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«Wir sollten viel mehr trainieren»

handballHeute (17.30 Uhr) treffen in Gümligen der BSV Bern Muri und Wacker Thun aufeinander. Nationaltrainer Goran Perkovac äussert sich vor dem Derby zur Ausgangslage und zur Situation des Schweizer Handballs.

Der BSV und Wacker messen sich heuer zum zweiten Mal. Werden Sie sich den Berner Vergleich ansehen? Goran Perkovac: Ich werde wenn irgendwie möglich nach Gümligen kommen, trotz all der anderen Spiele. BSV gegen Wacker ist das grösste Derby derzeit im Schweizer Handball. Da treffen zwei gute Mannschaften aufeinander. Sie kommen eigentlich gleich nach den Kadetten. Die Begegnungen zwischen den beiden sind immer sehr spannend. Was für eine Partie erwarten Sie denn? Die Teams sind ungefähr gleich stark – das Spiel dürfte auch diesmal bis zuletzt offen sein. Ich gehe von einem Abnützungskampf auf technisch vielleicht nicht allerhöchstem Niveau aus. Und Sie haben die Gelegenheit, Ihre Leute zu beobachten. Klar. Der BSV hat ja gleich eine Reihe von Nationalspielern (Nikola Portner, Thomas Heer, Tobias Baumgartner, Thomas Hof-stetter, Alen Milosevic; die Red.). Von den Thunern steht momentan nur Jonas Dähler im Aufgebot. Andreas Merz und Philipp Buri sähe ich auch gern für mich spielen. Von ihnen habe ich jedoch eine Absage erhalten; sie sind durch Job und Verein offenbar ausgelastet. Ich hoffe, bald wieder auf sie zählen zu können. Wacker hat noch weitere Kandidaten wie etwa Luca Linder oder auch Lukas von Deschwanden. Die Oberländer verstärkten sich nicht und führen nun das Verfolgerfeld an. Überrascht Sie das? Nein. Wacker lebt davon, eine verschworene Truppe zu sein. Die Thuner vereinen nicht Spieler von internationalem Format, wie das die Kadetten tun. Aber sie haben viele Talente, und im Kollektiv sind sie sehr stark. Wie hoch ist der Stellenwert der Berner im Allgemeinen? Man hat gelegentlich den Eindruck, der Handball hierzulande sei ein wenig ostschweizlastig. Das hat sich nun hierhin verlagert (schmunzelt). Der BSV stellt mittlerweile die meisten Nationalspieler. Es ist wichtig, dass die grossen Städte in der obersten Klasse vertreten sind. Ich wünschte mir auch ein Team aus Genf, das mithalten kann. Dadurch würde eine weitere Mentalität repräsentiert. Es wäre auch begrüssenswert, würde etwa in Lugano Spitzenhandball gespielt. Wir müssen breiter abgestützt sein – dann hätten wir auch eine grössere Auswahl. Derzeit beschränkt sich vieles auf Schaffhausen – und eben die Berner. Wie nehmen Sie deren Spieler wahr? Bern brachte immer wieder ausgezeichnete Handballer hervor – Bernhard Jost, Marc Baumgartner und Martin Rubin beispielsweise. Aber Berner sind meist eher bequeme Typen, die nicht bereit sind, alles für den Sport zu tun. Ich habe jedoch den Eindruck, dass sich das zu ändern beginnt. Dähler etwa erklärte, unbedingt auf Handball setzen zu wollen, sobald er seine Ausbildung beendet hat. Das ist eine gute Ausgangslage. Ist das Niveau in der Liga höher, als es auch schon gewesen ist? Im Europacup sehen unsere Teams immer wieder gut aus. Dass die Kadetten mit Barcelona würden mithalten können, hatte ich nicht erwartet. Was die Liga angeht: Da bin ich nicht zufrieden. Wir müssen besser werden. Nur so können junge Spieler Fortschritte machen. Was muss denn getan werden? Wir sollten viel mehr trainieren. Vor zwanzig Jahren spielte man Handball, studierte und ging daneben noch arbeiten. Das mag damals gepasst haben – heute geht das einfach nicht mehr. Man muss sich entscheiden. In anderen Ländern ist man diesbezüglich viel weiter. Teilweise gibts dort Leute, die sich auf den Sport konzentrieren können. Sie wollen demnach, dass der Handball in der Schweiz professionalisiert wird. Das wäre sicher anstrebenswert, ja. Wenn wir einen wesentlichen Schritt nach vorne machen wollen, müssten wir auch ein paar Spieler haben, die in der Lage sind, mehrmals am Tag zu trainieren – ohne dass die Erholung auf der Strecke bleibt. Oft scheitern wir exakt daran. Die Spieler haben zu wenig Ruhephasen. So können Trainings dann sogar kontraproduktiv sein. Jüngst erklärte Kriens’ Schlüsselakteur Nicolas Raemy, bis Ende Saison der Nationalauswahl nicht zur Verfügung zu stehen. Er will erst die Matur machen. Wie gehen Sie damit um? Raemy wird danach auf Handball setzen, und das ist erfreulich. Überhaupt scheint seine Generation bereit, den Sport über den Rest zu stellen. Das ist unsere Chance. Absagen im Allgemeinen sind natürlich ziemlich mühsam. Wieso denken die Jungen heute anders darüber? Wieso sind sie bereit, Sport zu priorisieren? Sie sehen die Chance, ihr Hobby zum Beruf zu machen und in den nächsten 10, 15 Jahren das zu tun, was sie am liebsten machen. Wenn sie nicht gerade Professor Doktor irgendwas werden wollen, können sie nach der Karriere ja problemlos in ihren Beruf zurückkehren. Deswegen setze ich so sehr auf die neue Generation. Handballer waren fast immer Akademiker. Spielt nun eine andere Bevölkerungsschicht? Sport und Studium lassen sich nur noch schwer kombinieren. Es geht schon, dass jeder studiert – aber dann macht die Nationalmannschaft keine Fortschritte womit wir beim Problem wären: Die Schweiz hat seit Jahren keinen Erfolg. Das hat nicht nur mit uns zu tun. Heute gibt es in Europa viel mehr Länder als früher. Was uns angeht: Wir sollten ständig Turniere besuchen können – dann würden wir rasch Fortschritte machen. Aber das liegt finanziell nicht drin. Um regelmässig zu reisen, fehlt uns das Geld. Eigentlich sollte der Verband ja die Spieler auch unterstützen. Wenn ein 18-Jähriger kommt und versichert, fortan bedingungslos zur Verfügung zu stehen, sollten wir ihn dafür entschädigen. Aber das ist im Moment unmöglich. Der Verband hat unlängst beschlossen, dass Sie nebenbei einen Klub im Ausland coachen dürften. Hat das damit zu tun? Der Verband hat sich in einer Notsituation befunden, da bat ich um Freigabe, daneben eine Mannschaft zu trainieren, um ihn finanziell zu entlasten. Es wäre gar sinnvoll, als Auswahltrainer auch im Schweizer Tagesgeschäft tätig zu sein. Das ist aber auch eine politische Frage. Man hat wohl Angst, ich holte dann die Nationalspieler in mein Team. Deswegen wohl die Klausel, nach der Sie nur ausländische Vereine betreuen dürfen. Das hat damit zu tun, ja. Existieren denn Angebote? Nun, ich bin dabei, mich umzusehen. Es muss ja auch passen. Zum Schluss bitten wir Sie um einen Tipp: Wer wird das Berner Derby gewinnen? Einen Favoriten gibt es nicht. Wacker scheint mir etwas stabiler zu sein; aber das muss nichts heissen.Interview:Reto Pfister und Adrian Horn >

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