«In 20 Jahren sind wir EU-Mitglied»

Zum Tod von Rudolf Friedrich ein Interview, das thunertagblatt.ch/Newsnetz mit dem Ex-Bundesrat im Jahr 2010 führte.

«Beeindruckt bin ich vor allem von Doris Leuthard»: Rudolf Friedrich im Salon seiner Villa in Winterthur.
Video: Jan Derrer
Matthias Chapman@matthiaschapman
Jan Derrer@JanDerrer

Ursprünglicher Lead: Wie fühlt sich ein Sieg in der Bundesratswahl an, welche Kräfte braucht es jetzt in der Landesregierung und wie sieht die Zukunft der Schweiz aus? Rudolf Friedrich im exklusiven Video-Interview mit thunertagblatt.ch/Newsnetz.

Rudolf Friedrich ist noch immer ein gefragter Mann. Nach dem Empfang in der Villa mitten in Winterthur führt er uns direkt in den Salon. Der alt-Bundesrat ist locker gekleidet, und bestens vorbereitet. «Hier finden die Mediengespräche jeweils statt», sagt der Alt-Bundesrat und zeigt auf Sofa, Sessel und Beistelltisch – Kaffee und Guetsli inklusive.

Der Raum ist einfach möbliert, auf dem Kachelofen steht ein grosser Bergkristall («ich ging sehr gerne zu Berg»). Keine Viertausender, aber «rechte Bergtouren» seien es schon gewesen. An der Wand tickt eine alte Aufzieh-Uhr, jede Stunde gibt sie diesen hellen Klingelton von sich, den wir nur noch von den Wohnungen unserer Grosseltern kennen.

Als wollte er noch überall mitreden

Gut 26 Jahre sind es nun her, da er überraschend seinen Rücktritt als Bundesrat bekannt gab. Und dies nach nur eindreiviertel Jahren im Amt. «Aus gesundheitlichen Gründen», hiess es damals. Und, wie geht es jetzt? «Ich habe auch heute noch Herzprobleme», meint Friedrich. Er machte nicht den Eindruck, als wollte er noch mehr als diesen einen Satz über seinen Gesundheitszustand verlieren. Eigentlich gut so, 87 Jahre alt ist er nun schon, aber er versprüht noch immer die geistige Kraft, als wollte er überall mitreden.

Im Interview selber scheut er sich nicht, die Dinge beim Namen zu nennen. Wo andere Alt-Bundesräte sich zurückhalten – aus Angst, man könnte ihnen deswegen Vorwürfe machen – spricht Friedrich Klartext. Sei das bezüglich seiner eigenen Partei («die Entwicklung beim Thema Umwelt hat man verpasst»), gewissen aktiven Bundesräten (er kritisiert den «jetzigen VBS-Vorsteher» hart) oder dem derzeitigen Eindruck des Gesamtbundesrates.

Beim Internet brauchts Hilfe

Auch nach Abschalten von Licht und Kamera dauert das Gespräch an. Der Mann hat was zu erzählen. Friedrich spricht über seine Familie – seine Mutter Ida Fanny Sulzer stammte aus den berühmten Winterthurer Familien Sulzer und Forrer – die UBS und die gelegentlichen Telefonate mit anderen Alt-Bundesräten. Mit Villiger habe er erst jüngst gesprochen. Und Friedrich macht klar, dass er das Engagement des Luzerners bei der Grossbank äusserst kritisch würdigt. Auch mit seiner Partei steht er noch immer in Kontakt. Das zeitweilig turbulente Geschehen beim Winterthurer Traditionskonzern Sulzer verfolgt er als Aktionär genaustens mit. In den russischen Grossaktionär Viktor Vekselberg hat er Vertrauen («der hat ja ein Interesse, dass das Unternehmen floriert»).

Wann und wo das Interview erscheine, will Friedrich beim Abschied wissen. Dass die Publikation im Internet geschieht, löst bei ihm kurzfristig leichtes Unbehagen aus. «Damit kenne ich mich nicht aus», meint er dann aber mit einem Schmunzeln. Es werde ihm schon jemand helfen.

Hinweis: Lesen Sie morgen im Tages-Anzeiger den Nachruf zu Rudolf Friedrich.

thunertagblatt.ch/Newsnetz

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