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Wandern mit den Augen eines Malers

«Wandern wie gemalt – Auf den Spuren bekannter Gemälde im Berner Oberland»: Was spannend

Wer in ein Museum geht, um sich Landschaftsgemälde anzuschauen, hat sich vielleicht auch schon gefragt, warum der Maler genau diesen Ausschnitt ausgewählt und dargestellt hat. Was hat er sich wohl dabei gedacht? Und wenn es sich um ein älteres Kunstwerk handelt, sieht die Landschaft heute noch genauso aus? Schauen wir uns beispielsweise das Bild des Niesen an: Gemalt wurde es 1990 von Jean Fréderéric Schnyder. Die Pyramide der Alpen, seit dem 16. Jahrhundert ein beliebtes Sujet in der Landschaftsmalerei, ist umhüllt von Wolken, und im Vordergrund vollenden zwei herbstlich gefärbte Bäume die Idylle. Warum aber hat Schnyder genau diesen Standort gewählt, um den Niesen zu zeichnen? Findet man den besagten Ort auch 20 Jahre später noch so vor? Diese Fragen haben sich auch die Autorin und der Fotograf des Wanderführers «Wandern wie gemalt» gestellt. Inspiration für diese spezielle Publikation war für die gebürtige Aargauer Autorin Ruth Michel Richter die Stichesammlung, die sie von ihrem Vater geerbt hatte. Sie wollte die Orte der Abbildungen aufspüren und überprüfen, wie es dort heute aussieht. Aus der anfänglichen Idee hat sich eine stolze Sammlung entwickelt, die dem Leser nicht nur 14 Wanderungen präsentiert, sondern auch gleich viele Tipps über Sehenswürdigkeiten, Rastplätze sowie Informationen rund um das Leben der Künstler und die jeweilige Epoche mitliefert. Das Spannende am Wanderführer: Das Gemälde kann jeweils direkt mit dem heutigen Original verglichen werden, denn der Fotograf Konrad Richter hat sich auf die Suche gemacht, um den gleichen Ausschnitt bei möglichst ähnlichen Lichtverhältnissen zu fotografieren. Auf historischen Spuren Der Kunstwanderführer ist nach Künstlern gegliedert. Die erste Wanderung beginnt mit einem der grossen Maler der europäischen Vorromantik, Caspar Wolf (1735 bis 1783). Oft wanderte dieser ins Saanenland, um dort das Lauinental und den Geltenschuss zu malen. Der Autorin und dem Fotografen wird bald klar, dass nicht alle Standorte gefunden werden können, weil Wolf in seinen Bildern oftmals nicht die Realität wiedergegeben hat, sondern weitgehend auch seine Interpretationen hineingeflossen sind. So haben sich Wirklichkeit und Fantasie zu einem Ganzen vermischt. Die dazugehörige Wanderroute führt von Lauenen über die Höhi zur Schlucht des Geltenbachs und weiter zur Geltenhütte SAC. Der Leser erfährt, dass die beste Jahreszeit für diese Route zwischen Juni und Oktober sei. Ferdinand Hodler, ein weiterer Künstler, der im Wanderführer erwähnt wird, hat «Die Jungfrau von der Isenfluh aus», wie er sein Kunstwerk nannte, 1902 gemalt. Hodler selbst vertrat die Auffassung, dass die Natur voll von Symmetrien ist. So erstaunt es auch nicht, dass seine Bilder voll von Wiederholungen der Landschaftsformen sind. «Sie erscheinen in den nach rechts abfallenden Wiesenbändern, den Felsen der Bildmitte und in den horizontalen Linien im Vordergrund, die im oberen Drittel wieder aufgenommen werden», klärt das Wanderbuch auf. Oberland als Paradies Allgemein scheint das Berner Oberland in der Malerei stark vertreten zu sein –, das wird dem Leser nach der Lektüre dieses Wanderführers klar. Vielleicht liegt es daran, dass nicht nur die Touristen das Berner Oberland als das verloren geglaubte Paradies gesehen haben! Zumindest der stellvertretende Direktor am Aargauer Kunsthaus, Stephan Kunz, meint im Vorwort, dass «im Berner Oberland das Paradies in greifbarer Nähe lag und noch heute liegt». Neben Ferdinand Hodler und Caspar Wolf sind viele andere Künstler vertreten, unter anderem Auguste Baud-Bovy, Paul Klee, Alexandre Calame oder Otto Fröhlich. Wer also beim Wandern nicht nur die Natur bewundern will, sondern auch sein kunsthistorisches Wissen erweitern möchte, wird an diesem Buch Gefallen finden. Es macht einen Vergleich von Kunst und Wirklichkeit greifbar. Das Wandern mit den Augen eines Malers wird wahrlich möglich. Jeanine Salzmann Wandern wie gemalt – Auf den Spuren bekannter Gemälde im Berner Oberland, Ruth Michel Richter und Konrad Richter, 2010, 357 Seiten, ISBN: 978-3-85869-431-7, im Buchhandel erhältlich, so auch im Bücherperron Spiez (Telefon 033 828 81 62). >

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