Was die Digitalisierung alles verlangt

Thun

Sind die Gemeinden bereit für die Digi­talisierung? Das Fazit des Politforums in Thun ist klar: Die Herausforderungen sind enorm.

Im Gespräch mit Moderatorin Sonja Hasler (v.l.): Bänz Müller (Gemeindepräsident Wohlen), Daniel Kopp (Gemeindepräsident Sutz-Lattrigen), Benjamin Marti (Gemeindepräsident Belp) und Lorenz Hess (Gemeindepräsident Stettlen).

Im Gespräch mit Moderatorin Sonja Hasler (v.l.): Bänz Müller (Gemeindepräsident Wohlen), Daniel Kopp (Gemeindepräsident Sutz-Lattrigen), Benjamin Marti (Gemeindepräsident Belp) und Lorenz Hess (Gemeindepräsident Stettlen).

(Bild: Patric Spahni)

Marco Zysset@zyssetli

Komiker Bänz Friedli war vielleicht der wichtigste Mann am 13. Politforum, das am Freitag und Samstag im Schadausaal des KKThun über die Bühne ging. An ihm war es, dafür zu sorgen, dass den 420 Besuchern, vornehmlich aus der Gemeindepolitik, aber auch aus dem Kanton und der Verwaltung, das Lachen nicht verging.

In 14 Referaten oder Podiumsdiskussionen wurde ihnen vor Augen geführt, dass es in Sachen Digitalisierung der Gemeinden oder der öffentlichen Hand all­gemein eigentlich gar nicht viel zu lachen gibt. Auch der Wirtschafts- und Bildungsminister, Bundesrat Johann Schneider-Ammann, lobte, die Schweiz sei gut unterwegs, doch hob nicht nur er den Mahnfinger mit den Worten: «Wir müssen aufpassen, nicht den Anschluss zu verlieren.»

Eine Aussage, die Caroline Brüesch, Leiterin des Instituts für Verwaltungsmanagement an der Zürcher Hochschule für ­angewandte Wissenschaften, unterstrich. Sie nannte Dänemark, wo jeder Bürger vom Staat eine E-Mail-Adresse erhält, über die die Verwaltung mit der Bevölkerung kommuniziert, als Beispiel. «Wenn wir das Thema nicht angehen, tun es andere», sagte sie, worauf Hannes Germann, Präsident des Schweizerischen Gemeindeverbands, konterte: «Wir müssen nicht überall First Mover sein. Es reicht, wenn wir Follower sind.» Das Risiko, zu scheitern, sei zu gross, wenn man überall vorpreschen wolle.

Turbos und Bremser

Zwei Standpunkte, die ein Dilemma aufzeigen, in dem sich Barbara Perriard bewegt: Die Leiterin Politische Rechte der Bundeskanzlei befasst sich mit E-Voting. Derzeit laufen verschiedene Versuche in der Schweiz, so auch im Kanton Bern. «Rund die Hälfte jener Stimmberechtigten, die an diesen Versuchen teilnehmen und ihre Stimme abgeben, tut das elektronisch», sagte sie. Während Digitalisierungsturbos kritisierten, Politik und Verwaltung agierten zu langsam, werde am anderen Ende des Meinungsspektrums eine Denkpause oder gar ein Marschhalt gefordert, vorab wegen Bedenken in Sachen Sicherheit oder Datenschutz.

Kleine Schritte zum Erfolg

Wie Perriard appellierte auch Erwin Sommer, Vorsteher des bernischen Amtes für Kindergarten, Volksschule und Beratung, das Thema Digitalisierung Schritt für Schritt anzugehen und sachte neue Schritte zu wagen. «Es ist unser Auftrag, den Schülern grundlegende Kenntnisse und Kompetenzen im Umgang mit Computern zu vermitteln», sagte er. Dazu zählen nicht nur technische Fähigkeiten, sondern auch das Bewusstsein für Themen wie Medienkompetenz und Persönlichkeitsschutz. «Dazu müssen wir aber zuerst die Lehrkräfte fit machen.» Im Kanton Bern bedeute das, dass 13'000 Personen weitergebildet werden müssten. Wobei durchaus auch auf das Wissen der Schülerinnen und Schüler zurückgegriffen werden könne und solle. In Spiez agieren beispielsweise drei 15-Jährige als Mediencoachs für Lehrkräfte.

Schüler coachen Lehrkräfte

Ein Modell, das vielleicht schon bald Schule macht – so wie auch die Zusammenarbeit der Gemeinden Thun, Seftigen, Oberhofen und Heiligenschwendi: Die drei kleinen Gemeinden beziehen Teile oder sämtliche Informatikdienstleistungen bei der Stadt Thun, wie Urs Eggenschwiler, Leiter der Informatikdienste der Stadt Thun, sagte. «Ein Vorteil ist, dass wir gemeinsam hochwertigere Lösungen anbieten können, als wenn jeder für sich schaut», sagte Eggenschwiler. «Anstatt drei verschiedene Cloud-Lösungen gibt es vielleicht eine für alle, die dafür dreimal so leistungsfähig ist.»

So oder so – und das wurde in praktisch allen Gesprächen klar: Die Herausforderungen sind enorm. Sowohl in die Bildung als auch in die Infrastruktur müssen gewaltige Summen investiert werden. Doch – und auch da herrschte Einigkeit: Anders geht es nicht.

Thuner Tagblatt

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