Konzert erstaunlich niedrig, was auf die gute Zusammenarbeit mit dem Gymnasium Seefeld und zahlreichen Schülern als Konzertgäste zurückzuführen ist.

Die nächsten Schlosskonzerte: 15. Juni, 19.30 Uhr, Stadtkirche Thun, Orchestergala mit Malin ­Broman (Viola) und dem Kammerorchester Musica Vitae. 17. Juni, 19.30 Uhr, KKThun, Artiste étoile 2018 «Mein Rumänien», Teo Georghiu (Klavier) und das Kammerorchester Musica Vitae. 20. Juni, 19.30 Uhr, Kunstmuseum Thun, «Grenzgänger» mit der Formation Jütz: Isa Kurz, Daniel Woodtli, Philipp Moll. Volksmusik trifft Jazz.

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt