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Wie Bern ein Patient wurde

1848 war der Kanton Bern noch eine Macht. Umstände und Unterlassungssünden, die zu seinem Abstieg führten, sind unerforscht.

Es war ein selbstquälerischer Streit zur Frage, ob es um Berns Wirtschaftskraft schlecht oder sehr schlecht stehe: Wirtschaftsverbände warfen Volkswirtschaftsdirektor Andreas Rickenbacher jüngst im Wahlkampf vor, dass der Kanton mit 855 Millionen Franken der grösste Empfänger aus dem Neuen Finanzausgleich (NFA) sei. Rickenbacher konterte: Berechne man den Betrag pro Kopf der Bevölkerung, dann stehe Bern im Mittelfeld. 1959 noch im Mittelfeld Dieser Streit um Kopf oder Zahl bringt Bern nicht voran. Und er erklärt nicht, welche unbeeinflussbaren Umstände und welche Unterlassungssünden dazu führten, dass der mächtigste Kanton der alten Schweiz zum nationalen Patienten wurde. Darüber erfährt man auch nichts in Beat Junkers «Geschichte des Kantons Bern seit 1798». Sie spart Geldfragen aus. Im Finanzausgleich von 1959 war der Kanton Bern noch Nettozahler und nicht Empfänger, bei der Finanzkraft stand er auf Platz 13 der Kantone (heute Platz 16). 1848 war Bern bei der Gründung des Bundes der bevölkerungsreichste Kanton. Jeder fünfte Schweizer war ein Berner, heute nicht einmal jeder siebte. Der Berner Käse- und Uhrenexport war damals namhaft, und die Landwirtschaft trug noch in hohem Mass zur Wertschöpfung bei, schreibt Christian Pfister in der Einleitung zum «Historisch-Statistischen Atlas des Kantons Bern». Was passierte dann? «Unsere Erkenntnisse darüber sind bloss impressionistisch», sagt der Berner Geschichtsprofessor. Verpasste Entwicklung Pfister gibt ein paar Hinweise: Der binnenwirtschaftlich orientierte Kanton wurde im 19.Jahrhundert – im Gegensatz zur exportorientierten, industrialisierten Nordostschweiz – von den sich globalisierenden Märkten abgehängt. Berns Anschluss an das nationale Bahnnetz kam relativ spät, und die Bahnlinien lösten aus unbekannten Gründen nur auf einigen Modernisierungsinseln wie Biel, Langenthal oder Burgdorf ökonomische Impulse aus. Berns Erhebung zur Hauptstadt lancierte einen sich selbst verstärkenden Wachstumstrend im wertschöpfungsarmen Verwaltungssektor. Und der Subventionssegen schützte die Berner Landwirtschaft vor der Verschlankung. Zwar gab es unter freisinniger Kantonsregierung Ende 19.Jahrhundert einen Elektrifizierungs- und Eisenbahnboom. Die von der SVP-Vorläuferin BGB dominierte Kantonspolitik verliess sich dann im 20.Jahrhundert eher auf Berns historische Grösse statt auf Leistung. Vielleicht hat Bern auch einfach Pech gehabt, dass es 1848 die ETH nicht erhielt, die Zürich jährlich nicht nur 855 Millionen, sondern eine Milliarde Bundesfranken und überdies globales Prestige einbringt. svb>

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