Ein Start mit schwerer Hypothek

Kommentar

Bei den Grünen ziehen künftig Adèle Thorens und Regula Rytz den Karren. Im rechten Flügel dürfte ob der Niederlage von Bastien Girod einige Unruhe aufkommen. Ein Kommentar.

Matthias Chapman@matthiaschapman

«Erster Wahlgang Ko-Präsidium: Adèle 183. Regula 127 Gewählt. Bastien 68 Geri 23 Esther 18 #DVgrüne #VertsAD», lautete der Tweet von Balthasar Glättli um 16.12 Uhr. Es war der Schlusspunkt nach stundenlangem Prozedere an der Delegiertenversammlung der Grünen im genferischen Carouge. Zuvor hielt der Zürcher Glättli die Schweiz via dutzende Tweets auf dem Laufenden.

Nun sind es mit Adèle Thorens und Regula Rytz also zwei Frauen, die für die Grünen den Kampf um Stimmen und Macht aufnehmen. Und sie starten mit einer schweren Hypothek. Es lief zuletzt nicht rund bei der Ökopartei: Die Wahlen im Herbst gingen verloren, beim wichtigsten Thema AKW-Ausstieg haben andere die Führung übernommen, der angepeilte Bundesratssitz ist in weite Ferne gerückt und die Abspaltung der Grünliberalen ist noch immer nicht verdaut.

Ob die beiden Frauen die Partei wieder auf Linie bringen und zu alter Stärke führen, müssen sie erst noch beweisen. Dabei dürfte es die Waadtländerin Thorens einfacher haben als die Bernerin Rytz. Thorens gilt als pragmatisch: In der Frage zum Beispiel, ob man von der Credit Suisse Parteispenden annehme, zeigte sie sich nicht grundsätzlich abgeneigt. Für viele Grüne hingegen kam das einem Tabubruch gleich. Auch in anderen Bereichen zeigte sie sich offen. Zudem startet die 40-jährige Mutter in der Romandie aus einer Position der Stärke. 40 Prozent der Grünen im Bundeshaus kommen von ennet dem Röschtigraben.

Bezüglich der Wahl von Regula Rytz allerdings dürfte nun einige Unsicherheit in der Partei herrschen. Zwar spricht ihre langjährige Erfahrung in der Exekutive für die Bernerin. Liberale Grüne befürchten, unter Rytz werde sich die Partei nicht öffnen. Ob das nun heisst, dass die Partei wie unter dem abgetretenen Ueli Leuenberger einen stramm links-ökologisch-gewerkschaftlichen Kurs fährt, werden wir sehen. Wie sich jüngst aber zeigte, wird das von der Wählerschaft nicht honoriert.

Aber auch auf der anderen Seite des grünen Spektrums bläst den beiden neuen Parteipräsidentinnen ein steifer Wind ins Gesicht. Die Grünliberalen setzen alles daran, weiter an Terrain zu gewinnen. Und sie werden im Teich von Thorens und Rytz fischen. Man würde sich nicht wundern, wenn sogar der heutige Verlierer, Bastien Girod, in deren Netz landete. Der junge Zürcher bot sich nämlich bei der heutigen Wahl als liberale Alternative zu Rytz, der ehemaligen Sekretärin des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes, an. Er unterlag deutlich – das kann auch als Zeichen für den künftigen Kurs der Partei gesehen werden.

Für die Partei gilt es nun, die Energiewende mit starken Persönlichkeiten zu begleiten, die Flügelkämpfe einzudämmen und sich gegenüber der liberalen Schwester zu behaupten. Den Traum vom Bundesratssitz muss die Partei begraben. Das hat man mit der Parteispaltung vor über vier Jahren verspielt.

thunertagblatt.ch/Newsnetz

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