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Wie uns Software heimlich steuert

Mindestens eine halbe Million Angestellte in der Schweiz werden am Arbeitsplatz von der Software des deutschen Giganten SAP unterstützt, gesteuert – und mitunter genervt. Sicher ist: Ohne SAP wäre die Globalisierung kaum denkbar. Fragen muss man sich, wer wen im Griff hat – wir SAP oder SAP uns.

So richtig Freude macht einem als kleinem Angestellten die Begegnung mit SAP vor allem gegen Ende des Kalenderjahres. Man wirft im Büro den PC an, klickt sich ins Programm von SAP online, öffnet – wenn das System das gespeicherte Passwort akzeptiert, was es längst nicht immer tut – den persönlichen Bereich, und dort sieht man jetzt: Für 2012 liegen bei einem 70-Prozent-Pensum unangetastete 17 Ferientage bereit. Tolle Aussichten! Ob die Freude ungetrübt bleibt, ist allerdings unsicher. Gut möglich, dass SAP mit den komplizierten Ferienansprüchen von Teilzeitangestellten einmal mehr überfordert ist und schon für die Skiferien im Februar gnadenlos die Rote Karte zeigt: Nicht genug Kontingent! Keine Ferien?! Immerhin: Eineinhalb Tage am Ferienguthaben 2012 hat SAP online schon mal korrekt abgezogen, weil 2011 ein unbezahlter Urlaub bezogen wurde – man darf guter Hoffnung sein, dass das SAP-Programm einen 2012 die Ferien anstandslos zugesteht. Was man beim persönlichen Techtelmechtel mit den SAP-Einstellungen am Bildschirm gerne vergisst: Hinter den drei Buchstaben versteckt sich nicht ein entwicklungsbedürftiges Computerprogramm. Sondern ein technologischer Schrittmacher, der weit mehr mit uns macht als Ferientage erteilen. Und erst noch, ohne dass wir es richtig merken. Systemanalyse und Programmentwicklung (SAP) nannten fünf ehemalige IBM-Entwickler ihre Firma, die sie 1972 im deutschen Walldorf gründeten. Heute ist der kleine Ort zwischen Frankfurt und Stuttgart Headquarter eines global tätigen Giganten, der Unternehmungen mit betriebswirtschaftlicher Computersoftware ausrüstet, auf die sie für Buchhaltung, Materialbewirtschaftung oder Personalführung angewiesen sind. Auf Gedeih und Verderb. Schätzungsweise eine halbe Milliarde Menschen weltweit werden mit SAP-Produkten geführt. SAP erwirtschaftet einen Jahresumsatz von über 10 Milliarden Euro, hat 54000 Angestellte und 176000 Firmenkunden. Eben hat die Zentrale eine Grossoffensive in China angekündigt, die dem Konzern bis 2015 eine Umsatzverdoppelung auf sagenhafte 20 Milliarden Euro bringen soll. In chinesischem Tempo voran schreitet der deutsche Riese auch in der Schweiz, die vom Hauptsitz Biel sowie den Zweigstellen Regensdorf und Lausanne aus bearbeitet wird. Laut Claudia Lukaschek, Sprecherin von SAP Schweiz, wächst der Markt für Unternehmenssoftware jährlich um 5 Prozent, SAP legte in den ersten drei Quartalen 2011 aber konstant im zweistelligen Bereich zu. Neun von zehn Ausschreibungen für Business-IT-Lösungen gehen an SAP, sagt Lukaschek. 1400 Kunden bedient SAP in der Schweiz, was bedeutet, dass etwa eine halbe Million Angestellte mit SAP-Software arbeiten. Im Büroalltag weckt das Kürzel SAP häufig Argwohn. SAP ist für viele Angestellte Ausdruck des anhaltenden Rationalisierungsdrucks, der häufig in Mehrarbeit mündet. SAP fühlt sich an wie der verlängerte Arm des Chefs, der alles überwachen will. Und SAP eignet sich bestens als bequemer Sündenbock für allgemeinen Bürofrust. Im Internet kursieren lange Listen verbaler Verballhornungen von SAP – wie «Sammlung Aktueller Probleme», «Schrott Aus Pakistan», «Starten, Abwarten, Pause» oder «Shut up And Pay». Wobei «Schweigen und zahlen» einen wunden Punkt betont – SAPs marktbeherrschende Stellung. Von dieser Zeitung befragte IT-Fachleute sind sich einig: Als grössere Unternehmung spätestens ab 100 Angestellten kommt man heute praktisch nicht mehr um die Installation von SAP-Anwendungen herum. Die Software, aufgeteilt in Tausende von Programmen, gilt zwar als umständlich, als namentlich bei der Einführung ungemein betreuungsintensiv und nicht eben benutzerfreundlich. Aber: SAP-Software kann, was moderne Firmen brauchen wie Luft zum Leben. Immer monströsere Datenbanken bearbeiten und verknüpfen – etwa in Spitälern, wo neue bildgebende Verfahren in der Medizin die anfallenden Datenmengen explodieren lassen. Und vor allem: SAP setzt einer Unternehmung von vornherein praktisch keine quantitativen und räumlichen Grenzen – in der exportorientierten Wirtschaft wie in der Schweiz von fundamentaler Bedeutung. Als Schweizer Offiziersmesser der Unternehmenssoftware gelten die anpassungsfähigen, zuverlässigen Programme von SAP in der Branche. Ohne sie wäre die Globalisierung gar nicht denkbar, denn sie machen es überhaupt erst möglich, dass sich auf allen Kontinenten verstreute Firmen zu weltweit agierenden Konzernen zusammenschliessen. Das schreiben die Wissenschaftsjournalisten Ludwig Siegele und Joachim Zepelin in ihrem packenden Buch über die heimliche Taktgeberrolle von SAP für den globalen Kapitalismus. Gäbe SAP den Chefs ihrer Kundenfirmen nicht die Instrumente in die Hand, Materialflüsse, Produktion und Personaleinsatz über Zeit- und Kulturdifferenzen zu steuern und zu überwachen, stiesse die rasante weltweite Integration der Wirtschaft schnell an ihre Grenzen. SAPs solide langjährige Marktdominanz minimiere das Risiko, als Kundenfirma wegen Konkurs des Softwareherstellers plötzlich vor einem Scherbenhaufen zu stehen. Eine Unternehmensführung, die sich SAP anvertraue, fasst ein IT-Fachmann deshalb zusammen, begebe sich «auf jeden Fall auf die sichere Seite». Der Preis dafür ist allerdings die bedingungslose Abhängigkeit vom deutschen Konzern. Wer sich auf SAP einlässt, kommt von SAP kaum mehr los. Wer seine Unternehmung mit SAP lenken will, liefert sich den Gesetzen der SAP-Welt aus. Wie ein eigenständig funktionierender Parallelkosmos ist die SAP-Welt aufgebaut. Den Konzernchefs um das Duo Jim Hagemann Snabe/Bill McDermott stehen professionell organisierte und ausgestattete SAP-Anwendervereinigungen gegenüber, die auf den Kurs des Headquarters Einfluss zu nehmen versuchen. Der Berner IT-Spezialist Christian Zumbach vertritt die Anliegen der SAP-Kundschaft aus der Schweiz im Vorstand der deutschsprachigen SAP-Anwendergruppe (DSAG). Der Schweizer SAP-Szene am meisten auf dem Magen liegen die hohen Kosten und die Komplexität der Anwendungen. Weil firmeninterne IT-Abteilungen bei akuten Schwierigkeiten mit SAP meist sofort am Anschlag sind, hat sich eine blühende Beraterindustrie gebildet, die sich ausschliesslich an SAP-Problemen weidet. SAP-Fachleute seien dermassen gefragt, sagen Szenekenner, dass sie unter einem Tagessatz von 2000 Franken nicht zu haben seien. Ohne SAP läuft fast gar nichts mehr. Die rotierende SAP-Welt entwickelt die Unternehmenssoftware unablässig weiter, und manchmal mutet es an, als würde sie die reale Welt vor sich hertreiben. Wegen eines SAP-Problems wurde etwa im Februar dieses Jahres die Materialbewirtschaftung der Schweizer Armee einen Tag lang völlig lahmgelegt. SAP spielt auch beim langwierigen Konflikt zwischen lokalen Bäckereien und dem Inselspital eine Rolle. Die Insel will Brotlieferanten, die mit SAP-Software arbeiten – und SAP können sich eben fast nur Grossanbieter leisten. Mit dem virtuellen Operationsbesteck von SAP können Chefs ihre eigenen Firmen immer gründlicher und immer schneller sezieren. Wurden Strategien früher aus Zahlenanalysen des letzten Geschäftsjahres hergeleitet, lässt modernste SAP-Technologie Analysen in Echtzeit zu. Was SAP kann, wird zum Zukunftsszenario der Business-Intelligence. Anzeichen von Umsatzeinbussen, Lieferengpässen, Produktivitätsrückgängen, Effizienzschwächen dürften bald als Chart auf dem Smartphone des CEO aufblinken. Minimalste Krisenmerkmale werden sofort erkennbar, und der Chef kann umgehend auf die Bremse stehen. SAP verspricht Zahlenfreaks an Unternehmensspitzen eine blühende Zukunft. Mit SAP kann man immer noch tiefer graben, noch genauer hinschauen – auch beim Personal. Kapazitätsgrenzen kennt die SAP-Technologie bei Datenbeschaffung im eigenen Unternehmen praktisch keine. Stammdaten von Mitarbeitenden etwa können technisch problemlos verknüpft werden mit Gesundheitsangaben, Reisebewegungen, Abwesenheiten oder Leistungsziffern. Kürzlich hat SAP für 2,5 Milliarden Euro die amerikanische Erfolgsfirma Successfactors zugekauft, die sich auf Programme für Mitarbeiterbewertungen sowie Karriere- und Talentmanagement spezialisiert hat. Tolle Aussichten! SAP hat uns fest im Griff, macht uns gläsern und durchschaubar, und in Zukunft könnte zur in Echtzeit durchleuchteten Unternehmung der in Echtzeit durchleuchtete Mitarbeiter gehören. Und die von SAP online heute irrtümlich verwehrten Ferientage zur Banalität der Vergangenheit werden. Jürg Steinerjuerg.steiner@bernerzeitung.ch;Ludwig Siegele, Joachim Zepelin: Matrix der Welt– SAP und der neue globale Kapitalismus. Campus-Verlag, 2009, 283 Seiten, Fr.47.90.>

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