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von Rosmarie Christen zerschnitt

mals schreibt sie «Judihui». «Skorpione sind charmant und humorvoll», weiss die Astrologie. «Die Direktheit ist Rosmaries Stärke», sagt Freundin Susanne Wetz. Den Zopf musste Rosmarie Christen während der Ausbildung zur Krankenschwester dann bald einmal abschneiden. Er war zu lang und zu schwer, er passte nicht unter die Haube. Heute trägt sie die Haare zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden, die Stirnfransen reichen bis zu den Augenbrauen. Ihre Haare sind braun, schimmern rötlich im Licht. Gefärbt. Rosmarie Christen hasst graue Haare, sie reisst sie alle aus. «Bis du eine Glatze hast», foppt die Mutter. Die Tochter lacht und buchstabiert. «Ich bin uralt, weil ich so grau bin.» Wieder so ein Spruch. Wieder streckt sie die Hand aus, zum Abklatschen. Erinnern Sie sich an den Unfall? «Nein, zum Glück nicht. Nur dass es heiss wurde.» Mutter: «Das kam vermutlich daher, weil im Spital ihr Rücken wund gelegen war.» Welches ist Ihre erste Erinnerung nach dem Aufwachen? «Die Mama, sie war immer da, wenn ich sie brauchte.» Mehr als ein Jahr musste Rosmarie Christen im Inselspital bleiben. Jeden Tag reiste die Mutter nach Bern. Sie sass am Bett und hoffte. Sie begleitete ihre Tochter auf dem täglichen Therapiemarathon. Als Rosmarie Christen nach Hause durfte, konnte sie wieder sitzen, stehen und schlucken. Die Sprache blieb im Jura verschollen. Es passierte wenige Wochen nach Rosmarie Christens Rückkehr auf den elterlichen Hof: Der Freund verkündete, er wolle auswandern. Die Mutter sagte ihm: «Das werden wir jetzt auch noch überleben.» Und eines Tages standen die Möbel vor dem Hof. Die Möbel aus der gemeinsamen Wohnung, die Rosmarie Christen vor dem Unfall mit ihrem Freund geteilt hatte. Diesmal blieb die Erinnerung hängen, sie bohrte sich tief ins Gedächtnis. Nachts träumt Rosmarie Christen manchmal von ihrem früheren Freund. Sie sagt ihm die Meinung, sie flucht. «Was ich sonst nicht kann.» Sie hat ihn nie mehr gesehen. Der Unfall hat das Leben auf dem Hof zerschnitten. «Es gibt ein Vor dem Unfall und ein Nach dem Unfall», sagt die Mutter. «Aber nicht nur im schlimmen Sinn.» Freunde sind verschwunden, andere, Bekannte, sind zu Freunden geworden. «Es hat gesiebt», sagt die Mutter. Und da sind die Prominenten. Der Wirt des Restaurants Sonne auf der Wäckerschwend, eines kleinen Lokals in den Buchsibergen, machte die Familie mit Polo Hofer bekannt. Der Musiker weinte, als er erfuhr, dass die Ärzte versucht hatten, Rosmarie Christen mit seinen Liedern Leben einzuhauchen. Auch der Obdachlosenpfarrer Ernst Sieber ist ein regelmässiger Gast bei den Christens. Er hat einmal ein TV-Team angeschleppt. «Wäre der Unfall nicht gewesen, hätten wir die alle nicht kennen gelernt», sagt die Mutter. Die Mutter ist 69 Jahre alt. Der Tag wird kommen, an dem sie die Tochter nicht mehr rund um die Uhr pflegen kann. Das Netz der Familie ist engmaschig. Aber gibt es einen Plan für die Zukunft? Die Mutter steht an der Spüle, stumm rüstet sie Salat. Dann sagt sie: «Irgendwie geht es immer.» Die Finger von Rosmarie Christen kreisen über den Buchstaben. Sie scheint zu überlegen. Dann buchstabiert sie. «Die Zukunft macht Angst.» «Rosmarie macht Fortschritte. Ihre Motorik wird besser. Sie will besser werden, sie hat einen sehr starken Willen.» Das sagt Susanne Wetz, die regelmässig auf dem Hof der Christens zu Besuch ist. Logopädin Eliane Bötschi vom Spital Langenthal sagt: «Es geht immer noch vorwärts bei Rosmarie.» Die «Arbeit an der Zunge», wie es die Logopädin nennt, fruchtet. Irgendwann kann Rosmarie Christen vielleicht wieder einzelne Worte sagen. Therapie ist Training. Ohne zu kleckern Kaffee trinken bei der Logopädin. Am Einkaufswagen durch die Spitalgänge spazieren bei der Physiotherapeutin. Zu Hause von Hand Briefe schreiben und Kreuzworträtsel lösen. Kürzlich waren Mutter und Tochter erstmals ohne Rollstuhl in der Migros. Und neuerdings geht die Tochter zu Hause sogar ans Telefon. Kennen die Anrufer die Familie, hinterlegen sie ihre Nachricht. Kennen sie die Familie nicht, hängen sie wieder auf. Und eine Domäne hat die gelernte Operationsschwester sowieso behalten: Wälzen Verwandte oder Bekannte ein medizinisches Problem, ist Rosmarie Christen ihre erste Anlaufstelle. Rosmarie Christen steht auf und geht am Arm ihrer Mutter langsam zur Tür. Die Beine wackeln. Zum Stall von Iselle sind es nur ein paar Meter. Iselle hat den besten Platz. Das macht das tägliche Ritual für Rosmarie Christen leichter. Auf der Internetseite ihrer Stallung schreiben die Christens: «Pferde sind unser Leben, und wir leben für die Pferde.» Dominik Balmer Dieser Text ist die Abschlussarbeit des Autors für die Luzerner Journalistenschule MAZ. >

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