Stauffenberg-Nachfahren kämpfen gegen die Kesb

Wolf von Stauffenberg, ein Verwandter des Hitler-Attentäters, engagiert sich für die Kesb-Initiative. Eine weitere Verwandte kämpft vor Bundesgericht gegen die Behörde.

«Man muss vorsichtig sein»: Wolf von Stauffenberg im Garten seines Hauses. Foto: Sabina Bobst

«Man muss vorsichtig sein»: Wolf von Stauffenberg im Garten seines Hauses. Foto: Sabina Bobst

Claudia Blumer@claudia_blumer

Also gut. Er lädt zum Kaffee ein, zu sich nach Hause. Obwohl er eigentlich nicht in die Medien will. Doch er hat jetzt eine Botschaft. Wolf von Stauffenberg, oder genauer: Freiherr Wolf von Stauffenberg, 77-jährig, gehört dem Uradel an, der sich durch den Zeitpunkt der erstmaligen aktenkundigen Erwähnung vom gewöhnlichen Adel unterscheidet. Die Geschichte der von Stauffenbergs reicht zurück bis ins 13. Jahrhundert. Wolf von Stauffenberg ist ein Verwandter des Mannes, der als Hitler-Attentäter in die Geschichte einging: Claus von Stauffenberg. Sein Attentat auf Adolf Hitler im Juli 1944 missglückte, danach wurde von Stauffenberg hingerichtet.

Von alldem lässt Wolf von Stauffenberg die Besucherin nichts spüren, als er seine Haustür in Zumikon öffnet. Er bittet in die Stube, seine Frau serviert Kaffee. Er kommt bald zum Punkt: «Die Politik muss nochmals über die Bücher», sagt er. Das Parlament müsse das Kindes- und Erwachsenenschutzrecht revidieren, auf dessen Basis die gleichnamige Behörde seit 2013 arbeitet.

Wolf von Stauffenberg ist kürzlich in einem ganzseitigen Inserat in der Zeitung «20 Minuten» zitiert worden mit den Worten: «Mit immer mehr Mitstreitern setzen wir uns für Korrekturen der Gesetzgebung zur Kesb ein, da wir dringenden Handlungsbedarf feststellen mussten. Das Problem wird noch weit unterschätzt, gerade auch in FDP-Kreisen. Wer selber in die Fänge der Kesb gerät, kann sich oft kaum oder nur mühsam und zeit- und kostenintensiv wieder von dieser Behörde befreien. Deshalb: Unterzeichnen Sie jetzt!»

Verwandte vor Gericht

Das Initiativkomitee um die SVP-Nationalräte Pirmin Schwander und Barbara Keller-Inhelder hat FDP-Mitglieder gesucht, um die Initiative vom Einparteien-Stempel zu befreien. Gefunden haben sie unter anderem Wolf von Stauffenberg. Das ist kein Zufall, wenngleich er selber nie «in die Fänge der Kesb» geraten ist. Doch eine Verwandte von ihm, wohnhaft im Berner Oberland, kämpft gegen die Behörde. Sie ist die Tochter des anderen Hitler-Attentäters, Berthold von Stauffenberg, des Bruders von Claus. Auch Berthold war am Attentat beteiligt und wurde vom Naziregime ermordet.

Die «NZZ am Sonntag» erzählte den Fall der Stauffenberg-Tochter aus Bern vor einigen Monaten in einer Reportage mit dem Titel «Ihr zweites Trauma»: Die Frau, die ihr ganzes Leben lang mit den Folgen ihrer Familiengeschichte zu kämpfen hatte, kämpft nun gegen die Kesb. Ihr Anwalt hatte die Behörde informiert wegen der Gefahr, dass sie von Dritten ausgenutzt wird. Doch sie will keinen Beistand. Das Berner Obergericht lehnte ihre Beschwerde ab, worauf sie ans Bundesgericht gelangte.

Extrempositionen sind ihm fremd. Beim Inserat hat er einem Freund zuliebe mitgemacht.

Vor allem bei Personen mit Vermögen oder Wohneigentum beobachte sie die Tendenz der Kesb, unerwünschte Beistände einzusetzen, schrieb Initiantin Keller-Inhelder kürzlich in einem Gastbeitrag auf thunertagblatt.ch/Newsnetz.

Wolf von Stauffenberg sieht das auch so. Er lebt seit 45 Jahren in der Schweiz und leitete jahrzehntelang ein führendes Unternehmen im Bereich der Gebäudeisolation. Heute ist er noch Verwaltungsratspräsident, sein Sohn führt das Geschäft. Ja, Unternehmer und generell Vermögende seien vom Kesb-Gesetz besonders betroffen, glaubt Wolf von Stauffenberg. Er habe jedoch auch schon «ganz einfache Leute» getroffen, die sich mit dem Thema schwergetan hätten. «Sie können sich finanziell und organisatorisch unter Umständen schlechter oder gar nicht gegen eine unerwünschte Massnahme der Kesb wehren.»

Zusätzliche Instanz

Zurück zum alten System mit den aus Laien zusammengesetzten Vormundschaftsbehörden – das hält von Stauffenberg für keine gute Idee. Doch es brauche ein besseres System als heute, eines, das den Bedürfnissen der betroffenen Personen besser Rechnung trage. Nötig ist in seinen Augen eine zusätzliche Kontrollinstanz, am besten in Form eines Gerichts, die über die Entmündigung von Menschen entscheide. «Man muss bei diesen Fragen sehr vorsichtig sein.» Er hofft, dass das Parlament einen Gegenvorschlag zur Initiative vorlegt, der all dies besser berücksichtigt.

Wenn er so spricht, freundlich, interessiert, besonnen, dann wirkt er so gar nicht wie einer der lauten Kesb-Kritiker. Extrempositionen sind ihm fremd. Er macht denn auch deutlich, dass er sich eigentlich gar nicht engagieren wollte. Bei dem Inserat hat er einem Freund zuliebe mitgemacht. Es wäre nicht seine Art, sich zu exponieren. Er bittet, möglichst wenig über seine Person zu schreiben. Möge es noch so spannend sein, was er erzählt von seinem Leben, seiner Herkunft, vom Kontakt mit den anderen Stauffenberg-Nachfahren, die in und um Zürich leben, darunter zwei Kinder Claus von Stauffenbergs, sowie auf dem ganzen Erdball: in den USA, in Grossbritannien, Deutschland, Spanien und Argentinien.

Ob sein Engagement auch mit der jüngeren Familiengeschichte zu tun hat? «Ich glaube, als Mitglied dieser Familie ist man besonders sensibel auf antidemokratische Tendenzen und auf alles, was die Bürgerrechte beschneidet», sagt Wolf von Stauffenberg. Er lächelt freundlich. Die Stunde, die er gewähren wollte, ist um.

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