Zum Hauptinhalt springen

Die eiserne Lady der Linken hat noch nicht genug

Die Bankenkritikerin Susanne Leutenegger Oberholzer steigt zur höchsten Wirtschaftspolitikerin auf.

Ökonomin, Anwältin und Nationalrätin: Die 65-jährige Susanne Leutenegger Oberholzer.
Ökonomin, Anwältin und Nationalrätin: Die 65-jährige Susanne Leutenegger Oberholzer.
Gaëtan Bally, Keystone

Die Sozialdemokratische Partei der Schweiz (SP) funktioniert in gewisser Hinsicht wie die fiktive Zivilisation Kaelon II aus der Serie «Star Trek». Wenn die Bewohner von Kaelon II 60  Jahre alt werden, scheiden sie im Kreise ihrer Familie freiwillig aus dem Leben. Wenn ein SP-Politiker das  Rentenalter erreicht, gibt er in der Regel seine Ämter ab, um «Platz für Junge» zu schaffen. Werktätige Pensionäre sind ohnehin schlechte Werbeträger in einer Partei, die für möglichst hohe Renten in möglichst tiefem Alter kämpft.

Der Rücktritt wird damit zum letzten Liebesdienst an den Mitgenossen. Doch Liebesdienste waren noch nie die Sache der Susanne Leutenegger Oberholzer. Die 65-jährige Ökonomin, Anwältin und Nationalrätin aus Muttenz BL ist das politische Synonym für Widerborstigkeit – was ihre Feindbilder in den Bankverwaltungsräten genauso zu spüren bekommen wie das Führungspersonal der eigenen Partei. Gegen den Willen von SP-Fraktionschef Andy Tschümperlin hat SLO – so das von ihr selber gern verwendete Kürzel – diese Woche einen Schlüsselposten für sich erobert. Turnusgemäss darf die SP ab 2015 die bedeutsamste aller Legislativkommissionen führen, jene für Wirtschaft und Abgaben (WAK). Tschümperlin und seine Entourage hätten für diese Aufgabe die 54-jährige Konsumentenschützerin Prisca Birrer-Heimo vorgesehen. Doch Leutenegger Oberholzer lancierte ihre Kampf­kandidatur – und siegte. Mit 26 zu 22 Stimmen gab ihr die Fraktion den Vorzug.

Wie ihr dieses Kunststück am Dienstag gelingen konnte, darüber rätseln auch diejenigen, die dabei waren. Die für ihre Zornausbrüche gefürchtete Doyenne sei vielleicht gewählt worden, «damit sie im  WAK-Präsidium ruhiggestellt ist», mutmasst ein Fraktionsmitglied. Doch die Schwerarbeiterin aus dem Baselbiet wird nicht nur gefürchtet, sondern auch geachtet. Nach zwei erratischen WAK-Jahren unter CVP-Präsident Christophe Darbellay hoffen viele Wirtschaftspolitiker auf eine etwas  straffere Führung. Leutenegger Oberholzer habe ihre Qualitäten als energische, aber effiziente und faire Präsidentin der Kommission für die Legislatur­planung unter Beweis gestellt.

Offen bleibt, wie sehr ihr das just am Wahltag publizierte Rating von Politgeograf Michael Hermann geholfen hat. Sie steht demnach von allen Parlamentariern am weitesten links. Gewerkschafter Corrado Pardini glaubt, die Wahl sei eine Ausmarchung zwischen dem linken und dem rechten Parteiflügel gewesen – Birrer-Heimo wird Letzterem zugeordnet. Pardini selber wollte ebenfalls WAK-Chef werden, zog sich aber zugunsten Leutenegger Oberholzers zurück.

Ausgebremst hat die nimmermüde Seniorin nun vielleicht jene Basel­bieter Genossen, die schon lange auf ihren Nationalratssitz aspirieren. Einer erneuten Nominierung 2015 steht nämlich nicht nur das biologische Alter entgegen. Als SLO im Nationalrat anfing, regierte in Moskau noch Michail Gorbatschow, und die PTT brachte gerade das Natel C auf den Mobilfunkmarkt. Dass in der nächsten Legislatur nun das WAK-Präsidium winkt, könnte der seit 1987 (mit einem mehrjährigen Unterbruch) amtierenden Parlamentarierin ein letztes Mal die Kandidatur retten. Das Präsidium wird damit zu ihrer politischen Lebensversicherung. Wobei sie betont, es gebe für sie neben der Politik noch «viele andere Leben». Man will es ihr gern glauben. Schwer fällt es einem trotzdem.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch