Bowie und die starken Frauen

Karibikfeeling in Brixton, Gruseliges im East End: Londons spannendste Geschichten werden abseits der grossen Touristenströme erzählt.

Das Pub der «Last Tuesday Society». Foto: Eric Reichbum

Das Pub der «Last Tuesday Society». Foto: Eric Reichbum

Peter de Marchi

Skelette, Schädel, Masken, ein ausgestopftes Lamm mit zwei Köpfen: Willkommen in Viktor Wynds «Museum für Kuriositäten, Kunst und Naturgeschichte». Ein Panoptikum, in dem ein Sammler alles hinter Glas steckt, was er auf der ganzen Welt an Kuriosem findet: systemlos, wild und gruselig. Zu bewundern sind auch siamesische Zwillinge in Formaldehyd, der erigierte Penis eines Erhängten, Schrumpfköpfe oder erotische Literatur mit Titeln wie «A Sex Guide for Irish Farmers».

Man hatte uns verborgene Orte in London versprochen. «The Last Tuesday Society» liegt im East End, vor 30 Jahren noch No-go-Area: Armut, Prostitution, Kriminalität, dunkle, verdreckte Strassen, schmuddelige Pubs. Zwei U-Bahn-Stationen hinter Liverpool Station, hatte Viktor Wynd Anfang des Jahrtausends ein Haus gekauft und begonnen, den Keller mit Kuriositäten zu füllen. Vor zwei Jahren ist im Erdgeschoss ein Pub eröffnet worden, das von der New Yorker Künstlerin Allison Crawback und dem Londoner Barman Rhys Everett geführt wird. Viktor Wynd, eine Mischung aus Dandy, Landlord und Abenteurer, erzählt von seiner Leidenschaft, von seinen Künstlerfreunden, deren Bilder überall im Pub hängen, und von der bevorstehenden Reise nach Papua Neuguinea.

Pilgerstätte für Bowie-Fans: Sein Wandbild in Brixton. Foto: Alamy

Vom East End nach Brixton, im Süden der Stadt: Gegenüber dem Eingang der U-Bahn-Station wartet Angela mit den ungebändigten Rastalocken vor dem Wandbild von David Bowie. Noch bevor sie vom Popstar zu erzählen beginnt, sagt sie: «Als ich Kind war, hiess es immer, verlasse nie die U-Bahn in Brixton.» Wie East End war auch Brixton vor 30 Jahren No-go-Area. In Erinnerung geblieben sind die Rassenunruhen Anfang der 80er-Jahre.

Und heute: Angela schwärmt vom Quartier, von Lebendigkeit, kultureller Vielfalt. Es sei ein lauter vibrierender Ort. «Brixton never sleeps.» Etwas später wird sie auf ein Hotel zeigen, das mit dem Slogan «Heisse Nächte in Brixton» Werbung macht. An Schlaf sei in diesen Zimmern nicht zu denken, sagt sie lachend. Morgens schon verheissen in den Strassen Prediger lautstark den Untergang der Welt. Gegen Abend kommen die Strassenmusiker, spielen und tanzen bis in die frühen Morgenstunden.

«Sir, wäre ich Ihre Frau, ich würde Ihren Tee vergiften»

Tausende von Fans pilgern seit seinem Tod am 10. Januar 2016 zu Bowies Wandbild in Brixton. Bowie ist ein Kind Brixtons, aufgewachsen nur wenige Häuserblocks entfernt. Zwei junge Frauen legen Blumen nieder, stehen andächtig vor dem Bild, ein Kusshändchen, mit der einen Hand ein Selfie, mit der anderen wird eine kleine Träne aus dem Auge gewischt.

Angela führt durch Brixton, erzählt von Lord Kitchener, der zusammen mit 500 anderen Schwarzen in der Karibik die Empire Windrush bestiegen hatte und am 22. Juni 1948 im Hafen von Tilbury ankam. Arbeiter, die in London das Glück suchten und sich in Brixton niederliessen. Lord Kitchener singt bei der Ankunft sein Lied «London is the Place for me» ins Mikrofon eines Reporters. Er wird in London ein gefeierter Calypso-Star.

Auf dem Brixton Market in der Electric Avenue drohen die Regale zusammenzubrechen unter der Last der Mangos, Bananen und Yamswurzeln. In der Reliance Arcade, einer schmalen Ladenpassage im Art-déco-Stil, werden Rastalocken geflochten. Platten, bunte Stoffe, Kleider, Früchte, Popcorn und Batterien gehen über den Ladentisch. «Hier spürt man noch das unverfälschte Flair der Karibik», sagt Angela.

Karte vergrössern

Das Pop Brixton ist der Treffpunkt der Jungen. In Schiffscontainern arbeiten Köche aus allen Ländern. Bier fliesst. Start-ups versuchen ihr Glück – und vor dem Eingang steht der Foodtruck von Bushman, der das beste karibische Essen anbieten soll.

Nach dem Hipster-Lieblingsort, dem Market House mit den vielen Kneipen, dem bevorzugten Café von Will Smith, und den Kleider- und Schmuckläden lokaler Designerinnen klingt der Rundgang aus in einer Katakombe unter den Gleisen der Hochbahn: bei einem Indian Efra Ale in der Brixton Brewery.

Verborgene Plätze gibt es auch zwischen Trafalgar und Westminster, inmitten der Touristenströme. Tourguide Alyson kennt die kleinen Geschichten, die an jeder Ecke darauf warten, erzählt zu werden – beispielsweise von starken Frauen: In den Victoria Embankment Gardens erinnert die Bronzestatue eines jungen Mädchens an Lady Henry Somerset: Sie weigerte sich Ende des 19. Jahrhunderts, die Augen zu verschliessen vor den Seitensprüngen ihres schwulen Ehemannes, und trennte sich von ihm.

Das 1899 erbaute Astor House erzählt von Nancy Astor. Sie wurde 1919 als erste Frau ins britische Unterhaus gewählt, engagierte sich für die Rechte der Frauen und setzte durch, dass in den Pubs erst ab 18 Jahren Alkohol getrunken werden darf. Legendär ihre Wortgefechte mit Winston Churchill. «Sir, wäre ich Ihre Frau, ich würde Ihren Tee vergiften.» – «Mylady, wäre ich Ihr Mann, ich würde ihn trinken.» Und am King’s College hatte einst Rosalind Franklin gelehrt und geforscht. Sie musste mit ansehen, wie zwei männliche Kollegen den Nobelpreis erhielten, nachdem sie Franklins Forschungsergebnisse über die DNA geklaut und veröffentlicht hatten.

Schmerzen die Füsse, wird es Zeit für einen Afternoon Tea in Brigit’s Bakery – und zwar in einem Doppeldeckerbus. Sandwiches, Törtchen und Scones in Pastellfarben sind der perfekte Kontrapunkt zu Viktor Wynds grellem Kabinett.

Die Reise wurde unterstützt von Visit Britain

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt