Zum Hauptinhalt springen

«Einen Coach pro Asylsuchenden – das wird es nicht geben»

Kein Tageslicht, zu wenig Betreuer: Nach dem tödlichen Streit in einem Aargauer Asylzentrum werden Vorwürfe an die Betreiber laut. Der Kanton wehrt sich.

Messerangriff im Aarauer Asylzentrum: Die Kantonspolizei vor dem Eingang zur unterirdischen Anlage.
Messerangriff im Aarauer Asylzentrum: Die Kantonspolizei vor dem Eingang zur unterirdischen Anlage.
Screenshot Tele M1

«Wer will noch? Ich bringe euch alle um!», soll der Iraner gesagt haben, der am Samstag in einer Asylunterkunft in Aarau mit einem Messer auf zwei Landsleute einstach. Ein Einsatzkommando von 8 bis 10 Polizisten durchsuchte daraufhin die unterirdische Anlage unter dem Kantonsspital Aarau und konnte den 27-jährigen Täter ohne Gegenwehr festnehmen. Ein Bewohner starb beim Angriff, ein zweiter befindet sich nach einer Notoperation unter ärztlicher Beobachtung.

Medienberichte werfen nun Fragen zur Sicherheit im unterirdischen Asylzentrum mit 260 Bewohnern auf: Unzumutbare Verhältnisse in der Unterkunft sollen Grund für die Bluttat gewesen sein, sagten Mitbewohner zum Lokalsender Tele M1. Sie sprechen von gefängnisähnlichen Zuständen ohne Sonnenlicht, die Menschen würden dort «durchdrehen». Zudem kritisieren Personen aus dem Umfeld der Betreiberfirma ORS, dass zum Tatzeitpunkt zu wenig Personal an Ort gewesen sei. Lediglich zwei Betreuer hätten sich am Samstagmorgen in der Unterkunft aufgehalten. Ein dritter habe seine Schicht erst nach dem tödlichen Angriff angetreten, wie «20 Minuten» berichtet.

Kanton: Betreuung weitgehend problemlos

Die Firma ORS, die die Anlage in Aarau im Auftrag des Kantons betreibt, will zu Fragen zum Vorfall und zum Sicherheitskonzept keine Stellung nehmen und verweist auf den Kanton. Balz Bruder, Sprecher des zuständigen Departements Soziales und Gesundheit (DGS), bestätigt die Angaben gegenüber Redaktion Tamedia. Wegen des ruhigen Betriebs sei die Zahl der Betreuer von vier auf drei pro Schicht während der Nacht und am Wochenende reduziert worden. Kann damit die Sicherheit gewährleistet werden? Es sei zwar klar, sagt Bruder, dass es Reibungen gebe, wenn 260 Menschen auf engem Raum zusammenlebten. Aber: «Wir sehen in diesem Vorfall kein unmittelbares Erfordernis, die Zahl der Betreuer wieder zu erhöhen.» Mehr Betreuung verhindere nicht, dass ein Mensch plötzlich zum Messer greife. «Für jeden Asylsuchenden einen persönlichen Coach – das wird es nicht geben», sagt der DGS-Sprecher. Es sei auch nicht nötig: Die Unterbringung und die Betreuung in den rund 70 Unterkünften im ganzen Kanton verliefen weitgehend problemlos.

Wenig Platz, fast kein Licht: So leben die Asylsuchenden in der unterirdischen Anlage (Bild: Screenshot Tele M1).
Wenig Platz, fast kein Licht: So leben die Asylsuchenden in der unterirdischen Anlage (Bild: Screenshot Tele M1).

Anders sieht das die Aargauer Kantonspolizei: «Wir weisen seit einigen Jahren immer wieder darauf hin, dass die Sicherheitskräfte des Kantons im Zusammenhang mit Asylbewerbern stark gefordert sind», sagt Mediensprecher Roland Pfister. Dies betreffe zwar meist Vorfälle in der Öffentlichkeit, aber auch in den unterirdischen Anlagen habe es schon gewalttätige Konflikte gegeben: «In die Unterkunft unter dem Kantonsspital musste die Polizei im April mit mehreren Patrouillen ausrücken, weil eine Massenschlägerei mit 40 bis 50 Beteiligten ausgebrochen war. Und im mittlerweile geschlossenen unterirdischen Asylzentrum Laufenburg versuchte im Januar ein Asylsuchender, eine Betreuerin zu vergewaltigen.» Einen Zusammenhang zwischen der unterirdischen Unterbringung und tätlichen Angriffen sieht Pfister aber nicht. «Da gibt es andere Zentren, die mehr Probleme machen.»

Die Schweizerische Flüchtlingshilfe (SFH) sieht die Unterbringung unter Tage jedoch kritisch: Fehlendes Tageslicht und die mangelnde Privatsphäre schlügen auf die Stimmung, sagt Geschäftsleitungsmitglied Constantin Hruschka. «Dazu kommt, dass viele der Asylsuchenden in diesen temporären Zentren oft nicht wissen, wie lange sie dort bleiben und auf einen Entscheid warten müssen.» Dies führe zu einer grossen psychologischen Belastung, die das Entstehen von Konflikten begünstige. Für Hruschka ist deshalb klar: «Die unterirdischen Anlagen müssen – besonders im Falle von sinkenden Gesuchszahlen – möglichst schnell geschlossen werden.»

Zürcher Sicherheitsdirektion: Nicht ideal

Der Kanton Zürich betreibt ebenfalls unterirdische Zentren: ein temporäres Durchgangszentrum in der Stadt an der Turnerstrasse mit rund 120 Asylsuchenden und zwei Notunterkünfte auf Kantonsgebiet. Urs Grob von der zuständigen Sicherheitsdirektion beurteilt die Unterbringung unter Tage zwar als «nicht ideal», aber «grundsätzlich geeignet». Belege für einen Zusammenhang zwischen Konflikthäufigkeit und unterirdischer Unterbringung lägen nicht vor, schreibt der Mediensprecher auf Anfrage. Eine ausreichende Betreuung sei in allen Asylzentren gewährleistet, und das Betreuungspersonal sei im Umgang mit Konfliktsituationen geschult, heisst es. Fragen zu Fällen von gewalttätigen Auseinandersetzungen, zur genauen Zahl der unterirdisch untergebrachten Asylsuchenden oder zur Betreuerdichte in den unterirdischen Anlagen beantwortet Grob in seiner Stellungnahme nicht.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch