Bunt, friedlich und sehr links

20'000 Menschen am Anti-AKW-Marsch seien «nur die Spitze des Eisberges», so die Organisatoren. Vor Ort zeigte sich aber: Dieser Eisberg schwimmt noch immer nur im linken Lager. Ein Kommentar.

Matthias Chapman@matthiaschapman

Der gestrige Marsch mit 20'000 Teilnehmern am AKW Beznau vorbei nach Kleindöttingen im Aargau war die grösste Anti-AKW-Demo seit dem Juni 1986. Damals pilgerten nach der Katastrophe von Tschernobyl 30'000 Menschen nach Gösgen und forderten ein Ende der Atomenergie in der Schweiz. Was folgte, war nicht der Ausstieg, sondern langwierige und einschläfernde Prozesse und Diskussionen, bis schliesslich Gras über die Sache gewachsen war. Dieses Verschweigen der Problematik hielt jahrelang und endete mit Rahmenbewilligungsverfahren für neue Kraftwerke.

Franz Hohler, der am Sonntag auch in der Hitze des Aaretals schmorte, dachte wohl genau an diese Entwicklung der letzten 25 Jahre, als er am Nachmittag sagte: «Ich hoffe, dass es nicht zu rasch wieder verfliegt.» Ihm dürften die Worte der Wirtschaftsführer um Gerold Bührer vom Economiesuisse nicht entgangen sein, welche nach Fukushima von künftigen Reaktoren sprachen, die mit viel weniger Risiko betrieben werden könnten.

Der heutige Marsch gegen Atomenergie war bunt und friedlich. Aber war er auch kraftvoll genug, damit sich diesmal eine nachhaltigere Richtungsänderung in Sachen Schweizer Energiepolitik einstellt? 147 Organisationen hatten zur Kundgebung aufgerufen. Darunter auch die Grünliberalen. Die Beteiligung aber lag ziemlich weit links der Mitte. Was heute mit Fahnen und Transparenten durch das Aaretal zog, erinnerte an Friedensdemonstrationen in den 70er Jahren. An Peace, Hippies und Woodstock. Die 20'000 Menschen seien «nur die Spitze des Eisberges», hiess es bei den Organisatoren. Gut möglich. Offensichtlich war aber, dass der Eisberg noch immer nur im linken Lager schwimmt.

Am Mittwoch wird es spannend. Dann nämlich, wenn der Bundesrat sein Szenario für die künftige Schweizer Energiepolitik präsentiert. Vieles spricht für einen mittelfristigen Ausstieg. Also Mühleberg und Beznau sollen bis in rund 10 Jahren vom Netz. Später wird auch in Gösgen und Leibstadt ersatzlos der Stecker gezogen. Damit diese Variante auch im Parlament durchkommt, braucht es die Beteiligung der politischen Mitte. Gerade in diesem Lager aber scheint man noch nicht sicher, ob die Schweiz tatsächlich ohne Atomstrom funktioniert. Diesen Eindruck bekam man zumindest in Kleindöttingen. Denn Mitte-Wähler, die waren nicht da.

thunertagblatt.ch/Newsnetz

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