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Wie streng soll ich mit meinem Kind sein, und wie viele Ausnahmen soll ich machen?

FRAGE AN ANNA: Meine Tochter ist 8-jährig, und ich versuche mein Bestes, sie gut zu erziehen. Allerdings höre ich oft von meinem Mann oder von Verwandten, ich sei viel zu streng mit dem Kind. Dabei stelle ich nur Regeln auf, an die man sich halten muss, das war bei uns zu Hause früher auch so. Neulich hatten wir eine Diskussion, weil ich meinem Kind nicht erlaubt habe, mit der Nachbarin in die Schule zu fahren. Es regnete stark und war kalt. Normalerweise laufen meine Tochter und jene der Nachbarin gemeinsam zur Schule. Meine Nachbarin, die dann ihre Töchter mit dem Auto hinbrachte, hatte kein Verständnis für meine Haltung. Ich finde aber: Regeln sind Regeln. Wenn ich sage: Es wird gelaufen, dann läuft meine Tochter in die Schule. Ausserdem ist es gesund und tut ihr gut. Wie soll man sonst wissen, woran man ist, wenn sich alles täglich ändert, dann gäbe es ja genügend Gründe, um immer wieder Ausnahmen zu machen. Was meinen Sie zu diesem Thema? Ihre A. aus Zweisimmen Liebe A.: Bei der Kindererziehung ist es wie in vielen anderen Bereichen: Ein Trend folgt auf den nächsten. Nach der autoritären folgte die ultraliberale Erziehung der 68er-Generation. Seit ungefähr 15 Jahren sieht die Erziehung ihren Dreh- und Angelpunkt mehr im Setzen von Grenzen. Heute hat die scheinbare Notwendigkeit, Kindern Grenzen zu setzen, nahezu religiösen Status erreicht. Die Eltern von früher zahlen manchmal einen hohen Preis für ihre Erziehung, viele haben keinen richtigen Kontakt mehr zu ihren erwachsenen Kindern. Hilfreich finde ich die Gedanken des dänischen Autors Jesper Juul zu diesem Thema, denn er plädiert dafür, die Kinder in ihrer Eigenheit zu achten und zu respektieren. Ohne dass dies Gleichberechtigung heisst. Wir als Eltern missbrauchen unsere Macht oft noch unbewusst, indem wir meinen, zu wissen, wie unser Kind ist oder was es braucht. Erwachsene haben Macht gegenüber ihren Kindern, sowohl emotional wie finanziell, sozial und körperlich. Man braucht für sich selbst klare Wertmassstäbe, die einem helfen, diese Macht nicht auszunutzen. Wenn man seine Kinder verantwortungsbewusst, integer und authentisch behandelt, kann man sich auch als Erwachsener Fehler leisten, und die Kinder werden sie verstehen. Zur konkreten Situation: Ausnahmen schaden sicher nicht, im Gegenteil. Sie haben Ihrer Tochter keinen Gefallen getan, sie hat sich sicher vor den anderen erniedrigt gefühlt, weil sie allein im Regen gehen musste und wohl nicht verstanden hat, warum. Ein Kind sollte nie erniedrigt werden, weder mit Worten noch mit Schlägen oder anderen harten Bestrafungen. Schrauben Sie ihre Ansprüche an sich und Ihr Kind nicht zu hoch, erlauben sie sich, Fehler zu machen, denn die können Sie ohnehin nicht vermeiden. Ihre AnnaSchicken Sie Ihre Fragen an: liebe.anna@bernerzeitung.ch oder LIEBE ANNA, Postfach 150, 3472 Wynigen>

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