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Wo der Hund begraben liegt

Im Gegensatz zu fast allen fernöstlichen Ländern lässt sich Taiwan bequem im Mietwagen bereisen. Englischkenntnisse nützen nicht viel, etwas Improvisierkunst aber schon.

Spektakuläre Aussicht über den Sonne-Mond-See: Gondelbahn in Nantou County. Foto: Getty Images
Spektakuläre Aussicht über den Sonne-Mond-See: Gondelbahn in Nantou County. Foto: Getty Images

Eigentlich sollte das Fo-Guang-Shan-Kloster auf einem Hügel ruhen, einem markanten touris­tischen Hotspot im Südwesten Taiwans. Aber das GPS-Navigationsgerät im japanischen Kleinwagen erklärt die Route vor einem unscheinbaren Geschäftsgebäude mitten in einem Städtchen überraschend für beendet. Geht das Abenteuer, Taiwan im Mietwagen zu entdecken, schief, bevor es so richtig begonnen hat?

Die «Langnasen» dachten wohl, eine Tour vom Sonne-Mond-See nach Kaohsiung, der zweitgrössten Stadt des Landes, sei so einfach wie die Reise vom Walensee nach Basel. Das Geheimnis um das unauffindbare Kloster und die Zusatzschlaufe von rund 200 Kilometern lüftet sich: «Wir haben das Navi falsch programmiert», analysiert der Chauffeur.

In Taiwan lässt es sich auch an kleinen Strassenbuden wunderbar schlemmen. Foto: iStock
In Taiwan lässt es sich auch an kleinen Strassenbuden wunderbar schlemmen. Foto: iStock

In der Regel raten Reisebüroleute vom Gebrauch des Mietwagens in Asien ab: schlechte Fahrbahnen, Signalisation nur in den Hieroglyphen der Landessprache, gefährliche Begegnungen mit Harakiri-Lenkern und überhaupt der nackte Wahnsinn auf den Strassen. Doch Taiwan, die 36'000 Quadratkilometer grosse Insel vor der chinesischen Küste, bildet eine löbliche Ausnahme. Der Verkehr läuft zivilisiert, die Infrastruktur ist ausgezeichnet. Gewöhnungsbedürftig sind die Autobahnen, die aus Taipeh hinausführen: drei parallel verlaufende Stränge und ein Navi, das ein Stakkato schwer verständlicher Befehle abfeuert. So braucht es etwas Glück, um in den von Industrieanlagen und Wohnsilos geprägten Vororten den Kurs zu halten. Dem Moloch Taipeh folgt das ländliche Taiwan, Reisfelder, Obstplantagen, Verkaufsstände an den Strassen und nachlassender Verkehr.

Grillierte Tauben im Sonntagsverkauf

Am grünblau schimmernden Sonne-Mond-See inmitten malerischer Hügelzüge, drei Autostunden von Taipeh entfernt, wartet sonntäglicher Ausflugsrummel. Mobile Gastronomen bieten grillierte Tauben und gekochte Hühner feil. Geschmackloses Stockbrot wird in Honig oder Milch getunkt. Penisförmige Holzskulpturen wären ebenso zu haben wie gebogene Stöcke, mit denen man sich den Rücken kratzen kann. Im Gegensatz zu den chinesischen Besuchern entstammen die meisten Händler ethnischen Minderheiten.

Trifft man auf dem Taipeh 101, dem mit 508 Metern einstmals höchsten Gebäude der Welt, noch westliche Touristen, so fehlen diese fast völlig in der taiwanischen Provinz. Stephan Roemer, Chef des Schweizer Asien-Spezialisten Tourasia, setzt aber grosse Hoffnungen auf das touristische Potenzial Taiwans. Experten zählen die Republik China, wie Taiwan offiziell heisst, zu den globalen Trendzielen 2019, und die «New York Times» erkennt hier «die grösste Begeisterung Asiens für gutes Essen».

Das gilt nicht nur für Luxushotels und Gourmetrestaurants, man kann in Taiwan auch in kleinen, hygienisch einwandfreien Strassenbeizen wunderbar schlemmen. Der Westler sollte bei der Landesspezialität, dem «stinkenden Tofu», einer fermentierten Sojamasse, vorsichtig sein. Der Versuch, uns in einem Weiler zwischen Süd- und Ostküste im Stil des Landes zu verpflegen, glückt nur halbwegs. Die Wirtin, die wie viele Taiwaner kaum Englisch spricht, tischt Reis und Gemüse auf und krönt das Mahl mit einer penetrant riechenden Hühnersuppe.

Blick in die Taroko-Schlucht im gleichnamigen Nationalpark im Osten der Insel. Foto: Getty Images
Blick in die Taroko-Schlucht im gleichnamigen Nationalpark im Osten der Insel. Foto: Getty Images

Skeptisch kosten wir von dem blässlichen Gebräu, legen den Löffel aber bald zur Seite. Die gute Frau verschwindet in der Küche und kehrt strahlend mit einem Plastiksack zurück, in den sie den Rest der Suppe schöpft. Die Zwischenverpflegung wandert aus dem gut verknoteten Behältnis in den nächsten Strassengraben. Zu spät entdecken wir dort einen leblosen Hund. Ob das Tier schon tot war oder es der Geruch der Suppe umgebracht hat, bleibt ungeklärt.

Ein filmreifer Mix in der Taroko-Schlucht

Nach einem wilden Ritt entlang der osttaiwanischen Steilküste und einer 19 Kilometer langen Fahrt durch die unbeleuchteten Tunnel der Taroko-Schlucht treffen wir wieder westliche Touristen: Mutter und Tochter aus dem Thurgau, gerüstet für eine Bergwanderung. Exotische Vögel besingen in diesem malerischen Tal das Wunder: Es gibt in einem der dicht besiedeltsten Länder der Welt pittoreske Orte mit einem filmreifen Mix aus mystischen Nebelschwaden und goldener Sonne.

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Auch das Silks Place Hotel versetzt jeden Instagram-Freak in Ekstase: Der Infinity-Pool thront mutig über der Taroko-Schlucht. In loungigen Sesseln geniesst man den Blick zur baumbestandenen Bergflanke jenseits des tief unten gurgelnden Wildbachs. Über den Granitfelsen wacht eine Pagode, mitten im Aufstieg, in einer kleinen Höhle, eine Buddha-Statue. Ob das öffentliche Festnetztelefon daneben der Draht zum Himmel ist?

Im Übrigen erreichen wir auf dem Roadtrip durch Taiwan auch dank des nun korrekt programmierten Navi das Kloster Fo-Guang-Shan. Seine Hauptattraktion ist der mit 36 Metern mächtigste sitzende Buddha der Welt. Die Taiwaner beobachten und fotografieren den goldenen Dicken aus respektvoller Distanz und stärken sich im klostereigenen Starbucks. In einem Raum im Seitenflügel treffen wir eine kahl geschorene Nonne in senfgelber Kutte. Während draussen Trommeln dröhnen, drapiert die Tempeldienerin Opferblumen in den Wandnischen. Dazwischen versorgt sie die Wunschzettel der Gläubigen. Und was wünschen wir uns von der mild lächelnden Gottheit? Ganz profan: Möge uns das dauerquakende Navi Umwege ersparen und sicher zurück nach Taipeh geleiten.

Die Reise wurde unterstützt von Cathay Pacific Airways und Tourasia.

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