Reise in die rote Vergangenheit

Der 70. Jahrestag der Gründung der Volksrepublik steht bevor. Die Ungleichheit war in China noch nie grösser.

Verklärte Geschichte: Eine Touristin in kommunistischer Nostalgieverkleidung bei einer Pilgerstädte im Nordwesten Chinas. Foto: Alexander F. Yuan (AP)

Verklärte Geschichte: Eine Touristin in kommunistischer Nostalgieverkleidung bei einer Pilgerstädte im Nordwesten Chinas. Foto: Alexander F. Yuan (AP)

Lea Deuber@Lea_Deuber

Shang ballt die Faust neben seinem Kopf zum kommunistischen Gruss. Ein Soldat spricht die Zeilen vor, die jedes Neumitglied der KP bei seinem Eintritt aufsagen muss: «Ich trete der Kommunistischen Partei Chinas freiwillig bei, unterstütze ihre Prinzipien und respektiere ihre Vorschriften», spricht der 75-Jährige nach. Dabei ist er kein Neumitglied, sondern schon sein halbes Leben in der Partei. Doch der Schwur ist der Höhepunkt des Vormittags, und alle Besucher nehmen daran teil. Vorher hat er noch seine Ballonmütze mit rotem Stern zurechtgerückt und den Gürtel enger gezogen. Er trägt eine Uniform der Roten Armee, die jeder Besucher am Eingang leiht.

Mit seinen ehemaligen Ar­beitskollegen ist der Rentner in das Dorf zweieinhalb Stunden ausserhalb von Peking gefahren. In Shatangou waren vor 80 Jahren Soldaten der Achten Marscharmee stationiert, die nach 1937 im chinesischen Hinterland einen Guerillakrieg gegen die Japaner entfachten. Heute ist die Region zu einer Pilgerstätte des Roten Tourismus geworden. So nennt man die organisierten Reisen zu den historischen Plätzen der kommunistischen Revolution. Hunderte Millionen Menschen fahren jedes Jahr zu den mehr als 33'000 Pilgerstätten, die es in China gibt. 80'000 kommen allein nach Shatangou. Kurz vor dem 1. Oktober, dem 70. Jahrestag der Gründung der Volksrepublik unter Führung der Kommunistischen Partei, ist der Andrang dort besonders gross. Die meisten Besucher sind Betriebsgruppen, Schulklassen und Parteizellen. Sie sollen regelmässig zu solchen Orten fahren, um den Geist der kommunistischen Revolution wachzuhalten, fordert die KP. Auch Shang ist mit der Parteiorganisation seines früheren Instituts gekommen. «Zu Hause habe ich ja sonst nichts zu tun», sagt der Rentner. Da sei der Ausflug eine schöne Abwechslung. Die meiste Zeit steht er an diesem Vormittag mit seinen ehemaligen Kollegen herum, raucht und unterhält sich über das Züchten von Singvögeln.

Ideologie nur in der Theorie

70 Jahre nach Gründung der Volksrepublik steckt die herrschende Partei in einem Dilemma. Am Eingang zum Dorf begrüsst ein Präsident Xi Jinping aus Pappe die Besucher mit der Mahnung, nach den sozialistischen Werten zu leben: Demokratie! Rechtsstaatlichkeit! Gleich­heit! Freiheit! Doch ausser auf Propagandaplakaten erinnert nicht mehr viel im heutigen China an die kommunistische Revolution und ihre Ziele. Der Turbokapitalismus, den Deng Xiaoping mit seinen Reformen Ende der Siebzigerjahre im Land entfesselte, hat alle Ideologie hinweggefegt. Offiziell wird der Sozialismus zwar noch hochgehalten. Doch die Ungleichheit zwischen der Arbeiterklasse und den Reichen des Landes ist so gross wie nie. Nur der leninistische Parteiapparat mit seinen Machtstrukturen hat überlebt. Mit der abflauenden Konjunktur und dem wirtschaftlichen Druck durch den Handelskrieg fürchtet Peking sich vor dem Tag, an dem die Bevölkerung neben wirtschaftlichem Wohlstand auch politische Reformen fordern könnte.

Um das ideologische Vakuum zu füllen, hat Präsident Xi seit seinem Amtsantritt den Nationalismus im Land neu entfacht. In den Neunzigerjahren spielten antiamerikanische Ressentiments und die Demütigungen durch die ausländischen Kolonialmächte eine grosse Rolle für das chinesische Selbstbild. Xi konzentriert sich neben dem Gefühl von historischer Schmach in seiner Erzählung vor allem auf die Erfolge des Landes. Der Präsident spricht dabei nicht von Nationalismus, sondern vom Traum eines Wiederaufstiegs der chinesischen Nation.

Dieser Traum wird aller Voraussicht nach auch bei seiner Rede an die Nation kommende Woche Thema sein. Das Land könne sich nicht länger herumschubsen lassen von den westlichen Mächten, fordert Xi immer wieder. China müsse reich, mächtig und autark genug werden, um sich gegen die Einflüsse aus dem Ausland wehren zu können. Möglich, und das ist die zentrale Botschaft, ist dieser Wiederaufstieg aber nur mithilfe der Partei. Sie habe das Land aus der Armut befreit und trotz aller Angriffe aus dem Ausland auf den richtigen Weg gebracht.

Zensiertes Jubiläum

Im Museum in Shatangou finden sich weder Hinweise auf die rivalisierende Kuomintang, mit der die Volksbefreiungsarmee damals gemeinsam gegen die Japaner kämpfte, noch erwähnen die Zeittafeln die mörderischen Kampagnen, die die Partei unter Mao Zedong lostrat. Darunter der Grosse Sprung, in dessen Folge bis zu 55 Millionen Menschen verhungerten. Oder die Kulturrevolution, die das Land in ein zehn Jahre andauerndes Chaos stürzte. Dafür hängen an jedem Mast die roten Parteifahnen. Im Staatsfernsehen laufen schon seit Monaten nur noch Serien, die als patriotisch genug abgesegnet wurden.

Im Museum in Shatangou sollen sich die Besucher an die «glorreichen Taten der Revolutionäre» und «die Märtyrer der kommunistischen Revolution» erinnern, erklärt eine Museumsmitarbeiterin der Gruppe von Shang. Während der Tour zeigt die Frau, wie die Frauen des Dorfes Schuhe für die Soldaten stickten, mit welchen Gewehren die Männer schossen und wo die Frontlinien in der Region verliefen. Am Ende ihres Vortrags ruft sie so laut in ihr Mikrofon, dass sich ihre Stimme überschlägt: «Erinnert euch an die Geschichte. Ihr verdankt euer Leben dem Kampf der Kommunistischen Partei und ihren Führern!»

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt