Scheidungen zwischen Ausländern nehmen zu

Immer mehr Ehen brechen auseinander, wie neue Daten zeigen – bei Schweizer Paaren sinkt die Scheidungsrate allerdings rasant.

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Simone Luchetta@mataharix

Im vergangenen Jahr wurden in der Schweiz 16’200 Scheidungen ausgesprochen, 2,1 Prozent mehr als im Vorjahr. Diese Zunahme ist ausschliesslich auf Ehen zwischen Ausländern zurückzuführen; sie liessen sich fast um ein Viertel (+23,4 Prozent) häufiger scheiden als 2017 und erreichten mit 4247 Scheidungen einen vorläufigen Höhepunkt, wie die provisorischen Bevölkerungszahlen vom Bundesamt für Statistik zeigen.

Schweizer und gemischt-nationale Paare indes lösten 2018 weniger oft ihr Gelübde als im Vorjahr; bei Ersteren sank die Scheidungsziffer um 6,1 Prozent, bei den gemischten Paaren um 0,9 Prozent.

Was aber steckt hinter der hohen Scheidungszahl bei ausländischen Paaren? Zunächst könnte es sein, dass sich ihr Scheidungsverhalten einfach dem schweizerischen Durchschnitt angleicht: «Das würde dann lediglich bedeuten, dass die Bevölkerungen sich annähern. Man könnte dann von einer Normalisierung des Scheidungsverhaltens der zugewanderten Bevölkerung sprechen», sagt Sabine Strasser, Sozialanthropologin an der Universität Bern. Aber ausgerechnet die Werte zur Gesamtscheidungsrate unter ausländischen Staatsbürgern und Staatsbürgerinnen, die eine mögliche Anpassung an den schweizerischen Durchschnitt be- oder widerlegen könnten, kommuniziert das BFS leider nicht.

Psychologe Guy Bodenmann, Paarforscher an der Universität Zürich, hält es zudem für denkbar, «dass viele ausländische Paare im liberalen Kontext der Schweiz eher eine Scheidung eingehen können als in ihrem Heimatland, wo mitunter grössere soziale Restriktionen herrschen». Sprich: Es kann sein, dass sich Paare je nach Kulturkreis in der Schweiz eher zu scheiden getrauen als in ihrer Heimat, wo Scheidung unter Umständen sozial geächtet ist.

«Eine durch Entwurzelung erhöhte Verunsicherung» vermutet der Soziologe Ueli Mäder aus Basel als weitere mögliche Ursache. Diese verhärte zunächst bei Älteren enge Vorstellungen. Damit verschärften sich Unterschiede gegenüber anderen Werten, die das Umfeld und eigene Kinder repräsentierten: «Das kann zum Eklat führen.»

«Beziehungen zerbrechen besonders häufig, wenn sie eine schwere Belastung tragen müssen.»Klaus Heer, Paartherapeut

Noch mehr ins Private dringt der Berner Paartherapeut Klaus Heer mit seinem Erklärungsversuch, wenn er «den grossen Stress» für das eheliche Zerwürfnis verantwortlich macht, dem zwei Menschen in einer für beide fremden Welt ausgesetzt seien: «Beziehungen zerbrechen besonders häufig, wenn sie eine schwere Belastung von aussen tragen und ertragen müssen.»

Gleichzeitig ist zu beachten, dass die Zahl der Heiraten unter Ausländern nach dem «Flüchtlingsjahr 2015» im Jahr danach einen Höhepunkt erreichte. Eine vergleichsweise hohe Zahl von Ehen, die sich daraus ergeben haben, sind seither auseinandergegangen. Eine erste Spitze von Folgescheidungen zeige sich jetzt, so Heer.

Während also ausländische Ehepaare zunehmend getrennte Wege gehen, nimmt die Zahl der Scheidungen bei einheimischen und gemischt-nationalen Paaren ab. Der Scheidungs-Höhepunkt wurde im Jahr 2010 mit 54 Prozent erreicht, seither ist eine Trendwende eingetreten.

Vor allem junge Generationen sieht Psychologe Bodenmann als treibende Kräfte: «Bei den Jüngeren, welche eine Ehe eingehen, ist der Wunsch nach einem sicheren Hort der Geborgenheit gestiegen.» Viele hätten die Scheidung der Eltern erfahren und wünschten sich in der eigenen Ehe emotionale Sicherheit und Beständigkeit. Dies werde auch in einer seiner Untersuchungen deutlich: Während im Jahr 2010 vier von fünf der befragten Jugendlichen Treue als wichtigsten Faktor für eine gelingende Partnerschaft angegeben hätten, waren es 2015 fast alle (95 Prozent).

Soziologe Mäder spricht hier statt von Treue lieber vom Bedürfnis nach «mehr frei gewählter Verbindlichkeit», die aus einer neuen Freiheit resultierte, «einer gewissen Beliebigkeit, die viele als allzu cool empfanden». Diese neue Verbindlichkeit halte etliche Paare länger zusammen: «Nicht weil es religiös so verordnet ist.» Aber vermutlich führen auch wirtschaftliche Unsicherheiten und die Globalität dazu, mehr Stabilität in der Familie zu suchen. Zumal ein Haushalt finanziell günstiger ist.

Vom Bedürfnis nach Sicherheit sprechen auch die aktuellsten Heiratszahlen. Im Verlauf des Jahres 2018 heirateten Schweizer untereinander sogar etwas öfter als im Vorjahr (+0,4 Prozent). Bei den übrigen Paaren indes ging die Zahl zurück. Das führte dazu, dass sich schweizweit insgesamt 39’800 Paare das Ja-Wort gaben, 2 Prozent weniger als im Jahr zuvor.

Aber auch Schwule und Lesben mochten 2018 nicht so recht Ja zueinander sagen. Lediglich 685 gleichgeschlechtliche Paare liessen ihre Partnerschaft eintragen; seit der Einführung des Partnerschaftsgesetzes im Jahr 2007 lag diese Zahl nur 2011 tiefer.

Das ist insofern bemerkenswert, als das Schweizer Parlament gerade im Begriff ist, die Ehe neu zu regeln und sie zukünftig allen Paaren zugänglich zu machen, unabhängig von Geschlecht und sexueller Orientierung. Ein neuer Gesetzesentwurf, der Homosexuellen den Zugang zur zivilen Ehe ermöglicht, wurde eben in die Vernehmlassung geschickt.

Vielleicht sollte man angesichts der neuesten statistischen Entwicklungen statt über eine «Ehe für alle» eher über eine Abschaffung der Ehe nachdenken. Roman Heggli vom Dachverband der schwulen und Bi-Männer verneint vehement: Viele homosexuelle Frauen und Männer liessen ihre Partnerschaft derzeit nicht eintragen, sondern warteten auf die «Ehe für alle». Weil sie die gleichen Rechte und Pflichten wollen und sich dann auch nicht mehr bei jedem Formular, das den Zivilstand erfragt, mit der «registrierten Partnerschaft» outen müssen, sondern wie Heterosexuelle «verheiratet» ankreuzen können. Heggli sagt: «Zudem geht es bei der Forderung der ‹Ehe für alle› darum, das Recht zu erkämpfen, wie alle anderen Paare wählen zu können, ob man heiraten will oder eben nicht.»

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