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Die neue Gefahr aus Autoklimaanlagen

Das bis jetzt übliche Kühlmittel in Autoklimaanlagen ist ab sofort für neue Autotypen verboten. Nun zeigt sich aber: Der Ersatzstoff kann sich bei Unfällen in eine für Insassen sehr giftige Säure verwandeln. Bald wird auch die Schweiz vor dem Dilemma stehen.

Per Knopfdruck das Klima im Auto optimieren: Hinter der praktischen Funktion lauern ungeahnte Probleme.
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Guido Pelli

Was ist schlechter: eine Klimaanlage im Auto, die schädlich ist für die Umwelt, oder eine, deren Kühlmittel für Autoinsassen womöglich eine tödliche Gefahr darstellt? Die Schweiz dürfte – wegen einer im laufenden Januar in der EU in Kraft gesetzten Richtlinie bald mit diesem Dilemma konfrontiert werden. In Deutschland sorgt das Thema bereits für Zündstoff. Sobald sich die EU für das eine oder andere Übel entschieden hat, wird die Schweiz wohl kaum darum herumkommen, den Entscheid zu übernehmen.

Der Kern des neuen Klimaanlagenproblems: Ein Kilogramm des bisher für Autoklimaanlagen üblichen Kühlmittels trägt 1300-mal mehr zur Klimaerwärmung bei als ein Kilogramm CO2. Deshalb hat die EU dieses Mittel mit der technischen Bezeichnung R134a nun für neue Autotypen verboten. Ab dem 1.Januar dieses Jahres dürfen Autohersteller keine neuen Fahrzeugtypen mehr auf den Markt bringen, deren Klimaanlagen mit diesem Stoff betrieben werden. Für alte Autos und bereits vor dem 1.Januar bewilligte Neuwagentypen gilt das Verbot nicht.

Ersatz: Gefährliche Säure

Nun zeigt sich aber, dass Klimaanlagen, die mit dem von der Industrie propagierten Ersatzstoff betrieben werden, einen vielleicht noch grösseren Haken haben: Diese neue Chemikalie – sie trägt die Bezeichnung R1234yf – gilt zwar als klimafreundlich. Sie kann sich aber unter Einwirkung von Wärme und Feuchtigkeit zur für Menschen höchst gefährlichen Flusssäure umwandeln. Die fluorhaltige Säure ist unter anderem deshalb für Menschen so bedrohlich, weil sie von der Haut sehr schnell resorbiert wird. Dadurch ist bereits bei kleinen Mengen eine Verätzung bis auf die Knochen möglich, ohne dass die Haut äusserlich sichtbar verletzt wird. Eine handtellergrosse Verätzung kann bereits tödlich wirken.

Allerdings ist umstritten, ob das neue Kühlmittel in den Klimaanlagen unter der Motorhaube für die Autoinsassen eher eine theoretische Gefahr oder ein tatsächlich hohes Risiko darstellen würde. Denn grundsätzlich hat es in einer Autoklimaanlage bloss relativ kleine Mengen des Mittels. Zudem befindet sich die Flüssigkeit in einem geschlossenen System. Für Menschen könnte es höchstens bei einem Unfall, bei einem Motorenbrand oder bei einem sehr stark überhitzten Motor gefährlich werden. Vor allem Säuredämpfe könnten in solchen Situationen für Menschen gefährlich werden. Das ergaben Tests der Deutschen Umwelthilfe. Im Deutschen Materialforschungsinstitut ist man sich offenbar nicht einig, als wie gross das Risiko des neuen Kühlmittels eingestuft werden soll.

Im Moment hat der Stoff einen so schlechten Ruf, dass sämtliche Fahrzeughersteller bis jetzt davor zurückschrecken, es einzusetzen. Offenbar versucht die Automobilindustrie zurzeit noch, mit rechtlichen Kniffen die neue Bestimmung bei Zulassungen von neuen Autos zu umgehen. Das ist aber ein Spiel auf Zeit.

Statistenrolle Schweiz

In der Schweiz sind gleich mehrere Behörden zuständig für die Zulassung solcher Stoffe. Zum einen das Bundesamt für Gesundheit (BAG), zum anderen das Bundesamt für Umwelt Bafu). Das BAG meldet auf Anfrage, dass das Kühlmittel auf dem Schweizer Markt bis jetzt weder angemeldet noch registriert sei. Auch das Bundesamt für Umwelt hat den Stoff bis jetzt noch nicht geprüft. Allerdings werden die Schweizer Behörden letztlich wohl so oder so nicht darum herumkommen, jene Regelung zu übernehmen, welche die EU schliesslich mit den Fahrzeugherstellern aushandelt. Dies aus zwei Gründen. Erstens: Fahrzeugtypen, die eine EU-Gesamtzulassung erhalten haben, werden laut Thomas Rohrbach, Sprecher des Bundesamtes für Strassen, in der Schweiz von Gesetzes wegen automatisch auch zugelassen. Zweitens könnte die Schweiz gegenüber der Fahrzeugindustrie kaum durchsetzen, dass sie speziell für die Schweiz konfigurierte Fahrzeuge herstellt.

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