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Wenn Fantasie und Wünsche mit der Wirklichkeit verschmelzen

Bei besten Wetterbedingungen und vor voller Tribüne mit 2700 Besuchenden feierten die Thunerseespiele am Mittwoch mit «Ich war noch niemals in New York» Premiere. Wir waren am Montag an der Vorpremiere dabei.

Am Thunersee wird die Freiheit ersungen und ertanzt, mit den Liedern von Udo Jürgens.
Am Thunersee wird die Freiheit ersungen und ertanzt, mit den Liedern von Udo Jürgens.
Patric Spahni
Hier rostet nur die Freiheitsstatue: Die alte Liebe von Otto und Maria nicht.
Hier rostet nur die Freiheitsstatue: Die alte Liebe von Otto und Maria nicht.
Patric Spahni
Impressionen von den Thunerseespielen.
Impressionen von den Thunerseespielen.
Patric Spahni
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Ein Altersheim, eine kleinkarierte Frau Mottechügeli (Angela Hunkeler), ein spiessiges Sofa mit gelben Fransen, eine biedere grüne Tapete und strenge Regeln rund um die Uhr. Maria (Sabine Martin) hätte ihre viel ­beschäftigte Tochter Lisa (Kerstin Ibald) zum Geburtstag gerne bei sich gehabt. Stattdessen verfolgt Maria mit hängenden Mundwinkeln ihre TV-Sendung «Lisa Wartberg live». Als Otto (Hans B. Goetzfried) verlegen mit einem Kuchen auftaucht und Maria verschmitzt ein Comicheft schenkt, ändert sich alles.

Als Maria in ihre Comicwelt eintaucht, begibt sie sich auf eine eigene Fantasiereise – noch erahnt weder Maria noch sonst wer, wie kraftvoll ihre Vorstellungskraft und Wünsche sind – und die Wirklichkeit kreieren.

Comicfiguren leben auf

Sobald Maria in der Neuinszenierung der Thunerseespiele und der ersten Open-Air-Version von «Ich war noch niemals in New York» das Publikum auf ihre Kreuzschifffahrt nach New York entführt, verwandeln sich auf der Bühne die Farben von Kleidern, Licht und Kulisse von grau und blass in bunt und schrill. Das zunächst teilweise defekte Gesicht der Freiheitsstatue beginnt sich zu vervollständigen, und Marias Comicfiguren werden lebendig. Spiderman lässt sich an der «Lady Liberty» am Seil runter, Wonder Woman, the Wasp, Iron Man und Captain America begleiten Marias Fantasiereise.

Der Kunstgriff von Regisseur Werner Bauer und seinem Team, die Geschichte der Musicalkomödie im Rhythmus von Udo Jürgens’ Hits aus dem Blickwinkel von Marias Vorstellung zu erzählen und damit in die Gegenwart zu holen, funktioniert bestens. Es ist vergnüglich, mitzuerleben, wie sich Marias Karrieretochter von der gestressten TV-Moderatorin zur handzahmen Geliebten von Axel Staudach (Patrick Imhof), Ottos Sohn, verwandelt.

Der Sprung ins Bett

Das Jukeboxmusical schwingt mit den Evergreens von Udo Jürgens (Iwan Wassilewski, musikalischer Leiter) von Slapstick zu Pointe. Da ist etwa Axels Schrottkiste, in welcher er mit der am Rande eines Nervenzusammenbruchs stehenden Lisa und seinem Sohn Florian (Jeremy Birchmeier) mit Knall und Rauch von Triest nach Genua dem verpassten Dampfer nachfährt. Einmalig ist Marias mit Inbrunst vorgetäuschter Herzinfarkt. Das Publikum singt oft Udo Jürgens Melodien mit und kugelt sich jedes Mal, wenn die alternde Maria beschwipst ins Bett hechtet und mit ausgestreckten Beinen unter der Decke verschwindet, sobald Lisa auftaucht.

Auch verbinden ideenreiche Details Szenerien, gesprochene und gesungene Texte miteinander. In der Krone von «Lady Liberty» taucht King Kong auf, wenn das Ensemble zu «Ich war noch niemals in New York» tanzt. Und in der Szene «Alles im Griff» steigt der Akku von Lisas Handy aus, oder in der fulminant bühnenfüllenden Tanzszene zu «Schöne Grüsse aus der Hölle» funkeln die Augen der Statue gelb und rot.

Gekonnt integriert ist weiter Florian, der zu «Aber bitte mit Sahne» rappt und mit Einlagen das Publikum für sich gewinnt, wie etwa als Jüngster beim Lied «Mit 66 Jahren».

Kerstin Ibald in Hochform

Ein Höhepunkt ist Kerstin Ibald. Als aufgebretzelte schöne Lisa Wartberg läuft sie zur Höchstform auf. Einerseits löst ihre Singstimme Gänsehaut aus und ist ihr der Spass an der Rolle anzumerken, andererseits verkörpert sie Lisa derart meisterlich, als ob ihr die Rolle auf den Leib geschrieben worden wäre. Herrlich ist, wie sie am Handy quasselnd mit der Handtasche am Ellbogen über die Bühne stöckelt. Oder wie sie wie eine Hyäne unausstehlich ehrgeizig um sich keift und motzt, die Pilatesmatte ausbreitet und den Bauch trainiert oder den Hamburger samt Ketchup gierig verspeist.

Zwar überzeugend, jedoch vergleichsweise flach wirkt dagegen Patrick Imhof in seiner Rolle als Axel. Seine Stärke ist die Stimme, welche oft sogar an jene von Udo Jürgens erinnert. Hinreissend interpretiert sind die Rollen des Schwulenpärchens Fred (Nils Klitsch), Lisas Vertrauensmann im Fernsehen, und Costa (Steven Armin Novak). Überzeugende Auftritte sind auch jene von Susanne Rietz (als Steward).

Von der Torte bis zum Hai

Das Bühnenbi ld (Marlen Heydenaber) ist raffiniert und durchdacht. Die drehbaren Bühnen­teile lassen sich mal als Lisas Schminktisch vor der Sendung nutzen, genauso als Büro von Frau Mottechügeli im Altersheim oder auf dem Kreuzfahrtschiff als Bar.

Die zweigeschossige Bühnenebene ermöglicht parallele Handlungen und bietet Stauraum für das ausfahrbare Honeymoonbett. Requisiten wie Schilder als Gesicht oder beschriftete Sprechblasen ergänzen wie das Lichtdesign (Georg Spindler) und die Effekte das fantasievolle ­Kostümbild (Mareike Delaquis Porschka). In der bunten Palette aus rund 280 Kostümen gibts von Torten über Haifische bis zu Lisas rotem Ballkleid fast alles – natürlich auch Udo Jürgens berühmten weissen Bademantel.

Happy End mit Blumen

Mit Lisas lang ersehnter Auszeichnung zur beliebtesten Moderatorin des Jahres und mit Frau Mottechügeli, die Maria für die Nachtruhe aus der Comicwelt zurückholt, rückt die Realität näher. Zwar ist diese etwas weniger bunt, doch als ob Maria mit ihrer Fantasie Wirklichkeit erschafft, taucht Lisa nach der Livesendung im Heim auf. Mit einem Blumenstrauss und am Arm Alex, ihr Neuer.

Bei «Griechischem Wein» und in der Schlussrunde mit aneinander gereihten Passagen aus den Ohrwürmern schaukelt und klatscht das Publikum stehend Ovationen und singt «Ich war noch niemals in New York» noch auf dem Heimweg.

Zur Premiere am Mittwoch waren auch viele Prominente geladen. Sie alle haben ihre ganz persönlichen Beziehungen zu den unvergessenen Liedern von Udo Jürgens. (Video: Keystone-SDA)

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