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«Dann können wir den Pass gleich am Bahnhof verteilen»

Soll die Schweiz junge Ausländer der dritten Generation er­leichtert einbürgern? Nicht alle Eingebürgerten unterstützen diese Reform. Einer von ihnen, der Zürcher Unternehmer Aleksandar Naumovic, erklärt, wieso.

Daumen runter: Walo Lüönd als grimmiger Schweizermacher im gleichnamigen Film aus dem Jahre 1978. Seither hat sich das  Einbürgerungsverfahren gewandelt. Folgt nun die nächste Veränderung?
Daumen runter: Walo Lüönd als grimmiger Schweizermacher im gleichnamigen Film aus dem Jahre 1978. Seither hat sich das Einbürgerungsverfahren gewandelt. Folgt nun die nächste Veränderung?
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Eigentlich geht es am 12. Februar nur um eine Formalität. Bei der Abstimmung über die Einbürgerung von Ausländern der dritten Generation stellt sich nicht die Frage, ob sie den Pass erhalten sollen, sondern wie. Wird die Reform angenommen, gilt für diese Gruppe von Ausländern das erleichterte Verfahren und nicht mehr das ordentliche. Das ordentliche ist länger, teurer und aufwendiger. Beim erleichterten ist allein der Bund zuständig, es läuft weitgehend schriftlich ab.

Die entscheidende Frage ist ­also, ob diese Erleichterung ­notwendig ist. Wer kann das besser beurteilen als eingebürgerte Schweizerinnen und Schweizer? Sie kennen das eine oder andere Verfahren aus eigener Erfahrung.

Eine kleine, unrepräsentative Umfrage im Bekanntenkreis zeigt, dass Eingebürgerte die Vorlage mehrheitlich unterstützen. Vereinfacht gesagt: Man erachtet es als unnötig, in einem mehr­jährigen Hürdenlauf die Integration zu testen, wenn aufgrund des Lebenslaufs klar ist, dass jemand hier voll eingegliedert ist. Hier geborene Ausländer, die Schweizer geheiratet haben, sind froh, konnten sie sich dank der Ehe ­erleichtert einbürgern lassen; gleichzeitig fragen sie sich, warum ihnen die Schweiz diese Erleichterung nur wegen des Partners zugesteht.

Am Bahnhof verteilen?

Doch auch unter Eingebürgerten gibt es Gegner. Stellvertretend erklärt auf Anfrage Aleksandar Naumovic, warum er die Reform ablehnt. Er ist 47-jährig, SVP-Mitglied und Secondo. Geboren als Jugoslawe, als Jugendlicher in Zürich eingebürgert. Heute ist er als Unternehmer tätig und führt unter anderem ein eigenes Treuhandbüro in Zürich. Er sagt:«Ich bin gegen die erleichterte Einbürgerung. In diesem Ver­fahren finden wir gar nicht mehr heraus, wer integriert ist und unsere Regeln akzeptiert.

«Ich kenne Leute, die schlecht über die Schweiz reden und sich trotzdem einbürgern lassen. Sie wollen den Pass nur aus Eigennutz. Das ist doch der falsche Ansatz.»

Aleksandar Naumovic

Ein Beamter in Bern kann doch nicht unterscheiden, ob es sich nun um einen jungen Mann handelt, der der Lehrerin den Handschlag verweigert oder es richtig findet, Frauen zu schlagen, weil ihm dies seine Religion erlaubt. Sie alle würden nur anhand der Akten eingebürgert. Die Gemeinde, die ihre Bürger besser und näher kennt, hätte nichts mehr zu sagen. Wenn wir den Schweizer Pass wirklich so unkontrolliert vergeben, können wir ihn auch gleich einfach so, zum Beispiel am Bahnhof, an alle verteilen.»

Ist das wirklich nötig?

Die Befürworter entgegnen, sie wollten die Einbürgerung nicht für alle erleichtern, sondern nur für eine klar definierte Gruppe: hier geborene, junge Ausländer, deren Familien schon lange hier leben. Naumovic winkt ab: «Auch jemand, der schon lange hier lebt, ist nicht zwingend gut integriert und identifiziert sich auch nicht zwingend mit unserer Rechtsordnung. Und wenn er diese Bedingungen erfüllt, kann er sich problemlos ordentlich einbürgern lassen.»

Das bestreitet kaum jemand. Die Frage ist nur, ob es nötig und angemessen ist, in diesen Fällen das ganze aufwendige ordentliche Verfahren durchzuziehen. Unbedingt, findet Naumovic:«Ich kenne Leute, die sich beschweren, das Einbürgerungsverfahren sei schikanös und viel zu schwierig. Wenn ich dann nachfrage, merke ich aber immer, dass diese Personen einfach nicht Bescheid wissen über die Schweiz, die Politik und das sonstige Geschehen hier. Sie reisen nie in der Schweiz herum, fahren in den Ferien immer in ihre Heimat.

«Als sich meine Eltern 1984 ­ ein­bürgern liessen, war das Verfahren schwieriger und teurer als heute. Aber das hat meine Eltern nie gestört.»

Aleksandar Naumovic

Dann muss ich sagen: Diese Leute sind hier nicht angekommen, meistens wohl auch nicht integriert. Sonst würden sie die Einbürgerung locker schaffen. Es ist völlig richtig, dass sie nicht Schweizer werden. Ich kenne auch Leute, die schlecht über die Schweiz reden und sich trotzdem einbürgern lassen. Sie wollen den Pass nur aus Eigennutz. Viele aus Ex-Jugoslawien liessen sich erst einbürgern, als ihr Land unter Sanktionen litt und schliesslich auseinanderbrach. Das ist doch der ­falsche Ansatz. Wir sollten nur Personen einbürgern, die wirklich Schweizer werden wollen, nachweislich integriert sind und sich mit unserem Rechts­system identifizieren. Deshalb finde ich auch die Doppelbürgerschaft keine gute Sache. Sie zieht die falschen Leute an.»

Zu viele Einbürgerungen?

Früher gab es noch keine Doppelbürger. Wer den roten Pass wollte, musste den alten abgeben. So war das, als Naumovics Eltern um 1960 herum definitiv in die Schweiz zogen. Als begnadeter Fussballer hatte sein Vater früher für Roten Stern Belgrad gespielt. Doch die Jobaussichten sahen schlecht aus, da er nicht Mitglied von Titos Kommunistischer Partei werden wollte. Bei einer Reise durch Europa besuchte er einen Kollegen in Zürich und bekam das Angebot, für den FC Young Fellows zu spielen. Er blieb und fand Arbeit bei einem Rüstungskonzern. 1984 liess sich die ­Familie mit den hier geborenen Kindern einbürgern. Das war damals fast schon eine Seltenheit.

Ein kritisch-komisches Schlaglicht auf die damalige Einbürgerungspraxis warf 1978 der Film «Die Schweizermacher» – nach dem Motto: Schweizer wird nur, wer nachweislich schweizerischer ist als ein Schweizer. Naumovic erinnert sich: «Das Einbürgerungsverfahren war damals schwierig und teuer. Sicher schwieriger und teurer als heute. Erleichterungen gab es keine. Im persönlichen Gespräch musste man beweisen, dass man nicht nur die Sprache beherrscht – mündlich und schriftlich –, sondern sich auch in Politik, Geschichte und Geografie gut auskennt. Das war für meine Eltern aber kein Problem. Sie lebten seit über zwanzig Jahren hier. Die Schweiz war schon lange ihre Heimat. Es war für sie völlig natürlich, dass sie sich für das Land interessierten, sich mit ihm identifizierten. Es hat sie nie gestört, dass die Behörden genau nachfragten und hohe Erwartungen hatten.

In schlechter Erinnerung habe ich nur die Reaktionen, die wir vereinzelt von jugoslawischen Familien in der Schweiz erhielten, als sie erfuhren, dass wir uns hatten einbürgern lassen. Sie warfen uns vor, wir hätten unsere Heimat verraten. So etwas würden sie nie tun, sagten sie.»Die Statistik bestätigt, dass die Einbürgerungen seit anno dazumal stark zugenommen haben. In den 1980ern wurden weniger als 10 000 Ausländer pro Jahr eingebürgert, heute sind es im Durchschnitt 40 000. Das hat aber wohl weniger damit zu tun, dass die ­Behörden nicht mehr so genau nachfragen, dafür umso mehr mit der Einführung der Doppelbürgerschaft 1992 und der Reduktion der Gebühren 2006. Für Aleksandar Naumovic geht die Entwicklung so oder so in die falsche Richtung.

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