Die schönsten Bahnstrecken der Schweiz

Im Zugfahren sind wir Weltmeister. Immerhin. Acht Bahnlinien zum Davonrollen und Geniessen.

Fenster zum Glück: Mit dem Rebbergzug Train des Vignes durch das Unesco-Welterbe Lavaux. Foto: Swiss Image

Fenster zum Glück: Mit dem Rebbergzug Train des Vignes durch das Unesco-Welterbe Lavaux. Foto: Swiss Image

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Wir Schweizer sind diesen Sommer wieder nicht Fussball-Weltmeister geworden. Ist das schlimm? Nein! Wir können uns in einer anderen Disziplin aufbauen, in der wir seit langem Spitze sind: im Bahnfahren. Auch die neuste verfügbare Ländervergleichsstatistik belegt: Geht es um die in der Eisenbahn zurückgelegte Distanz pro Einwohner, reicht es uns zum Weltmeistertitel: 2277 Kilometer pro Person und Jahr. Die Schweizer und die Bahn, das ist eine lange Liebesgeschichte. Der erste Zug im Land, die Spanischbrötlibahn von Zürich nach Baden, startet 1847. Im europäischen Vergleich ist das eher spät. Danach kommt die Schweiz auf den Geschmack, ihre Menschen werden berühmt dafür, besessen Löcher in die Berge zu bohren und mit Schienen zu bestücken. 1882 wird der Gotthardtunnel eröffnet, die Welt ist beeindruckt. Schweizer Bahnpioniere entsenden Züge in die steilsten Alpenflanken, man denke an die Jungfraubahn von 1912.

Die Schweiz: ein Bahnland. Wo anders erlangt ein Schriftsteller Popularität massgeblich dadurch, dass er im Zug schreibt und über das Zugfahren schreibt? Wo anders auf der Welt wird er geehrt mit einer Fahrt im Extrazug? 2002 schenken die SBB Peter Bichsel für «gelebte und publizierte Sympathie» eine Reise mit dem Roten Pfeil. Der gewitzte Solothurner bedankt sich: «Ich habe bisher noch nie so einen tollen Literaturpreis erhalten.»

Das GA, unsere Identitätskarte

Ein anderer Schriftsteller, der Toggenburger Peter Weber, hat gesagt, für seine Generation sei das SBB-GA «die wahre Identitätskarte». Wir Schweizerinnen und Schweizer definieren uns über das Zugfahren. Unser Land ist eine Willensnation, vier Sprachregionen rauften sich zusammen. Wenn der Zürcher wieder einmal nach Poschiavo fährt, um Buchweizen-Pizzoccheri zu essen, ist das eine Hommage an die Kultur der Alpensüdseite, die seine nördliche reizvoll kontrastiert. Ein weiterer politischer Grund dafür, dass die Schweizer exzessive Bahnfahrer sind, ist dieser: Zu ihrer Demokratie gehören Abstimmungen über die Finanzierung von Monumentalprojekten. Da die Schweizer die extrem teuren neuen Basistunnel durch den Lötschberg und den Gotthard bewilligt und mitbezahlt haben, wollen sie die Prestigeanlagen auch befahren. Sie reisen durchs Land als deren Mitinhaber.

Zugfahren verbindet hierzulande alle. Umso leidenschaftlicher werden kleine und grosse Debakel angemerkt: Schon wieder zwei WCs im Zug von Yverdon nach Biel ausser Betrieb! Das gehe gar nicht, sagt der Passagier streng zum Kondukteur. Dann schaut er wieder zur Scheibe hinaus und geniesst: Oh, die Petersinsel! Dies ist vielleicht der wichtigste Grund von allen, warum auch Nicht-Berufspendler in Scharen zusteigen: Die kleine Schweiz besitzt grosse Schönheit. Manche Züge fahren durch spektakuläre Gegenden. Und sie demokratisieren den Landschaftsgenuss. Er wird zu einem Volksspass. Nachfolgend acht von vielen Strecken, die man einmal befahren muss.


Schöllenenbahn UR
Göschenen – Andermatt

Auf Fels gebaut: Die Matterhorn-Gotthard-Bahn durchquert die Schöllenenschlucht. Foto: Keystone

Eine Schlucht wie ein Verlies. Graue Wände, Galerien, die schäumende Reuss. Und das Stampfen und Rucken des unverdrossenen Zuges.

Wohltuend altmodisch gelangt man von Göschenen hinauf nach Andermatt, Schöllenen heisst die Schlucht, durch die sich Strasse und Schiene hocharbeiten mit ihren jeweiligen Mitteln.

Im Fall der Eisenbahn, die seit 101 Jahren die Strecke befährt, bedeutet das: Zahnrad. Vorschlag für den Ausflug: hinauf mit dem Zug. Und hinab zu Fuss, man sieht die Teufelsbrücken und das Suworow-Denkmal mit dem 12 Meter hohen Kreuz in der Felsnische, man geht auf Asphalt, Kopfsteinpflaster, Geröll, Kies, Gras. Die Schöllenenschlucht: ein Naturwunder und – durch menschlichen Zugriff – ein Gesamtkunstwerk.


Lötschberg-Bergstrecke BE/VS
Spiez – Brig

Ingenieurskunst und Städtesicht: Der spektakuläre Luogelkin-Viadukt mit einer BLS-Bahn bei Hohtenn. Foto: Keystone

Es stimmt prinzipiell, dass die alte Lötschberglinie vom Berner Oberland ins Oberwallis durch den neuen Basistunnel deklassiert wird.

In neun von zehn Fällen wird man diesen hochmodernen Basistunnel wählen; man will möglichst schnell am Ziel sein, in Zermatt zum Beispiel.

Aber zwischendurch gönne man sich wieder einmal die Bergstrecke, diejenige mit dem vergleichsweise kurzen Tunnel von Kandersteg nach Goppenstein. Die klassische Bahningenieurskunst zeigt sich auf der Berner Seite in der Doppelschleife zwecks Höhengewinnung vor Kandersteg.

Auf der Walliser Seite folgt die berühmte Südrampe, die Imitation einer Flugzeuglandung: Während der Zug niedersinkt, quert er Seitenschluchten der abrupten Art und immer neue Tunnel. Bis er endlich den Talboden der Rhone berührt.


Centovalli-Linie TI/IT
Locarno – Domodossola

Grandios: Die Centovalli-Bahn auf dem Ruinacci-Viadukt bei Camedo. Foto: Swiss Images

Die Strecke gehört zum GA-Netz, obwohl sie zu einem guten Teil über italienischen Boden führt.

Ein Tunnel führt die Bahn aus Locarno hinaus, Palmen begrüssen einen, wenn man ins Licht kommt, in Intragna macht der höchste Campanile des Tessins Eindruck.

Hoch über der Melezza arbeitet sich der Zug das dicht bewaldete Centovalli hinauf, einmal sieht man auf einem Pflanzblätz an den schmalspurigen Schienen fröhliche Hennen und denkt einige Male, wenn man hart an der Schluchtkante fährt: «O-ou, jetzt bitte nicht entgleisen, Zug!»

Der Begriff Centovalli-Bahn gehört zum Schweizer Abschnitt, auf der italienischen Seite nennt man die Bahn, weil sie die Valle Vigezzo hinabfährt, kurz Vigezzina.

In Domodossola isst man, auch das gehört zum Centovalli-Ritual, etwas Feines. Und kehrt dann via Brig heim.


Stosslinie AR/SG
Gais – Altstätten

Pastorales Idyll: Auf der Stosslinie gibts nicht nur Landschaft, sondern auch Hornvieh zu sehen. Foto: dpa

Gais ist die nächsten Wochen ab St. Gallen etwas umständlicher zu erreichen als normal, denn die Appenzeller Bahnen bauen – bis Teufen fährt ein Ersatzbus. Wer die kleine Mühsal auf sich nimmt, wird auf der Linie von Gais nach Altstätten gross belohnt.

Die rote Bahn zirkelt malerisch zwischen Sommersberg und Hirschberg über eine grüne Hochebene, der Fahrgast entspannt sich. Dann der Pass Stoss mit der Kapelle zur Erinnerung an die Schlacht von 1405 – hier bodigten die Appenzeller die Habsburger.

Anschliessend bekommt das Auge eine Riesenportion Österreich serviert, die Berge Vorarlbergs sind eine Pracht, der Zug stürzt sich über die Kante ins St. Galler Rheintal – keine Angst, Zahnrad! Vorbei an Armeebunkern und Panzersperren geht es abwärts, bis im schmucken Altstätten die Fahrt endet.


Chemins de fer du Jura
Glovelier – Saignelégier

Flott durch die Franches-Montagnes: Das ist das weite Land der Freiberger Pferde. Foto: Keystone

Der Jura ist das Reich der kleinen Bahnen, ihre Vielfalt erfreut. In Glovelier lohnt es sich, von der Linie Delsberg – Pruntrut einmal auf die Nebenlinie hinauf in die Freiberge zu wechseln; oben ist der Himmel weit, man atmet durch.

Das Bähnlein, das man besteigt, war einst eine Bahn in Normalspur und trug Holz und Vieh aus den Freibergen zu Tale. Später wurde auf Meterspur umgestellt. Der Reisende gerät in eine grüne Waldröhre. Weiter oben in der Schlucht hält der Zug bei der Station Combe Tabeillon und absolviert eine Spitzkehre: Vorn wird zu hinten. Bald visiert er nach einer engen Schleife wieder Saignelégier an.

Weiher und Kalkfluhen ziehen vorbei, bis die Landschaft der Freiberge sich durchsetzt: pâturages boisés, Weiden mit Waldinseln.


Arosalinie GR
Chur – Arosa

Nicht nur Bahn, sondern auch Symbol: Die Rhätische Bahn steht für Graubünden und fährt, wie hier in Arosa, durch grossartige Landschaften. Foto: Swiss Images

Die Arosalinie, 1914 eröffnet: ein ewiger Kampf der Menschen gegen die renitente Natur. In Chur spielt der Zug zunächst Strassenbahn und durchquert den Kantonshauptort oberirdisch. Dann kommt die Wildnis der Plessur mit Rutschhängen, bösartig herabschiessenden Wildbächen, steinschlaggefährdeten Abschnitten noch und noch.

41 Brücken, 19 Tunnels, 12 Lawinenschutzgalerien gehören zur Strecke, die Geschichte der Bahn ist durchzogen von Erdverschiebungen und Felsstürzen und den nötigen Nachbesserungen. Die Schneeräumung ist jeden Winter eine Herkulesaufgabe.

Der Reisende schaut, der Reisende staunt. Dass es möglich war, nach Arosa eine Bahnlinie zu bauen: ein Wunder.


Zahnradbahn VD
Vevey – Les Pléiades

Zu den Sternen: Die Schmalspur-Zahnradbahn auf dem Weg von Vevey nach Les Pléiades. Foto: Keystone

Vom sanftgrünen Berg Les Pléiades über Vevey und Montreux sieht man einen Gutteil des Genfersees und die Bergriesen zum Montblanc hin, die Panoramatafel hilft beim Benennen.

Ein rustikales Restaurant lädt zur Einkehr, etwas unterhalb gibt es das Hochmoor von Les Tenasses zu durchwandern. «Pleyau», «Laplayau» oder so ähnlich hiess der Ort einst, das Dialektwort ist schwer zu deuten.

Ein Schriftsteller machte daraus vor zwei Jahrhunderten «Les Pléiades». Die Pleiaden, das ist das Siebengestirn am Himmel, so heissen auch sieben Nymphen der griechischen Mythologie. Erschlossen wird der poetisch benannte Ort mit einer modernen Zahnradbahn ab Vevey; souverän arbeitet sie sich frei von Stadt und Agglo auf dem Weg zum allumfassenden Blick.


Bremgarten-Dietikon-Bahn AG/ZH
Über den Mutschellen

Schmuckes Städtchen, elegante Brücken aus Stein und Holz: Bremgarten und die Reuss. Foto: Prisma

Die Bremgarten-Dietikon-Bahn, seit bald 20 Jahren mit der Wohlen-Meisterschwanden-Bahn verschmolzen: der Beweis dafür, dass man nicht in die Berge reisen muss, um im Zug ein Passabenteuer zu erleben.

Klar, der Mutschellen, über den man von der Limmat an die Reuss gelangt, ist kein monströser Übergang; man ist ja nicht in den Anden. Aber die Kurven, in denen die Bahn ihn nimmt, erinnern doch ans Gebirge. Passfeeling kommt auf und Feriengroove.

Und es gibt nach der Station Berikon-Widen diesen magischen Moment, wo der Zug plötzlich vor der Kulisse des Reusstals ins Gleiten, ja ins Fliegen kommt. Und dann? Kommt man in Bremgarten an, dessen grossflächige Altstadt stets einen Ausflug wert ist.

(Schweizer Familie)

Erstellt: 12.09.2018, 15:45 Uhr

20 weitere schöne Bahnmomente

1 Der Kreisviadukt der Berninabahn: Bei Brusio im bündnerischen Puschlav dreht der Zug die schönste Pirouette der Schweiz.

2 Vor der Einfahrt in Bern liegt in der Tiefe das Türkisband der Aare. Farbige Stecknadeln treiben im Wasser: Es sind mit Badekappen bewehrte Aareschwimmer.

3 Bahnhof Puidoux-Chexbres VD, ein Tunnel, dann schiesst der Zug ins Licht. Eine Bildband-Landschaft mit See taucht auf, Reben, flächiges Blau und die savoyischen Schneespitzen.

4 Zwischen Langenthal und Oensingen: Schloss Aarwangen BE adelt die Ankunft an der Aare.

5 Die Trogenerbahn, in Trogen gestartet, erreicht bei der Vögelinsegg AR eine Krete. Erhaben offenbart sich der Bodensee.

6 Zwischen Moutier BE und Delsberg JU die Klus mit immer neuen Fels-Querkorridoren, die dramatisch aus der Höhe auf den Zug zuschiessen.

7 Vorfreude von oben herab auf das alte Städtchen am Doubs und auf den Fischteller daselbst: der Viadukt vor Saint-Ursanne JU.

8 In Giornico TI jedes Mal die Fastkollision mit der uralten Steinkirche San Nicola: Aufblitzen des Mittelalters in der Moderne.

9 Col de Bretaye: wie man das in Villars-sur-Ollon VD gestartete Bähnchen keuchen zu hören glaubt vor dem Pass auf 1805 Metern.

10 Schwallende Wasser und Boote mit knipsenden Asiaten: der Rheinfall bei Schaffhausen aus dem Zugfenster.

11 Am Vorderrhein im Kanton Graubünden die spektakuläre Ruinaulta-Schlucht: weisse Flanken und Pfeiler aus Bröckelstein, eine Landschaft wie Kappadokien in der Türkei. Und auf dem Wasser Kanuten, die man heftig beneidet.

12 Die Kirche in den Weinbergen vom bernischen Ligerz zwischen Biel und Neuenburg: ein schmuckes Gotteshaus als Postkarte. Hier will man heiraten.

13 Landwasserviadukt GR: wie der Zug zwischen Alvaneu und Filisur 65 Meter über dem Fluss eine Radikalkurve vollzieht, um dann den Berg anzubohren. Alles knipst. Bis der Tunnel den Bildrausch beendet.

14 Zwischen Rapperswil und Schmerikon SG: Der Zug fährt so hart am Ried entlang, dass man glaubt, man könne dort die Enten berühren.

15 Süss ist das Kürzestzügli von Meiringen BE ins Haslital hinein. Am Ende in Innertkirchen kommt Freude auf über das Batteriefahrzeug von 1949.

16 Bei Netstal GL die senkrechten Wände des Wiggis und des Rautispitzes. Vorsicht, Nackenstarregefahr!

17 Vor und nach Sion Rebhänge, so weit das Auge reicht. Die Unterwalliser sind alle weinverrückt. Wer soll das alles trinken?

18 Mit der Südostbahn über die grosse Hochmoorebene von Rothenthurm SZ: diese lieben Torfhüttchen von einst.

19 Bei Les Breuleux JU das weite, freie, lichte Hochland der Freiberge. Und die Windenergiepropeller des Mont Crosin – nirgendwo anders wird Energie so malerisch produziert wie hier.

20 Bei Amsteg UR, kurz bevor der Zug in den Tunnel wischt, die Strasse ins Maderanertal: eine Boa constrictor, die sich den Hang hinaufwindet.

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