Serie Digitalisierung

«Wir fokussieren zu sehr auf die Risiken»

Serie DigitalisierungWer keine eigenen Firmenräume anmieten kann oder will, kann dank einer Thuner Idee via Smartphone oder PC einen Arbeitsplatz oder ein Sitzungszimmer buchen.

Herr über zwischengenutzte Büroräume: Alain Marti, Mitgründer von Daycrun.ch, in der Konzepthalle 6.

Herr über zwischengenutzte Büroräume: Alain Marti, Mitgründer von Daycrun.ch, in der Konzepthalle 6. Bild: Marco Zysset

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Die Idee ist bestechend einfach: Wer einen Büroarbeitsplatz, einen Ort für Sitzungen oder einen Raum für ein Projektteam braucht, kann diesen via kostenlose Smartphone-App oder Internetbrowser am PC reservieren, erhält einen Bestätigungscode per Mail, der ebenso als Türöffner dient wie als Log-in für das WLAN im Gebäude. Alles läuft voll automatisiert. Wenn der Raum verlassen wird, geht eine Nachricht an den Hausdienst, der bei Bedarf umgehend sauber macht. Und: Für all dies ist kein eigenes Personal nötig.

Erfunden haben es der Thuner Kinoinhaber Alain Marti und sein Zürcher Geschäftspartner Vishal Mallick von der Firma Performance Buildings – und zwar bereits im Jahr 2012. «Vishal brachte das technische Know-how mit, ich konnte mein Netzwerk im Immobilienbereich einbringen», beschreibt Marti die Konstellation.

Start mit einem Award

Im Frühjahr 2013 schickten die beiden Daycrun.ch an den Start - und schon wenige Wochen später wurde die Software, die Mallick entwickelt hat, mit dem Swiss Cloud Award ausgezeichnet. Dieser wird vom Verband Eurocloud vergeben, der nach eigenen Angaben mehr als dreissig nationale Eurocloud-Verbände unter seinem Dach vereint. «Das hatte zur Folge, dass unser erster Standort, der eigentlich als Test gedacht war, innerhalb kürzester Zeit praktisch dauernd ausgebucht war», sagt Marti gut vier Jahre später im Rückblick auf die Gründerzeit. Was damals mit einem Standort von 150 Quadratmetern Fläche und Raum für knapp 30 Personen anfing, ist seither rasant gewachsen.

«Technische Fragen zu lösen, Liegenschaftsbesitzer  oder interessierte Kunden zu finden, ist in der Schweiz relativ einfach. Viel schwieriger ist es, Kapital zu finden, um die Firma weiterzuentwickeln.»Alain Marti, Daycrun.ch

«Wir verzeichnen fast in jedem Quartal einen Zuwachs im zweistelligen Prozentbereich», sagt Marti. So vermittelt die Firma heute mehr als 3000 Quadratmeter Büro- und Sitzungsräume mit Platz für bis zu 350 Personen in Interlaken, Thun und Zürich; nächste Woche wird der erste Standort in der Nähe der City-West in Bern eröffnet. In Olten arbeitete Daycrun.ch von Juli 2015 bis Februar 2016 mit den SBB zusammen, welche für eine ihrer Liegenschaften eine Zwischennutzung suchten.

Schlagwort Zwischennutzung

«Zwischennutzung» ist denn auch das Zauberwort, wenn man Alain Marti nach dem Hinter­gedanken von Daycrun.ch fragt. «Zum einen gibt es in der Schweiz Hunderttausende Quadratmeter ungenutzter Bürofläche – und es wird weiter gebaut –, zum anderen gibt es viele Firmen, die immer wieder auf der Suche nach kurzfristig und zeitlich beschränkt verfügbaren Räumen sind. Da kommen wir ins Spiel.»

Gefragt, wo denn der Unterschied zwischen Daycrun.ch und anderen Plattformen liege, die Büroräume als Zwischennutzung vermitteln würden, antwortet Marti: «Zunächst darin, dass wir einen Standard haben vom Buchungsprozess bis hin zum Design, unsere Räume sind alle im gleichen Stil eingerichtet und möbliert.» Weiter arbeitet Daycrun.ch eng mit der Thuner Innenarchitektur- und Designfirma «daskonzept» zusammen. «Wir können eine Liegenschaft innerhalb von drei Tagen einrichten und in zwei Tagen wieder abbauen – das ist ziemlich einzigartig», sagt Marti.

Jetzt ins Ausland

Dass das Angebot made in Thun und Zürich einzigartig ist, spricht sich offensichtlich in der Branche rum. «Wir sind gut unterwegs, unser Ziel zu erreichen, in jeder grösseren Schweizer Stadt mindestens einen Standort anbieten zu können», sagt Marti. Doch bevor es so weit sei, so mutmasst er, werde die Firma den Schritt ins Ausland wagen. «Kontakte sind vorhanden, ich bin guter Dinge», sagt Marti dazu. Ein Schritt freilich, der nur logisch wäre. Denn: «Technische Fragen zu lösen, Liegenschaftsbesitzer oder interessierte Kunden zu finden, ist in der Schweiz relativ einfach. Viel schwieriger ist es, Kapital zu finden, um die Firma weiterzuentwickeln.»

So sind es nicht primär Geldgeber aus der Schweiz, die bis dato in Daycrun.ch investiert haben, sondern auch Firmen aus Deutschland oder England. «In der Schweiz fokussieren wir derzeit allzu sehr auf die Risiken», sagt Marti. «Erst wenn wir diese viermal abgewogen haben, kommen wir auf das Potenzial einer Idee zu sprechen.» Das sei der grosse Unterschied beispielsweise zum berühmten Silicon Valley. «Dort sprechen alle nur von Potenzial und kaum jemand von Risiken bei den ersten Schritten.» Immerhin: Laut Marti ist Daycrun.ch ein rentables Unternehmen, auch wenn die Eigentümer derzeit noch nicht finanziell profitieren. «Gewinne werden vollständig wieder investiert», betont Alain Marti.

Allerweltheilmittel?

Obwohl Daycrun.ch gemäss eigenen Angaben derzeit über tausend regelmässige Nutzer hat, glaubt indes auch Alain Marti nicht daran, dass künftig alle Büroarbeitsplätze in solchen offenen Büros oder sogenannten Coworking-Spaces angesiedelt sein werden. «Es gibt Bereiche, da sind wir ein idealer Partner», sagt er, «zum Beispiel für Start-ups, die sich noch keine langfristige Büromiete leisten können oder wollen, für Headhunter, die neutrale Räume suchen, oder Firmen, die temporär Räume für Projektteams brauchen.» Für andere – insbesondere grosse Player und solche mit hohen Anforderungen etwa in Sachen Datenschutz – sei der Einzug in vorübergehend genutzte und offene Büros aber nicht immer angezeigt. Denn: «Grosse Firmen können ihre eigenen Flächen heute selber sehr flexibel nutzen, etwa indem sie für 1000 Angestellte nur noch 800 Plätze einrichten und so Teilzeitpensen oder Ferien- und Militär- oder Zivilschutzabweseheiten auffangen», erklärt Marti.

Bisher erschienen: 12. August, «Für normale Anwender schreitet die ­Digitalisierung zu schnell voran». 17. August, «Digitale Revolution made in Thun». (Thuner Tagblatt)

Erstellt: 24.08.2017, 06:50 Uhr

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