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Unterwegs mit Huttefrou und Plätzlimaa

RüscheggVerkleidete Personen ziehen eine gefällte Tanne rund um die Gemeinde und versteigern sie dann. Was seltsam klingt, ist der 100-jährige Brauch Tannecharete und ein grosses Volksfest.

Wenn mitten in Rüschegg eine alte Frau einen jungen Mann in einem Korb herumträgt und ein mannsgrosser Affe durchs Dorf springt, rennen die Bewohner nicht etwa weg. Im Gegenteil: Sie gehen auf die Strasse, auf die Balkone, laufen der Frau und dem Affen sogar nach. Denn es ist wieder Tannecharete, ein Rüschegger Brauch, der schon seit 100 Jahren hochgehalten wird. Gestern zauberte dieser Brauch zum neunten Mal eine märchenhafte Welt rund um Rüschegg. Jodler statt Junggesellen 1911 fand die erste Tannecharete statt. Damals noch im Winter, denn die Charete war ursprünglich ein Fasnachtsbrauch von ledigen Männern. Mancher der gestern Teilnehmenden wünschte sich heimlich vielleicht einen kalten Wintertag herbei – vor allem jenen in Tracht, Uniform oder Kostüm machte der heisse Herbsttag zu schaffen. Es gehört zur Tannecharete, dass sie von zehn merkwürdig kostümierten Gestalten begleitet wird (siehe rechts). Im Mittelpunkt aber steht eine Tanne, die durch die Rüschegger Ortschaften Heubach, Hirschhorn, Gambach und Graben gcharet wird. Zum Schluss kann man sie ersteigern. Über 30 Meter lang ist die heurige von der Burgergemeinde spendierte Rottanne; das entspricht 7 Kubikmetern Holz. «Aber das Stück auf dem Karren ist nur 10,5 Meter lang. Ansonsten würden wir es damit nicht um die scharfen Rüschegger Kurven schaffen», erklärt Alfred Zahnd. Er ist Präsident des Jodlerklubs Rüschegg, der den Anlass seit 1948 organisiert, seit 1961 im Zehnjahresrhythmus. Während früher Junggesellen die Tanne zogen, werden jetzt die 13 Frauen und Männer des Jodlerchors vor den Karren gespannt, gemeinsam mit fünf Pferden. Auf diese ist man in Rüschegg besonders stolz. «Auch in anderen Gemeinden gibt es die Charete. Aber nur bei uns sind noch Pferde involviert», sagt der als Briefträger verkleidete Paul Hostettler. «Wir messen Traditionen besonders viel Wert bei.» Tatsächlich bezeugen alte Fotos, wie stark der Umzug 2011 jenem von 1911 ähnelt. Todesschuss am Volksfest Um 13 Uhr startet der fröhliche Tross bei der Sahlenmoosbrücke in Heubach. Voran marschiert die Musikgesellschaft Rüschegg, ihr hinterher schreiten die eingespannten Jodler und Pferde mit der Tanne. Es folgen Trachtenmädchen, Losverkäuferinnen und Pferdegespanne. Beim Restaurant Pfadern in Heubach hält der Trupp zum ersten Mal, und Musikgesellschaft und Jodlerklub geben ein paar Lieder zum Besten. Ein richtiges Volksfest, so scheint es. Doch dann: ein Schuss. Die Menge schreckt zusammen. Auf der Wiese gegenüber des Restaurants hat ein Jäger einen Bären erschossen. Natürlich handelt es sich dabei um ein Schauspiel der Tannecharete-Figuren. Ein «Doktor» eilt zum am Boden liegenden Tier und flösst ihm Medizin ein. Der «Bär» erwacht. Noch dreimal wird er an diesem Nachmittag erschossen: in Hirschhorn, Gambach und Rüschegg-Graben, wo der Umzug jeweils hält, um bei den Wirtschaften zu musizieren und zu feiern. In Graben wird die weit gereiste Tanne nach vier Stunden Fahrt versteigert. Heuer erhält der Jodlerklub dafür 1270 Franken von einem einheimischen Forstwart. Wer unterlag, muss sich gedulden: Die nächste Auktion findet erst in zehn Jahren statt. Annatina Foppa>

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