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Wenn Mozart zum Romantiker wird

saanenZum Abschluss des Klassikfestivals Sommets Musicaux de Gstaad trafen am Wochenende in der Kirche Saanen zwei exzellente Kammerorchester auf zwiespältige Solistinnen.

Ob die junge Dame noch einen Termin hat? Alexandra Soumm (22) pflügt sich in der Kirche Saanen durch das Violinkonzert ihres Landsmanns Tschaikowsky, als gäbe es kein Links und Rechts, nur ein stetes Vorne, das es zu erhaschen gilt. Dirigent Peter Csaba, der ihr Grossvater sein könnte, steht daneben und rudert nach Kräften. Doch es reicht nicht: Das Orchester wird nicht nur beim ausgelassenen Wettlauf am Ende von der Nachwuchsgeigerin beinahe abgehängt. «Gezaust, gerissen, gebläut» Was Eduard Hanslick wohl dazu sagen würde? Der legendäre Kritikerpapst aus Wien sah sich nach der Uraufführung von Tschaikowskys Konzert 1881 nicht nur zur rhetorischen Frage veranlasst, ob Musik eigentlich stinken könne, er beklagte sich auch, dass nicht mehr Violine gespielt, sondern «gezaust, gerissen, gebläut» werde. Soumm traktiert ihre Geige nicht, aber ihr Spiel riecht ein wenig nach alter Schule. Die Intensität, die verblüffende Technik, der breite, gefütterte Klang erinnern an Anne-Sophie Mutter. Das macht Eindruck. Nüchtern betrachtet, fehlt dann aber doch (noch) eine Menge, nicht nur was die Gestaltung der Spannungsverläufe betrifft. Soumm versprüht Virtuosenzauber, hat aber wenig zu erzählen. Verblüffender Mendelssohn Dass das Paradewerk auch im Andante nicht zum Schmachtfetzen verkommt, dafür sorgt das Orchestre de Chambre de Lausanne. Mit seinem schlanken, kantigen, zugleich farbenreichen Spiel hebt es sich deutlich ab von der Solistin. Mehr noch als bei Tschaikowsky wird das renommierte Kammerorchester aber bei Mendelssohn Bartholdy seinem Ruf gerecht. Unter dem ungarischen Dirigenten werfen die Lausanner ein ganz neues Licht auf die dritte Sinfonie – ein Highlight zum Abschluss des Festivals. Csaba zeigt die «schottische» Sinfonie fern vom lichten Schwung, fern von jener Anmut und Geschmeidigkeit, die meist mit Mendelssohn assoziiert wird. Zu hören ist vielmehr ein aufgerautes, ja schroffes Werk voll innerer Tragik und Dramatik, das aus Bachs Barockwelt schöpft und auf Mahlers Spätromantik vorausweist. Apropos Bach: Was man aus einem scheinbar verbrauchten Werk wie dem d-Moll-Konzert für zwei Violinen und Orchester herausholen kann, bewies die Camerata Bern am Freitag in der Kirche Saanen. Forsch und spannungsvoll, zugleich federleicht und fein ziseliert: Das macht der Camerata und ihren Sologeigerinnen Antje Weithaas und Meesun Hong niemand so schnell nach. Auch bei Béla Bartóks gespenstischem Divertimento, geschrieben 1939 in Saanen, schöpfte das Ensemble aus dem Vollen. Dennoch fielen die Berner mit ihrer Kultur des hellen, fast ätherischen Klangs im Direktvergleich mit den aufregenden Lausannern etwas ab. Verhauener Mozart Apropos abfallen: Dass Katia und Marielle Labèque nicht zu den grossen Mozart-Interpretinnen gehören, ist an sich kein Sakrileg. Wie das populäre Duo an der Seite der Camerata Bern Mozarts Es-Dur-Konzert für zwei Klaviere herunterspielte und mit exzessivem, pseudoromantischem Dehnen und Stauchen der Töne beinahe zum Ersticken brachte, war aber unverzeihlich. Noch hastiger und liebloser als der Schlusssatz erschienen die (umjubelten) Zugaben. Ob die Damen noch einen Termin hatten? Oliver Meier>

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