Ärzte verdienen gleich viel wie Anwälte

Neue Zahlen zeigen, wer unter Akademikern zu den Spitzenverdienern zählt. Damit wehren sich Ärzte gegen den Vorwurf der Abzockerei.

Erklärungsbedarf: Die Lohnunterschiede bei Medizinern sind je nach Fachgebiet und Anstellungsverhältnis erheblich. Foto: Imago, Westend61

Erklärungsbedarf: Die Lohnunterschiede bei Medizinern sind je nach Fachgebiet und Anstellungsverhältnis erheblich. Foto: Imago, Westend61

Markus Brotschi@derbund

Ende Oktober sorgte das Bundesamt für Gesundheit (BAG) mit einer Erhebung zu den Ärzteeinkommen für grosse Verärgerung in der Ärzteschaft. Denn die Studie liess den Schluss zu, dass die Mediziner mehr verdienen als gemeinhin angenommen. So resultierte ein mittleres Jahreseinkommen (Medianlohn) von 219'000 Franken. Zudem wurde eine Lohnskala präsentiert, in der die Neurochirurgen mit 700'000 Franken an der Spitze und die Kinder- und Jugendpsychiater mit 184'000 Franken am Schluss rangierten. Der Medianlohn ist eine statistische Grösse: Die Hälfte der betreffenden Gruppe hat ein niedrigeres Einkommen, die andere Hälfte ein höheres.

Die Ärzteverbindung FMH kontert nun die BAG-Studie mit einer Erhebung der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW). Dabei wird eine Rangliste erstellt, die zeigt, wie die Ärzte im Vergleich zu andern akademischen Berufsgruppen entlöhnt werden. Der Vergleich wird auf der Basis von Bruttostundenlöhnen erstellt. Nur diese erlaubten ein aussagekräftiges Bild, so die FMH.

Stunden- und Jahreslohn

Gemäss ZHAW-Studie beträgt der Medianlohn von Humanmedizinern 67 Franken pro Stunde. Die Ärzte stehen damit in der Akademikerrangliste auf dem vierten Platz, knapp hinter den Anwälten, Richtern und Volkswirtschaftern. Spitzenreiter sind die Zahnärzte mit einem Stundenlohn von 73 Franken. Mit diesem Stundensälar erzielen die Ärzte ein mittleres Jahreseinkommen von brutto 163'000 Franken. Die Zahn­ärzte bringen es nur auf 162'000 Franken, Richter und Anwälte auf 159'000 Franken, weil sie weniger arbeiten als die Humanmediziner.

Wie schon die BAG-Studie zeigt auch jene der FMH erhebliche Lohnunterschiede zwischen selbstständig erwerbenden und angestellten Ärzten. So verdienen Angestellte 63 Franken in der Stunde, Selbstständige 75 Franken. Spitzenreiter sind unter den selbstständigen Ärzten jene, die sich in der eigenen Firma anstellen. Sie bringen es auf ein Medianeinkommen von 99 Franken pro Stunde oder 255'000 Franken im Jahr.

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Frappant war in der BAG-Studie die Diskrepanz zwischen Allgemeinmedizinern und Spezialisten. Die ZHAW-Studie weist keine Fachgruppen einzeln aus, unterscheidet aber zwischen Allgemeinmedizinern und Fachärzten. Für Allgemeinmediziner wird ein mittleres Jahreseinkommen von 158'000 Franken und für Fachärzte von 192'000 Franken errechnet. Spezialisten verdienen demnach 22 Prozent mehr als Hausärzte. Allerdings zeigt auch diese Studie, dass es bei den Fachärzten Ausreisser nach oben gibt, die es auf Jahreseinkommen von 400'000 Franken bringen.

FMH-Präsident Jürg Schlup sieht die ZHAW-Studie als Beitrag zur Versachlichung der medialen Debatte über die Ärztelöhne. Sie zeige, dass die Ärzte in der Schweiz «angemessene und vertretbare» Löhne hätten. Zudem deckten sich die Zahlen mit früheren Erhebungen des Bundesamtes für Statistik, welche die FMH für aussagekräftiger hält als die BAG-Studie vom Oktober. Die BAG-Lohnstudie vermittle ein verzerrtes Bild, weil sie die vergleichsweise hohen effektiven Arbeitszeiten der Humanmediziner noch hochrechne und zudem den Fokus stark auf Untergruppen wie Neurochirurgen oder Gastroenterologen richte. So hohe Einkommen könnten nur aus Privathonoraren und nicht allein aus Prämiengeldern der obligatorischen Krankenversicherung generiert werden, sagt Schlup.

Schmale Datenbasis

Allerdings liegt das Problem der Erhebung in der geringen Zahl von rund 700 einbezogenen Ärzten. Die ZHAW griff auf die Schweizerische Arbeitskräfteerhebung des BFS zurück, die auf Personenbefragungen beruht. Aufgrund der relativ geringen Zahl verwendete die ZHAW die Lohnangaben der Jahre 2014 bis 2017. Schlup räumt ein, dass eine Schwäche der Studie die relativ kleine Zahlenbasis sei. Die vom BAG publizierte Studie wertete die AHV-pflichtigen Löhne von 90 Prozent der selbstständigen und angestellten Ärzte aus.

Studien zu den Ärztelöhnen sind politisch relevant, weil das Einkommen der Ärzte mit Prämien- und Steuergeldern finanziert wird. Dem BAG wurde von Ärzteseite vorgeworfen, dass es mit seiner Studie Tarifkürzungen rechtfertigen wolle.

Gesundheitsökonom Heinz Locher hält hingegen die Stundenlöhne der Ärzte für wenig relevant für die politische Diskussion. Die politisch relevante Grösse sei das Einkommen der frei praktizierenden Ärzte, das sie über den für die Grundversicherung geltenden Arzttarif Tarmed erzielten. Und darauf gebe die ZHAW-Studie keine Antwort.

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