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Die Hälfte aller Senioren hat Angst vor den Jugendlichen

Viele ältere Menschen befürchten, dass Jugendliche die öffentliche Ordnung gefährden könnten. Diese wiederum fühlen sich oft diskriminiert. Dies – und noch viel mehr – zeigt der neue Sozialbericht.

60 Prozent der jungen Erwachsenen haben ausserhalb der Familie keine Bekannten, die über 70 Jahre alt sind: Jugendliche am Trendsportanlass Freestyle.ch, Senioren beim Jassen. (Archivbilder Keystone)
60 Prozent der jungen Erwachsenen haben ausserhalb der Familie keine Bekannten, die über 70 Jahre alt sind: Jugendliche am Trendsportanlass Freestyle.ch, Senioren beim Jassen. (Archivbilder Keystone)

In der Schweiz gibt es keinen Generationenkonflikt. Zu diesem Schluss kommt der «Sozialbericht 2012». Mögliche Spannungen zwischen den Generationen basieren eher auf sozialer Ungleichheit als auf dem Generationenunterschied.

Junge Menschen fühlen sich gemäss dem vierten Sozialbericht des Schweizer Kompetenzzentrums Sozialwissenschaften FORS in der Schweiz verbreitet wegen ihres Alters diskriminiert - auffallend oft in der Arbeitswelt. «Das ist für mich eine Überraschung», sagte FORS- Direktor Peter Farago am Dienstag bei der Präsentation des Berichts in Bern.

Normalerweise wird unter dem Stichwort «Altersdiskriminierung» die Benachteiligung älterer Menschen thematisiert. Doch der Sozialbericht kommt zum Schluss, dass Altersdiskriminierung in der Berufseingangsphase «ein bedeutendes und hinderliches Phänomen» ist. Sie nimmt ab 30 Jahren ab und steigt wieder ab 50.

Doch auch der Berufsausstieg erweist sich als schwierig. Während Junge oft nur befristete Arbeitsverträge erhalten, müssen ältere Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer vermehrt auf Abruf zur Verfügung stehen. Zudem ist die Langzeitarbeitslosigkeit bei den 55- bis 64- Jährigen hartnäckiger als die Jugendarbeitslosigkeit.

Eine mögliche Diskriminierung der jüngeren Generationen zeigt sich aber auch bei den Sozialausgaben: 45 Prozent werden für ältere Menschen geleistet und nur 5 Prozent zugunsten der Jungen.

Starke Familienbande

Der 330-seitige Bericht beleuchtet auch andere Lebensbereiche durch die Generationenbrille. So beispielsweise die Wichtigkeit der Familienbande. Erst in den letzten Jahren habe man sich von der Vorstellung verabschiedet, dass Familiengenerationen nach dem Auszug der erwachsenen Kinder aus dem Elternhaus keine gefestigte Verbindung mehr zueinander hätten.

Die Verfasserinnen und Verfasser zeigen neben den bedeutenden Vorteilen des Kinderhütens innerhalb der Familie, der Altenpflege und der finanziellen Sicherheiten jedoch auch Nebenwirkungen auf: Familiensolidarität verstärkt soziale Ungleichheiten in der Gesellschaft.

Schon nur aus finanzieller Sicht vergrössern Schenkungen und Vererbungen bereits existierende Ungleichheiten. Familienbanden begünstigen Einzelne, denn Eltern mit mehr Ressourcen können ihren Kindern mehr bieten. «Insofern öffnet sich die generationenbezogene Ungleichheitsschere über den Lebenslauf immer mehr.»

Mär der apolitischen Jugend

Überraschend mag auch die Einsicht sein, dass die Jungen heute politisch interessierter sind als die die Jugend vor 20 oder 40 Jahren. Sie stimmen häufiger ab und angesichts der Erkenntnis, dass die politische Partizipation mit dem Alter zunimmt, könnte in Zukunft ihr politisches Interesse grösser sein als dasjenige der heute über 60-Jährigen.

Aber die Jugend von heute engagiert sich anders. Sie wird eher durch Themen politisiert. Sie politisiert mit Boykotten und soziale Medien statt in der Gewerkschaft oder der Partei. «Es ist ein punktuelles, kurzfristiges Engagement», erklärte die Soziologin Céline Schmid Botkine. Wegen der neuen Medien sei das Kommunikationstempo höher.

Generationen als Spiegel der Gesellschaft

Für die Herausgeber des «Sozialbericht 2012: Fokus Generationen» sind die Generationen der Spiegel der gesellschaftlichen Entwicklung. Mit dem raschen demografischen Wandel erstreckt sich die Gesellschaft erstmals über drei bis vier Generationen, wie Psychologieprofessorin Pasqualina Perrig-Chiello erklärte.

Noch nie hätten Generationen eine derart lange gemeinsame Lebenszeit geteilt, und das habe Folgen für den Alltag. Deshalb sei eine Generationenberichterstattung eine gesellschaftliche Notwendigkeit. Und wissenschaftlich fundierte Erkenntnisse seien die Basis für einen rationalen Diskurs. Zu oft sei die Rede von einem «Generationenkonflikt», den es nicht gebe.

Doch kommt auch der Bericht zum Schluss, dass ausserhalb der Familie die Generationen zwar nicht gegeneinander, aber nebeneinander statt miteinander leben. Beinahe 60 Prozent der jungen Erwachsenen haben keine Bekannten, die über 70 Jahre alt sind. 80 Prozent der 15- bis 44-Jährigen arbeiten nie mit Menschen über 70 zusammen - weder im Berufsleben noch in der Freiwilligenarbeit.

SDA/mw

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