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«Diese Solidarität wird die Pandemie überleben»

Überall, im Netz und an Laternenpfählen, wird Hilfe angeboten. Sogar mehr, als gesucht wird – weil viele Leute zögern, fremde Hilfe anzunehmen.

Nachbarschaftshilfe in Zeiten von Corona: Eine Studentin unterstützt eine Rentnerin. Foto: Andrea Zahler
Nachbarschaftshilfe in Zeiten von Corona: Eine Studentin unterstützt eine Rentnerin. Foto: Andrea Zahler

Céline aus Wallisellen bietet an, für Risikogruppen einzukaufen. Thomas aus Hindelbank erledigt Botengänge. Silja aus Zug verpflegt Kinder über Mittag. Lea aus Zürich bietet Hilfe an, wo immer es sie braucht. Die App «Five Up» bringt Helfer und Hilfesuchende zusammen – eigentlich bereits seit vergangenem August. Am letzten Montag aber schnellten die Zugriffe plötzlich in die Höhe, 22’000 Nutzer registrierten sich allein seit Samstag. Zeitweise griffen pro Minute über 2000 Leute auf die Plattform zu.

An Hilfsangeboten kommt man heute kaum mehr vorbei: In allen Städten und Quartieren organisieren sich Helferinnen, sie gründen Facebook-Gruppen –«Gern gscheh – Tsüri hilft», «Basel hilft», «Bärn hiuft». Auf der Crowdfunding-Plattform Wemakeit sammelt ein Kollektiv ab heute Abend Geld für einen Solidaritätsfonds, aus dem Freischaffenden und Selbstständigen ein Überbrückungseinkommen gezahlt werden soll. Die Website liebe-nachbarn.com hilft dabei, Nachbarschaftshilfe zu leisten. Und in der realen Welt hängen Flyer mit Hilfsangeboten an Laternenpfählen und Hausecken. Es scheint, als sei der Aufruf des Bundesrats zur Solidarität auf fruchtbaren Boden gefallen.

Solidarität ist vom lateinischen Solidum abgeleitet: Wir stehen alle auf demselben Boden.

«Es gibt zurzeit mehr Leute, die Hilfe anbieten, als solche, die Hilfe benötigen», sagt Lukas Niederberger, Geschäftsleiter der Schweizerischen Gemeinnützigen Gesellschaft. Das habe nicht nur damit zu tun, dass viel Hilfe angeboten wird, sondern dass sich viele Leute schwertäten, Hilfe von Fremden anzunehmen. Insbesondere ältere, verletzliche Leute würden erst Verwandte, Bekannte und kommerzielle Hilfsangebote angehen, bevor sie einen Fremden in ihre Wohnung liessen. Das könnte sich nun ändern: «Die Kleinfamilie stösst in der jetzigen Situation rasch an ihre Grenze», sagt Niederberger. Nun sei sie wohl eher bereit, ihr Kind von einer fremden Babysitterin betreuen zu lassen.

Niederbergers Appell ist deshalb ein ganz anderer als jener der Landesregierung. Er fordert: «Nehmt Hilfe an!»«Five Up»-CEO Maximiliane Basile beobachtet, dass auf ihrer Appauffallend viele Junge ihre Hilfe anbieten. «Den Jugendlichen, die in Wohlstand aufgewachsen sind, bringt es mehr Befriedigung, anderen zu helfen oder sich fürs Klima zu engagieren, als an einen Event zu gehen», sagte sie. Auch Ältere würden viel helfen, aber sie gingen eher direkt bei einer Hilfsorganisation vorbei.

Solidarität wird herausgefordert

Doch dann gibt es auch die anderen Szenen: Die Hamsterkäufer, die im Supermarkt hastig sämtliche Packungen mit Milchpulver in den Einkaufswagen schaufeln. Die Gäste im Seerestaurant, die noch am Sonntagdicht gedrängt die Sonne auf der Terrasse genossen. Es scheint, dass die Menschen zwar bereit sind, etwas zu geben, nicht aber zu verzichten. «Unsere Solidarität wird heute herausgefordert. Nun zeigt sich, ob sie trägt oder nicht», sagt Peter G. Kirchschläger, Professor für Theologische Ethik und Leiter des Instituts für Sozialethik an der Universität Luzern. Wie auch sonst beim Lernen müsse man vom Einfachen zum Schwierigen gehen, von den kleinen Zeichen der Hilfsbereitschaft hin zu immer grösseren Einschnitten in die eigene Komfortzone.

«Der Mensch besitzt grundsätzlich die Fähigkeit, solidarisch zu sein», sagt er. Gerade Aktionen wie die auf Five Up bildeten dies gut ab. Und sie machten die Bedeutung des Worts Solidarität bewusst, das vom lateinischen Solidum abgeleitet ist: Wir stehen alle auf demselben Boden.

Solidarität soll allen gelten

Peter G. Kirchschläger beobachtet allerdings auch weniger Positives: etwa, dass sich Solidarität nicht selten auf bestimmte Gruppen beschränkt – was dem Kerngedanken der Solidarität fundamental widerspricht. Die betagte Nachbarin bekommt sie, Menschen auf der Flucht bekommen sie gerade heute nicht.

Gerade weil die ältere Generation heute viel Unterstützung erhält, will der Geschäftsleiter der Gemeinnützigen Gesellschaft eine Idee lancieren: Diese Generation, die 70 Prozent des gesamten Vermögens besitzt, könnte einen Corona-Solidaritätsfonds gründen und so ihrerseits all jenen helfen, die am stärksten unter der Pandemie leiden.

Was aber bleibt von der Solidarität, wenn diese Pandemie einmal bewältigt ist? «In der jetzigen Situation schärfen wir unser Sensorium für unser Gegenüber, wir tragen zueinander Sorge», sagt Peter G. Kirchschläger. «Diese Solidarität wird die Pandemie überleben.»

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