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Sechs Jobs und ein Totenschein

Eine falsche Ärztin war in fünf Schweizer Kliniken und einer Praxis tätig. Während Jahren verordnete sie fragwürdige Behandlungen und fällte abstruse Diagnosen. Doch erst der Zufall stoppte sie.

Lotte Zahm* ist stets zur Stelle, wenn es einen Notfall gibt. Weltweit und zuletzt auch in der halben Deutschschweiz. Der Zufall will es, dass sie sich am 11. September 2001 im Word Trade Center in New York aufhält, als Terroristen Flugzeuge in die Zwillingstürme lenken. Sie überlebt, verarztet Verletzte, birgt Tote. So erzählt sie es zumindest. Doch Dichtung und Wahrheit vermischen sich oft bei Lotte Zahm.

Als der niederländische Prinz Friso 2012 in Österreich von einer Lawine verschüttet wird, brauchen Notärzte 50 Minuten, um ihn wiederzubeleben. Zum Glück ist Lotte Zahm vor Ort im Rettungseinsatz. Friso von Oranien-Nassau überlebt.

Als 2008 der Bürgerkrieg im Irak wieder einmal eskaliert, meldet sich Lotte Zahm bei den Ärzten ohne Grenzen und leistet einen Einsatz. Aufgrund solcher angeblicher Lebenserfahrung ist es für die korpulente Bayerin keine wirkliche Herausforderung, noch im selben Jahr etwas gegen den Ärztemangel in der Schweiz zu tun. Selbst wenn sie keine Medizinerin ist.

In den Aargau abgetaucht

2008 lässt Lotte Zahm Deutschland hinter sich. Sie zieht in den Aargau. Im Spital Menziken findet sie eine Anstellung auf dem Beruf, den sie in jungen Jahren erlernt und lange ausgeübt hat: Sie ist Anästhesieschwester. Nach drei Monaten kündigt sie, überraschend, aus freien Stücken.

Bald schon heuert sie in der Rehaklinik Bad Zurzach an, nun als Assistenzärztin. Schnell fällt sie durch Tüchtigkeit auf, durch Fachwissen in der Anästhesie und durch wiederholte Versprechen, sie werde fehlende Berufsurkunden nachreichen – bis ihr die Vorgesetzten nach langen Monaten ein Ultimatum setzen.

Von einem Tag auf den anderen verschwindet Lotte Zahm. Der abrupte Abgang gibt im Kurort zu reden. Spekulationen, etwas sei nicht sauber, kommen auch einer jungen Assistenzärztin zu Ohren. Dies wird der falschen Doktorin zum Verhängnis. Aber erst Jahre später. Davor absolviert Lotte Zahm noch eine medizinische Tour de Suisse.

Nächste Station ist Richterswil. Ein Jahr arbeitet Zahm am Paracelsus-Spital. Von ihr als Assistenzärztin ist man dort sehr angetan. Als der Vertrag ausläuft, erhält Zahm ein glänzendes Arbeitszeugnis, das die weitere Laufbahn befördert. Bis vor wenigen Tagen und bis zu einem Anruf des «Bund» weiss im Paracelsus-Spital niemand, dass eine falsche Ärztin dort gewirkt hat. Genau gleich verhält es sich bei ihren nächsten beiden Stationen.

Um in einer Gemeinschaftspraxis im Kanton Zürich tätig zu werden, befördert sich Zahm selber – zur Fachärztin für Anästhesie und Notfallmedizin. Auf der Website der Praxis taucht sie ab Weihnachten 2010 mit diesem Titel auf, erworben durch «Medizinstudium in den USA» und eine «Weiterbildung zum Facharzt Anästhesie und Notarzt EU». Das ist fast zu dick aufgetragen.

«Eigentlich war sie überqualifiziert», erinnert sich einer der Ärzte, der sie eingestellt hat, «aber wir hatten einen Engpass, und die Festtage standen vor der Tür.» Wenn Not und Ärztemangel herrschen, ist Lotte Zahm allzeit bereit. «Sie war ein absolutes Arbeitstier», erinnert sich der Arzt, «sie riss Aufgaben an sich, war von früh bis spät im Einsatz.» Bei den meisten Patienten ist sie beliebt («manche fragen noch heute nach ihr»), einige stösst sie mit Hauruck-Diagnosen vor den Kopf. «Im Nachhinein fällt mir auf», sagt der Arzt, «wie sehr sie zu dramatischen Schlüssen neigte.» Bei Schwindel habe sie multiple Sklerose diagnostiziert – und dies Patienten sofort ins Gesicht gesagt. Medizinischer Usus wäre es, vor solchen schwerwiegenden und schwierigen Schlüssen Symptome länger zu beobachten.

Ein halbes Jahr ist Lotte Zahm in der Gemeinschaftspraxis tätig. Dann wird sie, während ihrer Sommerferien, entlassen. Wieder hat sie statt der Anerkennung ihrer Titel nur Ausrede um Ausrede geliefert – bis der Praxisleitung Glauben und Geduld abhandenkamen.

Nach wenigen Tagen hat die Frau, die auch gern in bayrischer Tracht arbeitet, eine neue Stelle – doch dafür muss sie sich selber degradieren: In der Psychiatrischen Klinik Schlössli in Oetwil am See wirkt sie als Assistenzärztin, vorab in Nachtschichten, ohne aufzufallen, zur vollen Zufriedenheit. Nach einem Jahr läuft der befristete Vertrag aus, Lotte Zahm zieht weiter.

Die nächste Selbstbeförderung steht an – wieder zur Fachärztin für Anästhesie und Notfallmedizin – und ein folgenschwerer Karriereschritt: nach Meissenberg, in eine Psychiatrische Klinik für Frauen, am Fuss des Zugerbergs. Der Oberärztin Zahm untersteht dort ab Sommer 2012 die somatische Abteilung, also der nicht psychiatrische Bereich. Erneut legt sie sich vom ersten Tag an ins Zeug, macht sich nützlich, wo sie kann, übernimmt unbeliebte Aufgaben – unter anderem erstellt sie den Dienstplan. Sie teilt sich selber oft nachts ein. Dann sind keine Mediziner im Haus.

Globuli statt Psychopharmaka

Zahm fördert die Homöopathie, bestellt haufenweise alternative Heilmittel. Patientinnen verordnet sie Globuli, und das nicht zu knapp. Bereits an früheren Arbeitsorten ist sie durch grosszügigen Einsatz von Medikamenten aller Art aufgefallen: Einem Schmerzpatienten in Richterswil hat sie 21 Mittel verschrieben, darunter Feigensirup und «Lutschpastillen bei Bedarf».

Im Berufsalltag verfügt Zahm über ein gewisses Fachwissen. Doch mischt sie sich durchaus lauthals und selbstsicher in Gebiete ein, von denen sie nicht die geringste Ahnung hat. Wiederholt bemerken Psychiater, dass die resolute Kollegin über Nacht Psychopharmaka durch Homöopathika ersetzt hat – was schwere Folgen haben kann, zum Beispiel bei Patientinnen mit Verfolgungswahn. Psychopharmaka sollten, wenn überhaupt, langsam abgesetzt werden.

Einige Ärzte fangen an, Zahms Wirken stärker zu beobachten. Und nun fällt ihnen auf, dass sich schwer nachvollziehbare Diagnosen häufen: Einmal hat Zahm eine Multiple-Sklerose-Phase, danach stellt sie einige Wochen lang andere eher seltene Krankheiten in grosser Zahl fest. Eine Sensationsgier offenbart sich, wie schon in den Erzählungen von 9/11, vom Lawinenopfer Friso oder aus dem Irak. Lotte Zahm ist mittendrin, wenn Schlimmes passiert – und hilft.

Psychiater, die mit ihr zu tun haben, fangen an, Diagnosen zu stellen: Sie schliessen auf eine Persönlichkeitsstörung mit starker narzisstischer Komponente, sie reden über Pseudologia phantastica, das krankhafte Verlangen zu lügen. Motivation ist dabei oft ein Bedürfnis nach Geltung und Anerkennung.

Die falsche Medizinerin fliegt aber nicht deswegen auf, sondern per Zufall. Die Vergangenheit holt sie ein. Zahm ist erst wenige Wochen in Meissenberg, da stösst die junge Assistenzärztin aus Zurzach zum Team. Der Klinikleitung vertraut sie ihre Bedenken gegenüber Zahm an. Dann wird abgeklärt und abgeklärt und abgeklärt. Monate verstreichen.

Weltkriegsbombe und Sandy

Wieder kann Lotte Zahm nicht alle erforderlichen Dokumente vorweisen. Die Ausreden klingen abenteuerlich: In München wird just in jener Zeit eine Bombe aus dem Zweiten Weltkrieg gesprengt. Dabei werden Wohnungen beschädigt – auch jene, in der sich Zahms Medizindiplom aus den USA befindet. Dann kommt Wirbelsturm Sandy dazwischen, als Zahm die Unterlagen in der Johns Hopkins University in Baltimore, Maryland, beschaffen will. Doch dort ist sie unbekannt. «Es existieren keine Dokumente», antwortet die Universität auf Anfrage, «dass Lotte Zahm an unserer Medizinfakultät studiert hat.»

Die falsche Ärztin ist noch immer in Meissenberg tätig, als am 27. September 2012 ein Zurzacher Arzt das Bundesamt für Gesundheit (BAG) vor ihr warnt. Und was unternimmt das Amt? «Das BAG hat», so teilt ein Sprecher mit, «daraufhin Abklärungen gemacht, die zu keinem Ergebnis führten.»

Die Abklärungen beschränkten sich, wie das BAG einräumt, auf einen einzigen Schritt: einen Blick in das – für jedermann im Internet zugänglichen – Medizinalberuferegister. Trotz Fehlanzeige dort und deutlicher Hinweise aus Zurzach verzichtete das Amt auf eine vertiefte Prüfung. Es leitet die Warnung auch nicht an die Ärztevereinigung FMH oder den Zuger Kantonsarzt weiter. So bleibt die Ärztin mit der mutmasslichen Persönlichkeitsstörung aktiv. Es kommt zu Vorfällen, von denen besonders einer Fragen aufwirft: Einer Patientin im Rentenalter wird eine Zuckerinfusion etwa eine Woche lang verabreicht. Zwei Tage wären geboten gewesen. Der Blutzuckerspiegel schnellt in die Höhe, was mit Insulin bekämpft wird. Die Patientin stirbt. Eilig stellt Zahm einen Totenschein aus. Bald ist die Leiche eingeäschert.

Verschiedene Zwischenfälle bilden Gegenstand von Untersuchungen der Zuger Staatsanwaltschaft, die Ermittlungen aufnimmt, nachdem die Klinik im November 2012 die falsche Ärztin feuert und Strafanzeige erstattet. Alle diese Abklärungen führen laut einem Polizeisprecher zu keinem Ergebnis. Doch Untersuchungen wegen unlauteren Wettbewerbs, Ausüben einer Ärztetätigkeit ohne Bewilligung oder Verstössen gegen das Heilmittelgesetz dauern an.

Festgenommen oder befragt wird Lotte Zahm nicht. Und so kann sie sich in Ruhe eine neue Stelle suchen. Die Ermittler erfahren vergangene Woche vom «Bund», dass die falsche Ärztin seit kurzem im Thurgau Notfalleinsätze in der Ambulanz leistet. Die Herz-Neuro-Klinik Kreuzlingen handelt unverzüglich und lässt Zahm nicht bei sich weiterarbeiten, obwohl der Einsatz an allen neun Arbeitstagen tadellos gewesen sei.

* Name geändert.

«Sie war ein absolutes Arbeitstier», erinnert sich der Arzt, «sie riss Aufgaben an sich, war von früh bis spät im Einsatz.»

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