«Für mich war es zeitweise gar nicht lustig»

Interview

Walter Schmid tritt als oberster Sozialhilfe-Koordinator zurück. Im Interview spricht er über seinen «verkürzten Kommentar zum Fall Berikon», das Sozialsystem als Standortvorteil – und sagt, wie viel der Skos-Präsident verdient.

«Wer, wenn nicht die Skos, sollte sich sonst für Rechtsstaatlichkeit in der Sozialhilfe einsetzen?» Skos-Präsident Walter Schmid.

«Wer, wenn nicht die Skos, sollte sich sonst für Rechtsstaatlichkeit in der Sozialhilfe einsetzen?» Skos-Präsident Walter Schmid.

(Bild: Keystone Peter Schneider)

Matthias Chapman@matthiaschapman

Herr Schmid, sie künden Ihren Rücktritt an und sprechen von einem Akt der Vernunft. Was meinen Sie damit? Ich trete nicht zurück, weil ich gefrustet bin oder keine Lust mehr habe. Der Punkt ist, dass nach 15 Jahren irgendwann beim Skos-Präsidium eine Ablösung kommen muss. Ich habe schon vor zwei Jahren bei der Wiederwahl gesagt, dass ich die vierjährige Amtsperiode vermutlich nicht zu Ende führen werde.

Sie sprechen von «Ehrenamt». Was war der Aufwand und wie wird dieses entschädigt? Das sind 8000 Franken im Jahr. Und so, wie ich dieses Amt ausführte, kam ich auf rund zwei Monate Arbeit im Jahr.

8000 Franken für 20 Prozent, dafür lässt sich niemand mehr finden. Finanziell ist es sicher nicht interessant, aber die Aufgabe ist sonst sehr lohnend. Sicher kann man das Präsidium auch anders führen, als ich das getan habe.

Wie sehr hat Ihnen der Wirbel um die Gemeinden, welche die Skos verlassen haben, zugesetzt? Im Frühling war das wirklich heftig und für mich zeitweise gar nicht lustig. Ich habe dann aber bald gemerkt, dass es nicht mehr um die Sache ging, sondern um meine Person. Daran war ich nicht interessiert und habe mich darum etwas aus dem Schussfeld genommen.

Gab es denn nebst Rorschach, Dübendorf und Berikon noch weitere Gemeinden, die austreten wollten? Kürzlich hat sich noch eine Gemeinde gemeldet, die einen Austritt erwogen, aber vorgängig mit uns Kontakt aufgenommen hat. Wir konnten Missverständnisse im Gespräch klären.

Welche Gemeinde war das? Das möchte ich hier nicht ausführen.

Sie wurden selber angegriffen. Wo haben Sie Fehler gemacht? In den Wochen, als es richtig «gräblet hät», haben wir nicht viel falsch gemacht. Sicher war mein verkürzter Kommentar zum Fall Berikon irritierend. Aber wer, wenn nicht die Skos, sollte sich sonst für Rechtsstaatlichkeit in der Sozialhilfe einsetzen? Was man sicher besser hätte machen können, ist, die Nähe zu den Gemeinden zu suchen. Das heisst, die Bedürfnisse der Gemeinden abholen und ihnen den Rücken stärken.

Sie wirkten manchmal so, als würden Sie Missbräuche zwar nicht tolerieren, aber zu wenig deutlich verurteilen. Haben Sie hier falsch kommuniziert? Wir haben uns immer klar gegen Missbräuche ausgesprochen. Gleichzeitig mussten wir aber auch unmissverständlich feststellen, dass die Missbrauchsdebatte politisch dazu missbraucht wurde, um die Sozialhilfe zu diskreditieren.

Viele Menschen in der Schweiz glauben, die Sozialhilfe sei zu stark ausgebaut. Kämpft die Skos zunehmend im Gegenwind? Unser ganzes Sozialsystem ist im internationalen Vergleich gut ausgebaut, das gilt ja nicht nur für die Sozialhilfe, sondern auch für die Arbeitslosen- oder die Invalidenversicherung und andere soziale Auffangnetze. Wer das kritisiert, sollte einfach bedenken, dass ein gutes Sozialwesen ein grosser Standortvorteil der Schweiz ist. Es erleichtert Strukturanpassungen der Wirtschaft, sichert den sozialen Zusammenhalt und den sozialen Frieden. Deshalb ist gerade die Wirtschaft an einer tragfähigen Sozialhilfe interessiert.

Kritisiert wird aber immer wieder, dass es für Menschen, die einmal in der Sozialhilfe landen, zu wenig Anreiz gibt, da rauszukommen. Wir haben vor acht Jahren den Grundbedarf in der Sozialhilfe gesenkt und gleichzeitig leistungsbezogene Zulagen angehoben. Wer arbeitet, hat einen Einkommensfreibetrag. Es wird eine der nächsten Aufgaben sein, das System zu analysieren. Wirken die Anreize? Und wenn dem so ist, wie, wo und unter welchen Voraussetzungen? Es macht also keinen Sinn, einfach auf die Sozialhilfe einzuprügeln, wir wollen die Debatte aufgrund von Fakten führen.

Müssen die Skos-Richtlinien angepasst werden? Die Richtlinien werden regelmässig teilrevidiert. Dazu haben wir ein eingespieltes Verfahren. Ob die Richtlinien von 2005 total revidiert werden sollen, kann man erst beantworten, wenn man weiss, was anders werden soll. Vorerst gehen die Vorstellungen darüber auseinander. Zudem werden die Richtlinien in der Praxis als sehr sinnvoll beurteilt.

Was muss die Skos in Zukunft anpacken? Wie gesagt, muss der Kontakt zu den Gemeinden verbessert werden. Wichtig ist auch, dass die Träger der Sozialhilfe – also die Kantone – stärker für die Sozialhilfe hinstehen.

Sprich, Sie haben sich von den Kantonen im Stich gelassen gefühlt. Nein, das nicht, aber die Sozialhilfe ist kein attraktives Thema. Man gewinnt damit keinen Blumentopf. Deshalb wird der Skos immer wieder eine politische Verantwortung zugeschrieben, die sie als Fachverband nicht übernehmen kann. Diese liegt bei der Politik.

Sie treten im Frühling 2014 zurück. Was muss Ihr Nachfolger mitbringen? Es ist nicht an mir, das zu bestimmen.

thunertagblatt.ch/Newsnetz

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