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In die Apotheke statt zum Hausarzt

Erstkonsultationen sollen statt beim Arzt künftig auch in einigen Apotheken möglich sein. In 200 Apotheken der Schweiz startet ein Pilotprojekt. Medizinische Unterstützung erhält der Apotheker per Videokonferenz.

Anlaufstelle für eine erste medizinische Beratung? Eine Apotheke in Zürich.
Anlaufstelle für eine erste medizinische Beratung? Eine Apotheke in Zürich.
Keystone

NetCare nennt sich der auf zwei Jahre angelegte Pilot, an dem sich der Schweizerische Apothekerverband pharmaSuisse, das Schweizerischen Zentrum für Telemedizin Medgate und der Kranken- und Unfallversicherer Helsana beteiligen.

Ein solcher Apothekenbesuch läuft beispielsweise wie folgt ab: Ein Patient klagt über Rückenschmerzen und wendet sich an eine netCare-Apotheke. Dort wird der Patient in einem separaten Raum gemäss einem Fragenkatalog - in der Fachsprache Algorithmus genannt - befragt und beraten. Der Apotheker vermutet eine Entzündung und empfiehlt den Beizug eines Arztes.

Dieser wird per Videokonferenz zugeschaltet. Nach einer Beratung - ob der Apotheker dabei bleibt, entscheidet der Patient - schreibt der Arzt ein Rezept für einen Schmerz- und Entzündungshemmer aus. Das Rezept faxt er umgehend; der Apotheker übergibt das Medikament und klärt den Patienten darüber auf.

Am Ende einer Beratung könne auch ein nicht rezeptpflichtiges Medikament oder eine Überweisung an einen Arzt oder ein Spital stehen, sagte der Präsident von pharmaSuisse, Dominique Jordan, am Montag vor den Medien in Bern. Nach drei Tagen werde zudem ein Kontrollanruf beim Patienten gemacht, sagte Andy Fischer, Konzernchef von Medgate.

Wer zahlt?

Kostenpunkt: 15 Franken für die «Triage» beim Apotheker; 48 Franken für den Arzt auf dem Bildschirm plus das Medikament. Für Helsana-Kunden übernehme die Kasse die Kosten, sagte Pius Gyger, Leiter Gesundheitspolitik bei Helsana.

Mit den anderen Krankenkassen, die mit Medgate zusammenarbeiten, laufen die Verhandlungen noch. Fischer sagte, er denke, dass der Grossteil mitmachen werde. Ob dabei alle den Service kostenlos anbieten, ist unklar. Pech hat, wessen Krankenkasse nichts übernimmt: Diese Patienten müssen die Kosten aus eigener Tasche bezahlen.

20 Krankheitsbilder

Im Moment gebe es 20 verschiedene Algorithmen, so für Husten, Blasenentzündung, Bindehautentzündung oder Halsweh, sagte Jordan. Die Vertraulichkeit bleibe gewahrt, denn analog zum Arztgeheimnis unterliege sein Berufsstand einem Apothekergeheimnis.

Auch die Videoleitung sei sicher, hiess es. Die Technik kommt demnach von Cisco, die Leitung von Swisscom. Klar ist auch, wer bei einer Fehldiagnose haftet: Irrt der Apotheker, so haftet dieser, irrt der Arzt, Medgate.

Versorgungslücke schliessen

Der Anstoss für netCare kam von den Apothekern, die sich eine bessere Auslastung und ein Zusatzeinkommen erhoffen. Man wolle auch eine Lücke schliessen, unter anderem wo ein Hausarzt fehle. «Immer mehr Menschen haben keinen Hausarzt, die Notfallzentren sind chronisch überlastet», sagte Jordan. Apotheker und Apothekerinnen seien qualifiziert, medizinische Leistungen zu erbringen.

Hausärzte fehlen bereits heute in Randregionen. Ein Blick auf die netCare-Karte zeigt, dass die Pilot-Apotheken vor allem in den Agglomerationen der Deutschschweiz liegen. Im Kanton Graubünden machen nur gerade sieben Apotheken mit. Grund sei, dass viele Apotheken in den Randregionen vor den hohen Kosten von rund 10'000 Franken im Jahr zurückgeschreckten, sagte Jordan.

Krankenkasse hofft auf Senkung der Kosten

Ziel des Projekts ist es auch, Gesundheitskosten zu sparen. Denn Bagatellfälle sollen in Apotheken statt von Hausärzten oder Notfallzentren behandelt werden. Gerade bei Notfällen waren die Kosten zuletzt rasant gestiegen. Zahlen zu einer Kostenersparnis wurden am Montag aber keine genannt. Unter anderem soll dies in einer Begleitstudie geklärt werden. Wer diese durchführt, ist noch offen. Sie werde aber durch eine unabhängige Institution durchgeführt, sagte Jordan.

SDA/jak

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