Die ganze Schweiz wird zum Zecken-Risikogebiet

Der Bund empfiehlt Zeckenimpfungen neu im ganzen Land. Zahlen sollen die Krankenkassen.

Für eine Zecken-Epidemie gerüstet: Der Zivilschutz hat bereits 2009 eine flächendeckende Impfübung abgehalten.

Für eine Zecken-Epidemie gerüstet: Der Zivilschutz hat bereits 2009 eine flächendeckende Impfübung abgehalten.

(Bild: Keystone)

Iwan Städler@Iwan_Staedler

Das zu Ende gehende Jahr war ein Rekordjahr. Nie zuvor haben sich in der Schweiz so viele Menschen durch einen Zeckenstich eine ­virale Hirnhautentzündung eingefangen. Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) zählte 380 gemeldete Fälle. Das sind 40 Prozent mehr als letztes Jahr und mehr als dreimal so viele wie noch vor drei Jahren.

Nun will der Bund handeln. Denn die Folgen der sogenannten Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME) sind gravierend. In schlimmen Fällen kann sie zum Tod führen. Öfter sind Kopfschmerzen, Lichtscheu, Schwindel sowie Konzentrations- und Gehstörungen die Folge. Diese Symptome können Wochen bis Monate anhalten. Die meisten gemeldeten Personen müssen vorübergehend ins Spital. Bei einem Teil kommt es zu Lähmungen der Arme, Beine oder Gesichtsnerven, was zu bleibenden Behinderungen führen kann.

Gerade noch rechtzeitig vor nächster Zeckensaison

Einmal erkrankt, können lediglich die Symptome bekämpft werden. Doch gegen FSME kann man sich impfen. Nur machen zu wenige davon Gebrauch. Dies dürfte auch damit zusammenhängen, dass die Impfung bislang nicht schweizweit empfohlen wurde. Stattdessen rief das BAG nur in bestimmten Risikogebieten dazu auf. Dies hat sich als wenig praktikabel herausgestellt, orientieren sich doch weder die Menschen noch die Zecken an den amtlich definierten Grenzen.

Auf einer Velotour etwa fährt man schnell einmal in ein Risikogebiet, ohne sich dessen bewusst zu sein. Und die Zecken, die den Virus in sich tragen, breiten sich aus – «tendenziell vom Nordosten in Richtung Westschweiz», weiss Mark Witschi, Leiter der Sektion Impfempfehlungen beim BAG. Der Bund denkt daher schon länger darüber nach, das Risikogebiet auszuweiten. Zur Diskussion stand auch eine Ausdehnung auf bestimmte Kantone.

Nun hat das BAG aber entschieden, weiterzugehen und gleich die ganze Schweiz zum Risikogebiet zu erklären. «Mitte Januar werden wir dies im ‹BAG-Bulletin› publizieren», sagt Witschi. Gerade noch rechtzeitig, bevor im Frühjahr die nächste Zeckensaison anfängt. Ab 2019 ist die Zeckenimpfung auch landesweit krankenkassenpflichtig, nicht wie bisher nur in bestimmten Risikogebieten.

Keine Fälle im Tessin

Eine eigentliche Präventionskampagne plant das Bundesamt für Gesundheit aber nicht. Dafür fehlten die Ressourcen, sagt Witschi. Er hofft freilich, dass die Medien das Thema aufnehmen und die Impfempfehlung unter die Leute bringen.

«Wir wollen», sagt Witschi, «dass die Zahl der Ansteckungen wieder sinkt.» In Österreich sei dies gelungen. Dank einer Durchimpfungsrate von über 80 Prozent liess sich dort die jährliche Zahl der FSME-Fälle von über 700 auf unter 100 reduzieren. Zum Vergleich: In der Schweiz sind gegenwärtig gut 30 Prozent der Bevölkerung geimpft.

Noch offen ist, ob das BAG das Tessin von der Impfempfehlung ausnimmt. Aus der Südschweiz wurden jahrelang keine FSME-Fälle gemeldet. Doch neuerdings ist es auch dort zu Ansteckungen nach Zeckenstichen gekommen.

Grossteil der Kosten fällt wohl unter die Franchise

Nicht herabsetzen will der Bund vorerst die Alterslimite von sechs Jahren. Bei jüngeren Kindern empfiehlt er die Zeckenimpfung nur, wenn die Kleinen etwa in einer Waldspielgruppe mitmachen. Möglicherweise werde das BAG aber zu einem späteren Zeitpunkt auch die Alterslimite anpassen, so Witschi.

Die FSME-Impfung muss für einen vollständigen Schutz dreimal ausgeführt werden – im Abstand von einigen Monaten. Danach sollte man sie alle zehn Jahre auffrischen. Die drei Injektionen kosten insgesamt rund 200 Franken.

Die Versicherer müssen sich aufgrund der erweiterten Kassenpflicht auf zusätzliche Arztrechnungen einstellen. Auf der anderen Seite sollten die Kosten für die Behandlung von FSME-Fällen sinken, wenn tatsächlich Ansteckungen vermieden werden können. Unter dem Strich erwartet der Bund keine grösseren Mehrkosten. Er hat auch keine Schätzung erstellt. Ein Grossteil der Kosten, vermutet Witschi, werde wohl ohnehin von den Geimpften im Rahmen der Franchise bezahlt.

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