Zurück auf der Sonnenseite

Vier Jahre nach der Flüchtlingskrise steigen die Besucherzahlen auf Lesbos wieder an. Die griechische Insel hat sich ihre Ursprünglichkeit bewahrt.

Auf vulkanischem Gestein gebaut: Das Städtchen Plomari im Süden der Insel. Foto: Getty Images

Auf vulkanischem Gestein gebaut: Das Städtchen Plomari im Süden der Insel. Foto: Getty Images

Eigentlich möchte Aphrodite Vati nicht mehr über jene Tage im Jahr 2015 sprechen, die zu Wochen und Monaten wurden. Jeden Tag legten bis zu acht Schlauchboote am Strand unterhalb ihres Hotels an. Die Boote waren beladen mit Kindern, Jugendlichen und Greisen. Selbstverständlich half Vati den Ankommenden. «Das hätte jeder getan», sagt sie rückblickend. Auch heute berührt die Griechin das Schicksal jener Menschen noch. Sie hat viel darüber nachgedacht. «Die Leute bringen Lesbos einzig mit den Flüchtlingen in Verbindung, und das ist nicht richtig.» Die ganze Tragödie liege bereits drei Jahre zurück. «Als Tourist merkt man überhaupt nicht mehr, dass es die Krise gab», sagt sie und blickt nachdenklich auf die Ägäis.

Die drittgrösste Insel Griechenlands liegt wie ein herausgebrochenes Puzzlestück vor der Küste der Türkei. Sie ist überzogen mit ­Pinienwäldern und elf Millionen Olivenbäumen, einem Tuch aus Grün und Silber, das sich über Berge und Obstbäume legt. Machten die Schwesterinseln Kreta und Rhodos mit gross angelegten Tourismuskampagnen auf sich aufmerksam, flog Lesbos seit jeher unter dem Radar. Erst die Flüchtlinge rückten sie in den Fokus der Öffentlichkeit. 2016 brachen die Tourismuszahlen ein. Verglichen mit 2015, gab es einen Rückgang von 80 Prozent zu verkraften. Inzwischen kehren die Besucher aber wieder zurück. Mit knapp 62'500 Flugreisenden hält sich die Nachfrage aber in Grenzen. Immerhin hat sich die Insel so ihre Ursprünglichkeit bewahrt, was ihrem Reiz nicht geschadet hat.

Vor dem Café Serafino in Plomari sitzen die Gäste auf bunten Holzstühlen und ruhen sich aus. Eine Platane, die aus dem Jahr 1813 stammt, spendet Schatten. Als die Erde vor drei Jahren bebte, verlor sie einen ihrer grossen Äste. Erschütterungen sind auf der Insel nichts Ungewöhnliches. Die Einwohner des Küstenstädtchens haben gelernt, damit zu leben. Schliesslich ist Lesbos vulkanischen Ursprungs. Davon zeugt auch der «versteinerte Wald» im Westen. Es war jedoch nicht ein Blick zurück wie in der Sage um Eurydike, der die Zimt- und Nadelbäume erstarren liess – für einmal waren es Schlamm, Asche und Lava. Die Mineralien der heissen Quellen, die noch heute sprudeln, taten ihr Übriges.

Bei Antonis ass auch schon Angelina Jolie

Der nährstoffreiche Boden gibt der Insel aber auch viel zurück. Im Norden trennt der Golf von Edremit Lesbos von Kleinasien, im Osten eine 15 km breite Meerenge. Allein 250 Vogelarten zählt man in der Lagune von Kalloni. Im Schilf hocken Ornithologen mit Ferngläsern. Im Blick haben sie Flamingos, Schwarzstörche und Reiher, die sich in den Salinen und Sümpfen tummeln.

Wenige Kilometer entfernt, blühen die Anisfelder von Lisvori. Aus ihnen wird das Nationalgetränk gebraut. «Lesbos ist das Schottland des Ouzo», sagt Maroussa Tsachaki, Meisterbrauerin bei der Ouzo Plomari Isidoros Arvanitis Distillery, und lacht. Auch auf den 250 Kilometern ausgeschilderten Wanderwegen, die vorbei an Wasserfällen und durch Kastanienwälder führen, wird gern mit dem Trinkspruch «Jamas!» angestossen.

Über Serpentinen schlängeln sich auf bis zu knapp 1000 Meter über Meer Autos und Mountainbiker den Berg Lepetymnos hoch. Hier kommt man den Göttern in Lesbos am nächsten. Etwa Orpheus, dessen singendes Haupt in der Antike an den Strand von Antissa gespült wurde und der die Lyrik nach Lesbos brachte. Seine Gesänge sind verstummt, die Legenden weben sich immer noch um die Insel, etwa um die Dichterin Sappho und ihre Liebe zu Frauen. Oder Theophrastos. Dem «Vater der Botanik» ist am Strand von Eresos eine Marmorstatue gewidmet. Früher zog die Bevölkerung in den Sommermonaten mit Eselskarren und Sack und Pack an den Strand, um der Hitze zu entkommen, heute dient die mit Maulbeerbäumen gesäumte Allee vorwiegend dem motorisierten Verkehr.

Zu Antonis muss man jedoch selbst stiefeln. Hoch über der Hafen- und Verwaltungsstadt Mytilini befindet sich seine berühmte Taverne. Sie liegt an einem Hang, weit weg von den Herrenhäusern an der Promenade und den Fischerbooten im Hafenbecken. Selbst Angelina Jolie ass hier schon Seafood, wie Antonis erzählt. Ein Foto mit dem Hollywoodstar habe er aber nicht gemacht, das sei nicht seine Sache. Lesbos fliegt eben lieber unter dem Radar.

Die Reise wurde unterstützt von Marketing Greece.



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