Zwischen den Realitäten des Paul Le Grand

Thun

Er habe nie fürs Feedback gearbeitet, sondern immer für die Sache, die ihn interessiere, betont der Skulpteur Paul Le Grand. Am Freitag wird der Künstler mit dem Thuner Kunstpreis ausgezeichnet.

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Goldene Wellen, die sich auf blaugrünem Hintergrund kräuseln, kitzeln die Augen. «Das sind die Wellen der Aare, denn der lokale Bezug war mir bei ‹Flow 1› wichtig, Transfair arbeitet ja auch lokal.» Paul Le Grand steht im Foyer des neuen Gebäudes des Sozialunternehmens im Wirtschaftspark Schoren, wo sein neustes Werk hängt.

«Das Sozialunternehmen Transfair schrieb einen Kunstwettbewerb aus, thematisch ziemlich offen», erklärt Le Grand. Dem Kunstwerk sollte nur nichts Provokatives anhaften. «Das Gold soll den Wellen Halt geben», sagt der Künstler zur schillerden Scheibe mit einem Durchmesser von 1,70 Metern: «Und der Kreis ist eine beruhigende Form.» Im Hinterkopf habe er bei «Flow 1» den Planeten Transfair als geschützte Welt für die Mitarbeitenden gehabt. Auf gleicher Ebene hängt im Gang «Flow 2», ein Fotodruckband im beachtlichen Ausmass von 6,40 Metern.

Der Weg ins Restaurant Fair­pflegig wirkt durch die fotografierten Wellen wie ein Spaziergang an der Aare.

Weit weg von Thun

«Ich gleiche gerne Konflikte aus und bin eine vage Waage», lacht der Künstler, der am 7. Oktober 1949 in Thun geboren wurde. In der Zeit der Aufbruchstimmung Ende der 60er-Jahre zog es den jungen Mann nach Genf, wo er die Ecole supérieure d’Arts visuels besuchte.

«Die Nestflucht diktierte mir: Hauptsache, weit genug weg von Thun», erinnert sich Le Grand lächelnd. Eine diskussionsreiche Zeit, in der die Studenten zusammenhockten und über mehr Eigeninitiative in der Ausbildung philosophierten: «Wir wollten uns mehr einbringen und nicht nur den vorgesetzten Unterrichtsstoff schlucken.»

Am Grand Théâtre de Genève fand er zur Finanzierung des Studiums einen Job als Beleuchter, in alten Häusern setzte der angehende Künstler seine handwerkliche Begabung als Maler oder Zimmermann ein. «Goldschmiedekunst hat mich sehr interessiert. Doch im Studium wurde mir schnell klar, dass meine Leidenschaft den Skulpturen gehört.»

Von der Wahrnehmung

Das Spannungsfeld zwischen subjektiver und objektiver Realität ist Le Grands Thema – ihn interessieren Oberflächen, Inhalte und Perspektiven. «Eigentlich nimmt man sein Umfeld als gegeben hin. Doch die Wahrnehmung hat viel mit sich selbst zu tun!» Dazu käme als dritte Dimension der Spiegel, den er auf vielerlei Art überraschend zu inszenieren weiss. In der Installation «Narziss» in Boll-Sinneringen beispielsweise spiegeln sich zwei Stelen aus Eisenguss und Glas im Wasser und schenken dem Betrachtenden neue visuelle Dimensionen.

Kunst am Bau, so Le Grand, sei für ihn das Bindeglied zwischen Architektur und Natur. Sein Werk «Der Bogen» im Innenhof des Berufsbildungszentrums IDM in Thun erstreckt sich durch den ganzen Innenraum des Gebäudewürfels und durchbricht so die Wahrnehmung gerader Mauern. Die «Bumps», runde, farbige Erhebungen auf dem Pausenhof des Schulhauses Dürrenast, wölben sich frech aus dem Asphalt und laden die Schüler zum Spielen ein.

«Beiläufigkeiten lassen viele Assoziationen zu», sinniert der Künstler: «Ich bemühe mich, wertfrei zu sein. Denn sobald man wertet, lässt man viel weg!» Ob er sich denn über gar nichts aufrege? «Oh doch! Gewalttätigkeit regt mich wahnsinnig auf, weil sie sinnlos ist», ereifert sich der 68-Jährige. Und diese Streichel-Gerätli-Mentalität irritiert ihn, denn die Smartphones würden einen doch immer nur von sich wegführen.

Das Reisen neu entdeckt

Paul Le Grands Leidenschaften sind das Hinterfragen und das ­Ergründen einer Sache. Dazu gehört das Reisen, das er für sich neu entdeckt hat: «Essen und Reisen sind zwei sehr befriedigende Dinge.» Vor zwei Jahren besuchte er mit seiner Frau auf einer dreimonatigen Tour Japan, Australien, Hawaii und Hongkong. Diese Eindrücke seien für ihn als Künstler unbezahlbar. Seine erwachsenen Kinder Joël und Chloé sind als Möbelschreiner und Regieassistentin ebenfalls künstlerisch unterwegs.

Le Grand sei übrigens kein Künstlername, wie viele annähmen. «Ich stamme aus einem ­Hugenottengeschlecht, das von Belgien kam. Soweit ich weiss, waren sie über Generationen Tuchmacher.» Nun erhält der Künstler Paul Le Grand am Freitagabend von der Stadt Thun den diesjäh­rigen Kunstpreis in der Höhe von 10 000 Franken überreicht. «Ich fühle mich geehrt und freue mich sehr über diesen Preis», sagt der Künstler.

Die Kulturpreis-Verleihung ist öffentlich und findet am Freitag, 3. November, von 20 bis 21.30 Uhr im KKThun statt.
Das Programm:Begrüssung durch Gemeinderat Roman Gimmel, Übergabe des Kunstpreises an Paul Le Grand (Laudatio: Heinz Brügger, Architekt), Übergabe des Kulturstreuers an den Verein Schlosskonzerte Thun (Laudatio: Hansueli von Allmen, Alt-Stadtpräsident Thun), Übergabe Kulturförderpreis an Mariella Bachmann (Laudatio: Christoph Ogg, Musiklehrer, Klarinette MSRT) und an Agata Lawniczak (Laudatio: Pascale Altenburger, Choreografin, Tänzerin, Tanzpädagogin), Schlusswort durch Marianne Flubacher, Leiterin Kulturabteilung. Moderation: Christoph Simon.
Das Rahmenprogramm wird durch die Preisträgerinnen und Preisträger und die Gewinnerin des Atelierstipendiums Genua, Karen Moser, gestaltet. Im Anschluss an den Anlass offeriert die Stadt Thun einen Apéro.

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