Zum Hauptinhalt springen

Vom Unsinn der Steuerabzüge

steuern und abzügeAb heute verschickt der Kanton Bern die Steuererklärungen 2011. Zudem wird heute die Kampagne für einen neuen Bausparsteuerabzug lanciert. Ein passender Zeitpunkt für einen Hinweis auf die Nachteile der Steuerabzüge.

In den nächsten Tagen finden die Bernerinnen und Berner die Unterlagen für die Steuererklärung 2011 im Briefkasten. Die meisten werden sich wohl mit wenig Freude daran machen, die vielen Papiere auszufüllen. Wenn man in diesem Zusammenhang von Freude sprechen kann, dann kommt sie vermutlich höchstens bei den Steuerabzügen auf. Wer hier ein paar Hundert und dort ein paar Tausend Franken abziehen kann, spürt förmlich, wie er dem Fiskus ein wenig Geld abtrotzen kann. Das ist verständlich. Und doch liegt hier auch ein folgenschweres Wahrnehmungsproblem vor. Jede und jeder bemerkt unmittelbar, wie sie oder er von Steuerabzügen und anderen Vergünstigungen wie Freibeträgen profitiert. Nicht wahrgenommen wird hingegen, dass diese «Geschenke» etwas kosten. Bezahlen müssen jene Steuerzahler, welche die Abzüge nicht vornehmen können. Sie bezahlen dafür in Form von Steuertarifen, die höher sind, als sie es wären, wenn es die Abzüge und Ausnahmen nicht gäbe. 20 von 60 Milliarden Franken Das bedeutet noch nicht, dass jeder Steuerabzug verwerflich ist. So wird kaum jemand ernsthaft die Abschaffung des Kinderabzugs fordern. Zu denken gibt jedoch die schiere Menge der «Steuervergünstigungen», welche die Eidgenössische Steuerverwaltung letztes Jahr erstmals umfassend aufgelistet hat: Sie registrierte beim Bund gegen 100 Vergünstigungen (Abzüge und andere), die gemäss dieser ersten Schätzung zu Steuerausfällen von «mindestens» 17 bis 21 Milliarden Franken führen. Das ist kein Pappenstiel: Die gesamten Steuereinnahmen belaufen sich auf knapp 60 Milliarden Franken. Der Bund könnte die Steuern also markant senken, wenn er alle Vergünstigungen streichen würde. Abzüge für Eigenheim?Die Entwicklung weist jedoch eher in die andere Richtung. Statt alte Vergünstigungen rückgängig zu machen oder einzuschränken, versucht die Politik eher neue einzuführen. Am 11.März stimmt das Volk über den neusten Anlauf ab: Die Bausparinitiative sieht einen neuen, grosszügigen Steuerabzug zur Förderung des Wohneigentums vor. Während zehn Jahren dürften Singles 15000 und Ehepaare 30000 Franken im Jahr für den Kauf eines Eigenheims beiseite legen und auf der Steuererklärung vom Einkommen abziehen. Fragliche WirkungBei diesem Steuerabzug stellen sich dieselben Fragen wie bei vielen anderen. Es sind unter anderem folgende drei Fragen: Fördern die Abzüge nicht vor allem Bürokratie und Steuerberater? Das fragt man sich zum Beispiel bei den komplexen Ausnahmeregelungen der Mehrwertsteuer oder bei den Abzügen für Liegenschaftsunterhalt, der bekanntlich nicht «wertvermehrend» sein darf. So müssen Mitarbeiter der Steuerverwaltung beispielsweise Gärtnerrechnungen recht präzis prüfen: Hat der Gärtner Pflanzen gepflegt, die das Jahr überdauern, darf der Hausbesitzer die Kosten abziehen. Kümmerte sich der Gärtner um Blumen oder Gemüse, gibts keinen Abzug. Bewirken die Abzüge – nebst den Steuerausfällen – überhaupt etwas? Ökonomen warnen, dass sie sehr oft nur ein Verhalten belohnen, das auch ohne steuerliche Entlastung stattfinden würde. Dass zum Beispiel der Grossteil der Haushalte, die vom neuen Bausparabzug profitieren würden, ohnehin ein Eigenheim kaufen werden, auch wenn der Abzug nicht eingeführt wird. Solche «Mitnahmeeffekte» sind auch beim Steuerabzug für Aus- und Weiterbildung häufig. Das Parlament will diesen erweitern, obwohl der Berner Bildungsökonom Stefan C.Wolter in einem Gutachten davon ausgeht, dass die Mitnahmeeffekte bis zu 100 Prozent betragen könnten und die erhoffte Anreizwirkung gerade bei tieferen Einkommen verpuffen dürfte. Sind die Abzüge sinnvoll? Auch diese Frage stellt sich in einigen Fällen. Zwei Beispiele: Der Abzug für die Kosten des Arbeitswegs vergünstigt und fördert de facto das Pendeln, was wiederum die Zersiedelung vorantreibt und die Kosten für Strasse und Schiene erhöht. Ist das klug? Und müsste dann nicht auch ein Steuerabzug für all jene eingeführt werden, die in der Stadt wohnen und arbeiten und dafür höhere Wohnkosten in Kauf nehmen? Das zweite Beispiel stammt vom Bundesrat, der damit aufzeigt, wozu der erweiterte Abzug für Aus- und Weiterbildung führen wird: Ein Bäcker dürfte die Kosten für die Ausbildung zum Tauchlehrer neu abziehen, auch wenn er nie als Tauchlehrer arbeiten wird. Es genügt, wenn er theoretisch als Tauchlehrer seinen Lebensunterhalt verdienen könnte. Dafür, so das Gegenargument, fallen Abgrenzungsprobleme weitgehend weg. Aber nicht ganz: So dürfte der Bäcker, der regelmässig Salsastunden nimmt, wohl nicht verstehen, warum er nicht auch einen Abzug machen darf. Gemäss Bundesrat ginge das weiterhin nicht, da er Tanzkurse als Liebhaberei einstuft. Sicher ist nur, dass der Tanz um die Steuerabzüge munter weitergeht. Fabian Schäfer >

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch