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Vom Flaneur zum Voyeur

Kaum lanciert, stösst Street View von Google auf heftige Kritik. Prominente und Gemeinden reklamieren die Verletzung der Privatsphäre. Der Datenschützer ist alarmiert. Ein Streifzug durchs Solothurner Street View-Netz.

Touring Solothurn: Der graue BMW links vor dem Restaurant und Cabaret stand am Donnerstag noch unverpixelt da. Seit Samstag ist das Kontrollschild verpixelt.
Touring Solothurn: Der graue BMW links vor dem Restaurant und Cabaret stand am Donnerstag noch unverpixelt da. Seit Samstag ist das Kontrollschild verpixelt.
Printscreen

Die Aufregung ist gross, seit Google vergangenen Dienstag sein neuestes Spielzeug aufgeschaltet hat: Street View. Sieben Städte sind mit Rundumkameras gefilmt worden und können online abgefahren werden. Flanieren im Netz, virtuelle und detailgenaue Spazierfahrten – Street View machts möglich.

Street View sorgt aber auch für rauchende Köpfe. Zahlreiche Gesichter und Autonummern sind ungenügend verpixelt. Der Datenschützer ist alarmiert und möchte Street View bereits wieder vom Netz nehmen (siehe Text links).

Ertappt?

Google verspricht, bei Beschwerden nachzupixeln und an der entsprechenden Software zu arbeiten. Erfolgreich? Das Tagblatt hat sich an drei Tagen sporadisch in Street View umgesehen: Vergangenen Donnerstag, zwei Tage später, und am Montag.

Es ist nur eine Mutmassung, reine Spekulation: Aber eine Entdeckung, die das Tagblatt am Donnerstag machte, könnte irgendwann zwischen Donnerstag und Samstag irgendwo im Zürcherischen für Diskussionen gesorgt haben. Am Donnerstag stand vor dem Cabaret Night Club Touring in Solothurn ein grauer BMW mit Zürcher Kennzeichen – unverpixelt. Am Samstag stand der BMW immer noch dort – verpixelt. Zufall oder nicht? Der Autobesitzer wird es schon wissen.

Auch sonst fällt einem beim zufälligen streetviewen viel Unbedecktes auf. Kaum ein Dorf, kaum eine Strasse, wo man nicht ein Gesicht erkennen kann. Ein Mädchen mit seinem Hund in Lüterswil-Gächliwil etwa. Ein Velofahrer mit roter Jacke in Oberwil bei Büren. Eine alte Frau, ebenfalls in Oberwil, die ihren Vorplatz wischt. Eine alte Frau mit roter Jacke, die beim Coop in Biberist in ihre Handtasche greift. Oder der graue Audi Kombi mit Solothurner Kennzeichen ausgangs Biezwil Richtung Schnottwil. Der graue Opel mit Berner Kennzeichen vor dem Gasthof Bad in Oberwil bei Büren. Der blaue Ford Kombi mit Solothurner Nummer vor dem Hotel Krone in Schnottwil.

Das sind nur einige Beispiele von vielen. Das wenigste Erkennbare wurde im Verlauf der letzten Tage nachträglich verpixelt.

Achtung: Kühe

Daneben bietet Street View auch ein paar Kuriositäten. Die Fahrt von Derendingen über die Luzernstrasse nach Solothurn in Geisterfahrerperspektive etwa. Das passiert einem, weil man den Weg auch in die entgegengesetzte Richtung fahren kann, als es die Google-Kameras taten.

Immer wieder trifft man auch auf verpixelte Gesichter oder Alkoholmarken auf Plakaten, während die Gesichter der Leute, die daran vorbeilaufen, unverpixelt sind. Hier werden die Macken der Verpixelungs-Software überdeutlich – Google arbeitet daran...

Viel Einblick gewährt auch die Momentaufnahme vom Grenchner Marktplatz. Hier ist vieles erkennbar, was nicht erkennbar sein sollte; Gesichter von Gästen in den Gartenbeizen, das Gesicht einer Frau, die am Kiosk eine Zeitung kauft, ein Mann, der am Bancomat Geld abhebt. Daneben gibt es auch hier Unerkennbares, was erkennbar sein dürfte; das Nummernschild der Kinderlokomotive neben dem Kiosk etwa – hier hat Google wirklich feinsäuberlich gepixelt…

Der vielleicht aufregendste Moment spielt sich aber im Bucheggberg ab, in Biezwil. Dort querten Kühe genau in dem Moment die Hauptstrasse, als Google seine Aufnahmen machte. Die Kühe kamen, nebenbei bemerkt, heil über die Strasse.

Street View-Wüste

Street View mag einen praktischen Nutzen haben, indem man zum Beispiel vorabsondieren kann, ob es bei den Freunden, die einem eingeladen haben, Parkplätze hat vor dem Haus, oder wo der Zahnarzt seine Praxis hat. Ob sich der Aufwand dafür allerdings lohnt, ist fraglich – wahrscheinlich werden die Parkplätze ohnehin alle besetzt sein, und den Zahnarzt dürfte man auch ohne Street View finden.

Aus rein voyeuristischer Sicht ist Street View eine einzige Enttäuschung. Die drei Streifzüge des Tagblatts waren selbstverständlich auch mit der Erwartung und der Hoffnung verbunden, Spezielles und Pikantes zu entdecken: Den Nachbarn beim illegalen Verbrennen von Abfall etwa, den Pösteler beim Bier in der Beiz, das Haus der Eltern, vielleicht sogar sich selbst irgendwo. Resultat: Die reinste Ernüchterung. Solothurn und seine Agglomerationen sind erst schwach erfasst und Street View-Wüste – Grenchen ist die Ausnahme.

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