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Traumjob mit düsterer Zukunft

Viel Eindrückliches hat Beat Hählen in seinen 25 Jahren als Hausarzt an der Lenk erlebt. Er bezeichnet seine Arbeit als «Traumjob mit düsterer Zukunft»

Er kennt das Glücksgefühl, Leben retten zu können. Aber auch das Gefühl der Ohnmacht, wenn jede Hilfe zu spät kommt. Der Lenker Beat Hählen ist seit 25 Jahren Allgemeinmediziner an der Lenk. Er bietet in seiner Praxis noch das ganze Spektrum von der Säuglingsimpfung bis zur Betreuung des Geriatriepatienten am Lebensende an. «Ich stehe jeden Tag unter Druck, auch wirklich alle Patienten behandeln zu können», sagt der 57-jährige Lenker. Fünf Minuten mehr pro Patient wären ideal, würden aber den Arbeitstag um fast drei Stunden verlängern. Gerade heute Morgen sei er wegen eines Notfalls bereits beim Eintreten des ersten Patienten eine halbe Stunde im Verzug gewesen. «Man darf das nicht falsch verstehen. Ich habe einen fantastischen Beruf. Aber der Zeitdruck ist enorm.» Seinen Beruf bezeichnet er als «Traumberuf mit düsterer Zukunft, da ungewiss». Er sei jedoch Optimist und habe soeben viel Geld in ein neues, digitales Röntgen investiert. Bald keine Landärzte mehr? Es bestehe jedoch auf politischer Ebene bezüglich der Hausärzte grosser Handlungsbedarf. «Ex-Bundesrat Pascal Couchepin hat im Schweizer Gesundheitswesen vieles kaputt gemacht. Seine Entscheide waren oft geprägt durch reinste Willkür. Er dachte zu kurzfristig; sein Ziel war oft nur die Kosteneinsparung», kritisiert Beat Hählen und fügt an: «Das hat beispielsweise bei der Reduktion der Labortarife dazu geführt, dass nun dem Arzt ein wichtiges Arbeitsinstrument nicht mehr vollumfänglich zur Verfügung steht. Dadurch entstehen auch dem Patienten Unannehmlichkeiten, und die Kosten werden höher.» Solche Entscheide schreckten junge Mediziner davor ab, eine Landpraxis zu übernehmen: «Dies wird zwangsweise dazu führen, dass in fünf bis zehn Jahren die ambulante Grundversorgung in ländlichen Gebieten nicht mehr existieren wird.» In der Region Obersimmental kommt ein weiteres Problem hinzu: «Drei der insgesamt sechs Ärzte werden in den nächsten fünf Jahren das Pensionsalter erreicht haben», sagt Hählen. Die verbleibenden drei Ärzte würden nicht im Stande sein, den Notfalldienst zu erhalten. Auch seine eigene Nachfolge zu regeln werde schwierig: «Ich habe schon zahlreiche Assistenzärzte angefragt, ob sie sich vorstellten könnten, meine Praxis zu übernehmen.» Bis jetzt habe er keine Zusagen. Wer an der Lenk Arzt werde, müsse halt auch die Berge lieben und gerne Wintersport betreiben. Ärzte unter Zeitdruck Wo erlebt Beat Hählen, Vater dreier Töchter, in seiner täglichen Arbeit konkrete Probleme? «Wie gesagt, der Zeitdruck ist eines der grössten Probleme. Gerade in ländlichen Gebieten hat man als Allgemeinmediziner eine immense Verantwortung. Das wollen heutzutage nicht mehr viele junge Ärzte auf sich nehmen.» Jedes sechste Wochenende und jeden sechsten Tag muss Hählen den Notfalldienst für das ganze Obersimmental übernehmen. Gerade junge Ärzte würden lieber im Team arbeiten. Nicht zu unterschätzen sei auch die finanzielle Hürde für junge Praktiker: «Ein Haus mit Praxis, Praxiseinrichtungen und Wohnbereich kostet gegen zwei Millionen Franken.» Aus all diesen Gründen unterstützt Beat Hählen die geplante Eidgenössische Volksinitiative «Ja zur Hausarztmedizin». Diese will die Hausarztmedizin in der ganzen Schweiz sicherstellen, optimale Behandlungsmöglichkeiten garantieren und den Hausärzte-Nachwuchs fördern. 25 ereignisreiche Jahre Der 57-jährige Arzt blickt auf ereignisreiche 25 Jahre zurück, in denen er gleichsam viel Freude und Leid erlebt hat. So musste er einmal bei einem Säugling den plötzlichen Kindstod feststellen. «Das war der absolute Horror», erinnert sich Hählen. Sein Blick schweift in die Ferne beim Gedanken an das Erlebte. Auch an einen grauenvollen Unfall im Jahr 1990 in der Nähe des Holzwerks Rieder erinnert sich der Arzt noch gut. «Es war stockdunkle Nacht, und ich hatte Notfalldienst. Fünf junge Leute waren mit übersetzter Geschwindigkeit in einer Kurve vom Weg abgekommen.» Am Unfallort konnten Hählen bei Fahrer und Beifahrer nur noch den Tod feststellen; die anderen drei Insassen waren schwer verletzt. «Nach dieser Nacht bin ich während langer Zeit jede Nacht schweissgebadet erwacht.» Die grösste Genugtuung für ihn sei natürlich ein gesundeter Mensch. «Wenn jemand in die Praxis kommt und sich für meine Arbeit bedankt, bin ich glücklich.» Gerade die älteren Simmentaler Leute seien sehr bescheiden und dankbar, sagt Beat Hählen: «Manch ein älterer Patient bedankt sich sogar noch für eine Blutentnahme. Und bringt später ein Stück Käse vorbei.» Sarah McGrath-Fogal >

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