«Bis heute sind Menschen von Tiananmen inhaftiert»

Interview

Ueli Maurer sorgt mit seiner umstrittenen Aussage zu Tiananmen für Empörung. Christine Heller von Amnesty International sagt, was sie vom Bundespräsidenten nun erwartet.

Freunde ohne genügend kritische Distanz? Bundespräsident Ueli Maurer wird vom chinesischen Staatschef Xi Jinping empfangen. (18. Juli 2013)

Freunde ohne genügend kritische Distanz? Bundespräsident Ueli Maurer wird vom chinesischen Staatschef Xi Jinping empfangen. (18. Juli 2013)

(Bild: Keystone)

Matthias Chapman@matthiaschapman

Frau Heller, was ging Ihnen durch den Kopf, als sie von der Aussage von Bundespräsident Ueli Maurer zu Tiananmen gehört haben? Diese Aussage ist für uns erschreckend. Dies, weil die Geschehnisse von damals bis heute nicht aufgeklärt sind. Noch heute ist es Angehörigen von Opfern des Tiananmen-Massakers verboten, öffentlich zu trauern. Die Organisation Mothers of Tiananmen hat einen unheimlich schweren Stand. Wer sich für eine Aufarbeitung starkmacht, wird schikaniert.

Welche Botschaft haben Sie an Bundespräsident Ueli Maurer? Muss er seine Aussage zurücknehmen? Seine Aussage ist ein Affront gegenüber den Opfern. Es kann nicht sein, dass der Bundespräsident massive Menschenrechtsverletzungen verharmlost. Er muss sich überlegen, ob seine Aussage mit der offiziellen Haltung der Schweiz vereinbar ist.

Das ist sie natürlich nicht. Die Schweiz führt mit verschiedenen Ländern einen sogenannten Human Rights Dialogue, darunter auch mit China. Das passiert unter der Federführung des EDA. Da wird diese Aussage wohl kaum gut aufgenommen.

Maurer sagt eigentlich, Tiananmen sei lange her und man solle nun in die Zukunft schauen. Gibt es das Recht auf Vergessen? Es gibt sicher Ereignisse, die auch einmal Historie werden dürfen. Dazu gehört Tiananmen aber sicher nicht. Bis heute sind Menschen inhaftiert, die mit Tiananmen in Zusammenhang gebracht werden. Zuerst müssen die Verantwortlichen von damals zur Verantwortung gezogen werden.

Halten Sie es überhaupt für möglich, dass China in den nächsten zehn Jahren die Ereignisse von Tiananmen aufarbeitet? Sicher ist das möglich. Es gibt genug Beispiele, die beweisen, dass historische Aufarbeitung machbar ist. Schauen wir nach Guatemala, wo die Geschichte mit dem früheren Präsidenten Ríos Montt geklärt wird. Oder in Burma, wo erste Schritte gemacht werden.

Was glauben Sie, wie ist das Bewusstsein in der Schweiz zu den Ereignissen von Tiananmen? Ich hoffe, dass das Wissen darüber auch hierzulande vorhanden ist. Aber klar, dazwischen liegt eine Generation und Vergessen geht schnell. Deshalb ist es umso wichtiger, dass man darüber spricht und auch unser Präsident nicht verlangt, Ungerechtigkeit und Gewalt einfach zu vergessen. Es ging damals auch um das Recht auf freie Meinungsäusserung. Schweizerinnen und Schweizern sollte das wichtig sein.

thunertagblatt.ch/Newsnetz

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