Bargeldlos Bus und Zug fahren

Der Kanton Zug testet zurzeit eine ÖV-Chipkarte, 2015 kommt schweizweit der Swiss Pass. Wird der Reisende damit zum gläsernen Passagier? Und sterben die Bahnhofschalter aus? Was auf uns zukommt.

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Olivia Raths@tagesanzeiger

Schon 2001 wurde es unter dem Namen «Easy Ride» getestet, in einem Feldversuch mit 800 ÖV-Nutzern in Basel und Genf: Mit einer Chipkarte ausgerüstet stiegen die Passagiere ein und aus, ohne ein Billett zu lösen. Ein Sensor im Fahrzeug erfasste die mitgebrachte Chipkarte und registrierte die gefahrene Strecke. Die Kosten wurden später abgerechnet. Das System scheiterte trotz des erfolgreichen Tests. Hauptgrund: die horrenden Kosten im hohen dreistelligen Millionenbereich.

Nun wird das System wiederbelebt. Die Technik hat sich in den letzten Jahren weiterentwickelt, die Kosten sind gesunken. Das Ticketingsystem Bibo (be in, be out) wird ab sofort im Kanton Zug getestet; zuerst in einem Bus der Zugerland Verkehrsbetriebe (ZVB), der gestern der Öffentlichkeit vorgestellt wurde. Ein zweiter Schritt sieht Tests mit rund 500 Personen auf zwei Buslinien vor. Danach soll in einer dritten Phase der Pilotbetrieb in der ganzen Region Zug starten. Falls er erfolgreich verläuft, soll er zu einem noch unbekannten Zeitpunkt zum Regelbetrieb umgewandelt werden. Das Bibo-System soll dann auch in der restlichen Schweiz zum Einsatz kommen.

«Hochkomplex und aufwendig»

Im August 2015 wird jedoch schon eine andere Chipkarte national eingeführt: der Swiss Pass, auf dem vorerst das General- und das Halbtax-Abonnement gespeichert werden können. Beisst sich das nicht mit dem Bibo-System, falls es nach erfolgreichen Tests im Zugerland auch schweizweit lanciert wird? «Voraussichtlich kommt auch bei einer E-Ticketing-Lösung ein Chip wie beim Swiss Pass zur Anwendung», sagt SBB-Sprecher Reto Schärli auf Anfrage. Ob der Swiss Pass deswegen ersetzt werden muss, kann er nicht beantworten. «Aber die technische Weiterentwicklung behalten wir selbstverständlich im Auge.»

Stellt sich die Frage, warum es eigentlich mehrere Jahre dauern würde, bis das Bibo-System national eingeführt wird. «Es sind mehr als 200 Transportunternehmen mit von der Partie – neben Bahn- und Busbetrieben auch diverse Bergbahnen», so Schärli. «Deshalb ist es hochkomplex und aufwendig, all die Billettsysteme zu harmonisieren.» Also müsse man schrittweise vorgehen, und ein erster Schritt sei die Einführung des Swiss Pass im August 2015.

Datenschutz gewährleisten

Wenn jemand im ÖV mit einer Bibo-Chipkarte reist, werden dessen Reisebewegungen systematisch aufgezeichnet, und er droht zum gläsernen Passagier zu werden. «Hier besteht erhebliches Missbrauchspotenzial, denn wenn Datenprofile da sind, könnte das Begehrlichkeiten wecken», sagt der eidgenössische Datenschutzbeauftragte Hanspeter Thür gegenüber thunertagblatt.ch/Newsnetz. Deshalb müsse man unbedingt regeln, wer Zugang zu den Informationen habe und wie diese verwendet werden dürfen. Auch die Kunden müssten informiert werden, worauf sie sich bei der Nutzung des Bibo-Systems einlassen. «Ausserdem sollten sie auswählen können, ob sie die Billette am Schalter, am Automaten, im Internet oder mittels Chipkarte beziehen», so Thür. «Wir werden mit den SBB die Rahmenbedingungen des neuen Systems diskutieren.»

Jeannine Pilloud, Chefin Personenverkehr bei den SBB, beschwichtigt: Überall, wo Personen ihre privaten Daten angeben müssen, sei sorgfältig mit diesen umzugehen. Sprecher Schärli ergänzt: «Es ist selbstverständlich, dass eine ÖV-Chipkarte im Einklang mit dem Datenschutz verwendet wird. Die gesammelten Daten sollen nur für die Abrechnung der Fahrkosten benutzt werden und nicht etwa für Werbemails.»

Apropos Fahrkostenabrechnung: Diese kann laut den ZVB über die Kreditkarte, ein Prepaid-Guthaben oder eine monatliche Abrechnung erfolgen. Somit werde es hinfällig, die Billette auf herkömmliche Weise zu lösen, und die Fahrgäste könnten «mit GA-Komfort» reisen. Bedeutet das den Tod des Bahnhofschalters und der Billettautomaten? «Auf keinen Fall», sagt SBB-Sprecher Schärli. «Sie werden nicht überflüssig, auch wenn Billette immer mehr über elektronische Verkaufskanäle wie Smartphones oder das Internet gekauft werden.» Laut Schärli brauche es immer persönliche Beratung, und sie werde sehr geschätzt – sei es bezüglich Abos, Fahrten ins Ausland oder grösseren Reisen.

Kosten im dreistelligen Millionenbereich

Das Pilotprojekt im Kanton Zug dürfte mit 10 bis 15 Millionen Franken zu Buche schlagen, wie der Zuger FDP-Regierungsrat Matthias Michel grob schätzt. Wie viel ein Bibo-System auf nationaler Ebene kosten wird, ist laut Reto Schärli von den SBB noch nicht klar. Das hänge davon ab, wie sich die Technologie bis dann entwickelt habe und ob andere Verkaufskanäle wie Billettautomaten dafür reduziert werden. «Das Kosten-Nutzen-Verhältnis muss auf jeden Fall stimmen – und vor allem muss die Akzeptanz von Kundenseite sehr gut sein.» Mehreren Medienberichten zufolge könnten die Kosten für ein schweizweites Bibo-System im tieferen dreistelligen Millionenbereich liegen.

Warum die neue Technologie gerade im Kanton Zug getestet wird, erklärt Regierungsrat Michel damit, dass die Region «übersichtlich und relativ kompakt» sei. Deshalb sei der Kanton eine geeignete Region für ein solches Pilotprojekt.

thunertagblatt.ch/Newsnetz

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