Wo man noch hinsollte

Reiseprofi Yvonne Beck ist seit einem Jahr mit ihrem Reisemagazin «Bucketlist» auf dem Markt. Mit etwas anderen Geschichten – und Erfolg.

Zusammen um die Welt: Verlegerin und Globetrotterin Yvonne Beck mit ihrem geliebten Koffer. Foto: Michele Limina

Zusammen um die Welt: Verlegerin und Globetrotterin Yvonne Beck mit ihrem geliebten Koffer. Foto: Michele Limina

Chris Winteler@sonntagszeitung

Ganz schön mutig, diese Frau. Gibt in Eigenregie ein Reisemagazin heraus und setzt dabei erst noch auf Papier. In einer Zeit, in der die meisten Verlage die Tourismusseiten beschneiden und die Zukunft online sehen.

Man hatte sie gewarnt: «Viele hielten mich für total bekloppt, aber ich musste es einfach versuchen, sonst hätte ich es ein Leben lang bereut», sagt Yvonne Beck. Angst vor dem Scheitern kenne sie ohnehin nicht. Vielleicht fühle sie sich deshalb so wohl in den USA. «Go for it» – das sei auch ihre Devise. Und sie ist überzeugt: Das Reisen, «dieses emotionale Thema», wird in den Medien unterbewertet. «Alle reisen – oder träumen davon.» Für Ferien würden die Leute auch immer bereit sein, Geld auszugeben.

«Bucketlist» heisst das neue Reisemagazin, es erscheint viermal jährlich, ein Heft für jede Jahreszeit – drei Ausgaben sind bereits publiziert. Seitenlange, attraktiv bebilderte Reportagen von unterwegs, aber auch Kurzfutter, informativ, originell-verspielt. Auf die Frage «warum Papier?» antwortet Yvonne Beck: «Weil ich Papier liebe.» Was gäbe es Schöneres, als sich nach Stunden am Computer aufs Sofa zu fläzen, in einem Heft zu schmökern oder in eine Geschichte einzutauchen – und sich für die eigene Bucket List inspirieren zu lassen?

«Bucketlist» – die seit zwölf Jahren in Zürich wohnhafte Deutsche findet den Titel «genial» – «meine Mutter fand ihn bescheuert». Allein schon wegen des englischen Namens sei sie davon ausgegangen, dass das Magazin eine jüngere Leserschaft anspreche, sagt Yvonne Beck. Offenbar wird es jedoch auch von unternehmungslustigen, jung gebliebenen Rentnern gekauft. Beck gibt Reisetipps für jedes Alter und jedes Budget, vom Campingplatz bis zum 5-Stern-Resort. Nur Geschichten über 08/15-Badeferien im Luxushotel fehlen. «Was soll ich darüber schreiben?» Solche Ferien hält sie für genauso langweilig wie Fotos vom Schampus-Glas am Pool.

Besondere Erlebnisse sind der Luxus unserer Zeit

Beck jedenfalls schläft am liebsten in der Hängematte am Strand oder auf dem Dach eines Camper Van – unter dem Sternenhimmel. Und sie mache sich unheimlich gern dreckig. Sie schwärmt von einer Tour durch den Dschungel: «Von oben hats geschüttet, unten lag knöcheltiefer Schlamm – ein tolles Erlebnis.» Für die 47-Jährige steht fest: «Besondere Erlebnisse sind der neue Luxus.» Die im Magazin vorgeschlagenen Reisen seien zwar aussergewöhnlich, aber nicht extrem, das ist ihr wichtig: «Herr und Frau Mustermann sollen sie ohne Schwierigkeiten nachmachen können.»

Geschichten über besondere Orte, vor allem aber auch über besondere Menschen, liegen ihr am Herzen. Die bisherigen Titelstorys sind Israel, Colorado und Québec gewidmet. In der Frühlingsnummer (ab Mitte April am Kiosk) steht Botswana im Fokus. Aber: Etwa die Hälfte der Geschichten betreffen Ziele im nahen Ausland, zum Beispiel im Allgäu oder Südtirol, betont die Herausgeberin. Und weil sie selber gern isst, wird der Kulinarik (im Magazin «Kombüse» genannt) viel Platz eingeräumt.

Auch die Schattenseiten des Tourismus lässt Yvonne Beck nicht aus: In jeder Ausgabe ist ein Interview zum Thema Menschenrechte, Tierrechte oder Umweltschutz abgedruckt. Und wenn sich die Vertreterin von Amnesty International Schweiz kritisch über den US-Präsidenten und seine Politik äussert, finde sie das auch als «grosser US-Fan» wichtig. Regelmässig werden Destinationen in den USA im «Bucketlist» vorgestellt. Es sei nun mal bequem, in den Staaten unterwegs zu sein, was sie als privat eher «faule Reisende» enorm schätze, sagt die Verlegerin. Die Türkei hingegen boykottiert sie momentan aus politischen Gründen. Und es ärgert sie, dass sie gewisse Länder wie Afghanistan oder Saudiarabien als Frau nicht allein entdecken kann.

Obwohl ganz frisch im Verlagsgeschäft – Yvonne Beck ist kein Greenhorn im Tourismus-Metier. Zuvor leitete sie als Chefredaktorin das Luxusmagazin «Prestige» sowie die Reisemagazine «Imagine» und «artundreise». Nach 20 Jahren Medienerfahrung traute sie sich zu, ihr eigenes Heft zu produzieren. Mit Geschichten, hinter denen sie ganz und gar stehen könne und die sie selber gern lesen möchte. Noch kann sie sich weder feste Angestellte noch ein grosses Büro leisten: «Sonntagabends sitze ich auf dem Sofa, klebe Briefmarken auf und tüte Belegexemplare ein.»

Kofferpacken für die Reise ins australische Outback

Doch ihr Einsatz und ihr Mut werden belohnt: Gerade ist Beck von der ITB in Berlin, der wichtigsten Tourismusmesse weltweit, zurückgekehrt. Von der Branche durfte sie viel Lob für ihr Magazin einheimsen. Überhaupt sei das Echo nach dem ersten Jahr «überraschend positiv». Der Kioskverkauf laufe gut, sogar in Deutschland, obwohl die Konkurrenz dort gross sei.

Ihre nächste Reise führt nach Australien, ins wilde Outback des Nordens. Beck liebt es, unterwegs zu sein. Und sie liebe ihren Koffer, diesen «grauen Spiesserkoffer», wie sie kokettiert. Die Farbe sieht man nämlich kaum noch, der Koffer ist vielmehr mit Stickern aus aller Welt beklebt. Sie liebt den Koffer, aber sie hasse das Kofferpacken – nach wie vor brauche sie Stunden dafür.

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