Buttet und der Sonderfall Wallis

Heuchler, Stalker, Doppelmoralist: Nördlich der Alpen schäumen alle vor Empörung über den Walliser CVP-Nationalrat Yannick Buttet. Nicht aber im Wallis. Dort nimmt man die Lehre des Katholizismus noch ernst.

<b>Zwei Walliser unterwegs:</b> Yannick Buttet und Christophe Darbellay 2013 auf ihrer Pilgerreise nach Lourdes.

Zwei Walliser unterwegs: Yannick Buttet und Christophe Darbellay 2013 auf ihrer Pilgerreise nach Lourdes.

(Bild: Keystone)

Quentin Schlapbach@qscBZ

Nach aktuellem Kenntnisstand tauchte Yannick Buttet am 19. November zu unchristlicher Zeit vor dem Haus seiner Ex-Geliebten auf und versuchte diese verzweifelt aus dem Bett zu klingeln. Sie alarmierte daraufhin die Polizei, welche den alkoholisierten Buttet nach kurzem Versteckspiel im Gebüsch dingfest machen konnte.

Seit die Zeitung «Le Temps» die Story publik machte, überschlagen sich die Ereignisse fast täglich. Immer neue Details aus Buttets Privatleben treten ans Licht. So gibt er im Wallis den konservativen Familienvater, in Bern wird er laut Parlamentarierinnen nach ein paar Gläschen Wein zum Tanzflächenrowdy.

Nach zehn Tagen Berichterstattung scheinen die Meinungen über Buttet gemacht: Heuchler, Stalker, Doppelmoralist. Zeitungen wie Politiker fordern mehr oder weniger offen seinen Rücktritt, so auch Parteikollegen wie Elisabeth Schneider-Schneiter oder Pirmin Bischof.

Und doch hält der CVP-Mann bis jetzt unentwegt an seinem Nationalratsamt fest. Statt eines Rücktritts kündete Buttet an, dass er sein Alkoholproblem behandeln will. Kur statt Sessel­räumen: Woher stammt dieses bemerkenswerte Sitzfleisch? Antworten findet man in Buttets Heimatkanton, dem Wallis.

Walliser halten zusammen

Während man sich nördlich der Alpen gegenseitig in Empörung übertraf, hörte man aus dem Wallis bisher fast nur milde Töne. Buttets Kantonalsektion, die CVP Unterwallis, hält bis heute un­beirrt an ihrem Schützling fest. Auch die Heimatgemeinde Collombey-Muraz steht zu ihm. Als sich die Lokalzeitung «Le Nouvelliste» in der Bevölkerung herumhörte, sprach diese von einer «Hexenjagd».

Und selbst die Kantonalsektionen von anderen Parteien hielten sich bisher vornehm zurück. Es ist wie beim Wolf, bei der Raumplanung oder der Zweitwohnungsinitiative: Wenn Druck aus Bern kommt, dann halten die Walliser zusammen.

Es ist wie beim Wolf oder bei der Raumplanung: Kommt Druck aus Bern, hält das Wallis zusammen.

Wenn man die Polithistorie des Kantons genau betrachtet, ist dieser Umgang mit Skandalen von CVP-Politikern sogar typisch. Im Wallis hat sich eine Fehlerkultur nach katholischem Vorbild etabliert, wie es sie auch im Tessin (Stichwort: Verkehrssünden von Filippo Lombardi) oder in Italien gibt: Es gilt der Grundsatz des Verzeihens. Dabei geht es längst nicht nur um persönliche Skandale wie Christophe Darbellays uneheliches Kind oder jetzt Yannick Buttets Klingelaffäre.

Im Wallis hat sich eine Fehlerkultur nach katholischem Vorbild etabliert. Es gilt der Grundsatz des Verzeihens.

Ob die Zwangsverwaltung Leu­kerbads, der Weinpanschskandal, das Autobahndebakel A 9, diverse Banken-, Steuer- und Bauskandale (Stichworte: Savro oder Dorsaz): Immer wieder mischelten Walliser CVP-Politiker an vorderster Front mit. Und trotzdem wurde die CVP bisher bei ­jeder Wahl wieder mit Abstand zur stärksten Partei gewählt.

Das grosse Missverständnis

Der Walliser Investigativjournalist Kurt Marti hat ein ganzes Buch über die sagenhaften Ver­filzungen und Verfehlungen in seinem Heimatkanton geschrieben. Achtzehn Geschichten umfasst «Tal des Schweigens: Walliser Geschichten über Parteifilz, Kirche, Medien und Justiz».

Die politischen Machtverhältnisse haben im Wallis zu Machtmissbrauch, Vetternwirtschaft, Parteienfilz, Justizwillkür und Korruption geführt, so das Fazit. Dabei federführend und doch immer verschont: die CVP. Kein Wunder, kann diese Machtfülle auch dazu verführen, sich im Privatleben so einiges herauszunehmen, christlichen Grundsätzen zum Trotz.

Aber vielleicht liegt genau hier das grösste Missverständnis, das man diesseits der Alpen gegenüber den Wallisern hat. Zwar gibt es diese betont konservative Fassade. Aber es gibt auch biblische Grundätze wie: «Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein.»

Das mag in protestantischen oder konfessionslosen Städten wie Zürich oder Bern heute nicht mehr als ein Bonmot sein. Im Wallis, wo man den Katholizismus noch richtig lebt, bedeutet es hingegen die Welt. In diesem Sinne kann das Versprochene das Getane stets aufwiegen. Wer seinen Fehler bereut, dem muss verziehen werden.

Als der «Blick» den Churer ­Bischofsvikar Christoph Casetti zum Fall Buttet befragte, kam dieses bemerkenswerte Zitat: «Buttet mag eine Doppelmoral an den Tag legen. Aber es ist letztlich bei fast allen Menschen so, dass sie ihren eigenen Ansprüchen nicht genügen.»

Im Mittelland ist man bei solch moralischen Fragen viel unnachgiebiger und teilweise auch verklemmter als die konservativen Walliser. Das zeigen etwa die Fälle von Jonas Fricker oder Geri Müller.

Die Superstars in der CVP

Aber: Um national und in anderen Kantonen Wahlsiege einzufahren, muss die Schweizer CVP auf die Befindlichkeiten ausserhalb des Wallis Rücksicht nehmen. Im Wallis ist das Ende der Fahnenstange schon erreicht: Von zehn Parlamentssitzen werden sechs von CVPlern besetzt.

Und in der Walliser Regierung, dem Staatsrat, hat die Partei sogar die absolute Mehrheit. Um es bildlich zu sagen: Wenn die Schweizer CVP eine Fussballmannschaft wäre, dann wäre die Walliser Sektion die schillernste Truppe. Jene, die am meisten Tore schiesst. Aber auch jene mit den meisten Fouls und den meisten Fauxpas neben dem Platz.

Parteipolitik ist aber kein Sport, sondern ein stetes Ab­wägen von Vor- und Nachteilen. Es wird deshalb interessant zu sehen sein, wie die CVP den Fall Buttet lösen wird. Klar ist: Auch wenn es für Buttet in der «Üsserschwiiz» eng werden könnte. Im Wallis wird er sicher immer willkommen sein.

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