«Die Alten sind zu teuer»: Eine Volksinitiative soll das ändern

Finden Ältere keinen Job, weil ihre Pensionskassenbeiträge höher sind? Ja, glaubt ein Verein und lanciert eine Initiative. Doch die These ist umstritten.

Arbeitnehmer über 50 Jahren sollen wegen höheren Lohn-Nebenkosten nicht mehr benachteiligt werden – das verlangt eine Volksinitiative des Vereins Workfair 50+. Der 62-jährige Jacques Roux erklärt das Ansinnen.

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Die Situation der Älteren auf dem Arbeitsmarkt ist zwiespältig. Einerseits wird die Generation 55+ relativ selten arbeitslos, ihre Erwerbslosenquote liegt mit 3,8 Prozent unter dem Durchschnitt aller Alterskategorien (4,8). Andererseits haben Ältere, die den Job verlieren, mehr Mühe, einen neuen zu finden. Woran das liegt, ist umstritten. Ein Grund ist besonders oft zu hören: Ältere seien zu teuer. Damit sind nicht nur ihre Löhne gemeint, sondern vor allem die Pensionskassenbeiträge.

In der Tat steigen die minimalen PK-Beiträge, die gesetzlich festgelegt sind, mit dem Alter steil an. Ein 25-Jähriger zahlt nur 7 Prozent seines Lohns ein. Danach steigen die Zwangsbeiträge im 10-Jahres-Rhythmus auf 10, 15 und zuletzt 18 Prozent für 55-Jährige und Ältere. Davon muss jeweils der Arbeitgeber die Hälfte bezahlen, was aus Sicht der Kritiker die Chancen der Älteren auf der Stellensuche schmälert. Mehr noch: Betroffene sind sogar überzeugt davon, dass die höheren Beiträge direkt oder indirekt zu ihrer Kündigung geführt haben.

Schon ab 18 Jahren einzahlen

Das soll sich ändern. Am Dienstagvormittag lancierte der Verein Workfair 50+ in Bern seine Volksinitiative «Arbeit statt Armut». Der Verein hat nun 18 Monate Zeit, die notwendigen 100’000 Unterschriften zu sammeln. Der Initiativtext ist kurz und bündig. Er umfasst nur zwei Punkte: Erstens sollen die PK-Beiträge unabhängig vom Alter über die ganze Berufskarriere gleich hoch sein, zweitens soll das Sparen fürs Alter neu mit 18 statt 25 Jahren beginnen. Die Initianten betonen, die Gesamtsumme der Beiträge, die ein Angestellter bis zur Pensionierung einzahlen muss, werde nicht höher sein als bisher.

Kopf hinter der Initiative ist der Baselbieter SP-Politiker Pierre Bayerdörfer. Allerdings sagt er selbst, die Initiative sei kein klassisches Anliegen der SP. «Die Forderung passt nicht ins Links-rechts-Schema.» Er erhalte positive Rückmeldungen von Gewerblern, aber auch aus der Basis der Gewerkschaften. Sein Ziel ist eine starke, unabhängige Bewegung, die dazu führt, dass das Parlament einen Gegenvorschlag ausarbeitet, der die Situation der Älteren verbessert.

Die Forderung der Initianten ist alles andere als neu. Da das Thema populär ist und vielen unter den Nägeln brennt, haben Parlamentarier von CVP, FDP, SVP und GLP im Bundeshaus in den letzten 15 Jahren reichlich Vorstösse mit exakt demselben Anliegen eingereicht. Einer davon, deponiert von der BDP, ist zurzeit noch hängig. Doch alles deutet darauf hin, dass er folgenlos versanden und damit dasselbe Schicksal erleiden wird wie all die anderen zuvor. Zwar haben einzelne Vorstösse zunächst sogar eine Mehrheit gefunden, weil die Forderung auf den ersten Blick einleuchtend ist. Auf den zweiten Blick wuchsen jedoch die Zweifel, weshalb Bundesrat und Parlament dann doch nichts unternommen haben.

Studie führt zu Kehrtwende

Eine wichtige Rolle spielte eine Studie der Universität Basel, die bereits 2011 erschienen ist. Sie sorgte in den Jahren danach für einen Meinungsumschwung im Bundesrat und in der Verwaltung, wo man zuvor ebenfalls davon ausgegangen war, der Anstieg der PK-Beiträge sei ein Problem. Mit der Studie wurde diese These erstmals empirisch untersucht, und dies auf ausgesprochen breiter Basis: Den Autoren standen Daten von über einer Million Stellensuchender zur Verfügung. Sie untersuchten, wie sich die Beschäftigungschancen um die Altersschwellen herum verändern, an denen die PK-Beiträge steigen.

Fazit: «Trotz der breiten Datenbasis und der zahlreichen getesteten Modellspezifikationen wurden keine stichhaltigen Hinweise auf die vermeintlich negativen Beschäftigungswirkungen der Altersgutschriften gefunden.» Die Forscher lieferten auch gleich eine Erklärung. Vereinfacht gesagt: Für die meisten Arbeitgeber ist die Höhe der PK-Beiträge nicht entscheidend, da sie diese ohnehin zum grossen Teil auf die Angestellten überwälzen, indem sie deren Lohn tiefer ansetzen. In der Studie heisst es denn auch, die höheren Beiträge würden primär den Lohn und nicht die Beschäftigungschancen älterer Arbeitnehmer schmälern.

20 Jahre zwei Systeme parallel

Kommt hinzu, dass der geplante Systemumbau kompliziert und teuer wäre. Wer heute schon etwas älter ist, müsste weiterhin im heutigen Regime bleiben und steigende Beiträge bezahlen, sonst hätte er bei der Pensionierung deutlich weniger Geld als vorgesehen. Die Jungen müssten aber schon ins neue System einsteigen. Eine lange Übergangsfrist von etwa 20 Jahren wäre unumgänglich, in der mehr Geld in der zweiten Säule gebunden wäre. Der Bundesrat spricht von Übergangskosten von bis zu 1 Milliarde Franken im Jahr.

Auf Kritik stösst auch, dass die jüngeren Generationen höhere Beiträge leisten müssten als heute, obwohl die Löhne in dieser Lebensphase tiefer sind. Das ist zum einen sofort unangenehm, da das verfügbare Einkommen sinkt. Zum anderen kann es sich später rächen, wenn die PK-Beiträge im Alter tiefer sind. Denn in diesem Fall tragen die hohen Einkommen, die man in dieser Lebensphase in der Regel erzielt, weniger stark zum Alterssparen bei.

Chancen sinken mit dem Alter

All dies ändert aber nichts daran, dass ältere Stellensuchende speziell Mühe haben, einen neuen Job zu finden. Dieses Problem wird durch die Basler Studie sogar ausdrücklich bestätigt: Im grossen Ganzen sinken die Anstellungschancen mit dem Alter einigermassen linear. Dieser negative Trend verstärkt sich gegen Ende des Erwerbslebens noch. Wörtlich: «Dadurch wird es für Stellensuchende ab Mitte fünfzig sehr schnell schwieriger, eine Stelle zu finden.»

Das Thema bleibt in jedem Fall akut. Auch wenn die Quote der älteren Stellensuchenden nicht steigt, nimmt die Zahl der Betroffenen in den nächsten Jahren zu. Die grössten Jahrgänge, die es in der Schweiz je gab, erreichen in den nächsten Jahren sukzessive die kritische Phase 55+. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.07.2018, 16:52 Uhr

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