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Wenn keiner sonst hilft, hilft der Verein

Seit 125 Jahren unterstützt der Gotthelfverein Frutigen-Niedersimmental Menschen, deren Anliegen sonst unerhört bleiben – unbürokratisch und ohne moralischen Zeigefinger.

Ein paar Karten von unterstützten Familien als Zeichen des Danks: Präsidentin Margrit Zahler (links) und Sekretärin Barbara Büchi führen den Vorstand des Gotthelfvereins Frutigen-Niedersimmental. Nicht im Bild: Kassierin Christina Brügger-Büetiger.
Ein paar Karten von unterstützten Familien als Zeichen des Danks: Präsidentin Margrit Zahler (links) und Sekretärin Barbara Büchi führen den Vorstand des Gotthelfvereins Frutigen-Niedersimmental. Nicht im Bild: Kassierin Christina Brügger-Büetiger.
Claudius Jezella

Es sind rührende Worte einer Mutter, die sich im Namen ihrer beiden Söhne bedankt: «Nach dem ganzen Leid ist es wie ein Wunder, dass uns geholfen wird.» Ihre Dankeskarte liegt zusammen mit einigen anderen auf dem Tisch. Darunter auch die von dem Mädchen, das mit seiner Geige in die Kamera strahlt.

Ihm konnte der Musikunterricht bezahlt werden. Zwei von unzähligen ­Fällen, in denen der Gotthelfverein Frutigen-Niedersimmental Menschen geholfen hat. «Oft braucht es nicht viel», weiss Präsidentin Margrit Zahler, aber wenn fast nichts zur Verfügung ist, ist auch dieses bisschen schon zu viel.

Hinter jedem Gesuch stehen zum Teil schwere Schicksale: Der Vater, der wegen einer Krankheit plötzlich nicht mehr arbeiten kann, die alleinerziehende Mutter, der jede Unterstützung fehlt, die Eltern, die sich um ihr behindertes Kind kümmern, Trennungen, Stellenverluste, Suchtprobleme – die Liste ist lang.

«Manchmal sind es aber auch einfach nur Leute, deren Lohn nicht zum Leben reicht», sagt Vereinssekretärin Barbara Büchi, «Hilfsarbeiter, deren Lohn knapp über der Unterstützungsgrenze der Sozialdienste ist. Es gibt solche Leute, das ist eine Tatsache. Und denen muss man doch helfen. Es leben nicht alle auf der Sonnenseite.»

Die nicht geplante Rechnung

Doch leider sieht man eben nur die im Lichte, die im Dunkeln sieht man nicht. Aber es gibt sie. Und oft wollen sie auch gar nicht gesehen werden, weiss Margrit Zahler: «Wer gibt schon gern zu, dass er arm ist und Hilfe braucht?» Nicht aufzufallen, funktioniert aber nicht immer.

«Wer gibt schon gerne zu, dass er arm ist und Hilfe braucht?»

Präsidentin Margrit Zahler

Kommt eine nicht eingeplante Zahnarztrechnung, reicht das Geld plötzlich nicht mehr. Steht die Skiwoche in der Schule an, bekommt die gut umsorgte Fassade Risse. Auch dann schreitet der Gotthelfverein ein. «Wir können doch nicht zulassen, dass ein Kind zum Aussenseiter wird, weil es die Schulreise nicht mitmachen kann», meint Barbara Büchi.

«Wir können doch nicht zulassen, dass ein Kind zum Aussenseiter wird, weil es die Schulreise nicht mitmachen kann.»

Vereinssekretärin Barbara Büchi

Die Berufslehre ist ebenfalls ein solches Beispiel. Büchi: «Oft wird heute einfach vorausgesetzt, dass die Lehrlinge einen Laptop haben. Aber leisten kann sich das bei weitem nicht jeder.» Manchmal werde auch ein Bahnticket oder ein Töffli für den Weg zum Lehrbetrieb benötigt.

Bis zu 1500 Franken im Jahr

Also hilft der Gotthelfverein mit einem kleinen Beitrag bis 500 Franken oder einem grösseren bis 1500 Franken, übernimmt Rechnungen für Musikunterricht, Kita-Betreuung, medizinische Leistungen, den Umzug oder mal ein grösseres Bett für die Kinder.

In einigen Fällen auch Patenschaften für Familien im Umfang von maximal 1500 Franken pro Jahr. Schnell und unbürokratisch, aber nicht ohne prüfenden Blick. So müssen die Antragsteller ihr Gehalt und den Verwendungszweck offenlegen. Manchmal erfolgt eine Nachfrage bei den zuständigen Sozialdiensten der Gemeinden, mit denen der Verein in engem Kontakt steht.

Gleiches gilt für Schulen und Kirchgemeinden, die den Verein in einzelnen Fällen um Unterstützung bitten, wenn ihnen selbst durch Reglemente die Hände gebunden sind. Die Vorstandsmitglieder des Vereins kennen die Menschen, die um Hilfe bitten, oft sogar persönlich. «Aus jeder der 13 Gemeinden des Amtsgebiets kommt ein Vorstandsmitglied, das hat sich bewährt», berichtet Margrit Zahler.

Nur Pfarrer und Notare

Alle Vorstandsmitglieder sind übrigens Frauen: Sozialarbeiterinnen, Lehrerinnen, eine Heilpädagogin, eine Landwirtin, eine Abgesandte des Gemeinderats oder der Kirchgemeinde, alle ehrenamtlich tätig und ohne moralischen Zeigefinger.

Das war nicht immer so. Nach der Gründung 1892 sei der Gotthelfverein Frutigen-Niedersimmental eine «sehr angesehene» Institution gewesen, berichtet die heutige Sekretärin von ihren Recherchen in den alten Aufzeichnungen und Protokollen. Dementsprechend hätten es bis in die Sechzigerjahre hauptsächlich Pfarrer und Notare, selten mal Lehrer, in die Vorstände der einzelnen Sektionen geschafft.

Oft sei die finanzielle Hilfe für bedürftige Familien an die Hinwendung zu einem christlichen Lebenswandel geknüpft gewesen, weiss Barbara Büchi. «Heute sind wir toleranter und freier. Wir helfen allen, sie müssen nicht mal brav sein.»

Das geht natürlich nur im Rahmen der eigenen Möglichkeiten. Im Jahresbudget stehen rund 20'000 Franken zur Verfügung, gespeist aus Gönnerbeiträgen der Gemeinden und Kirchgemeinden, von Frauenvereinen und privaten Spendern.

Hinzu kommen Konzertkassen von Musikvereinen, Kollekten oder auch mal die Erlöse von Advents- oder Frühlingsbasaren. «Und manchmal wird von dem Geld auch ein Weihnachtsgeschenk finanziert, um einer Familie, die es sonst so schwer hat, einfach mal eine Freude zu machen», sagt Barbara Büchi und atmet durch. Helfen macht tatsächlich Freude.

Serie Armut: Bisher erschienen ist Teil 1 zur Geschichte der Armut im Berner Oberland.

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